Medizin:Schmerz- und Fiebersäfte für Kinder werden knapp

Lesezeit: 2 min

Medizin: Peter Sandmann betreibt drei Apotheken in München und ist oberbayerischer Regionalsprecher für den Bayerischen Apothekerverband (BAV).

Peter Sandmann betreibt drei Apotheken in München und ist oberbayerischer Regionalsprecher für den Bayerischen Apothekerverband (BAV).

(Foto: Stephan Rumpf)

Apotheker und Ärzte warnen, dass diese Medikamente derzeit kaum zu bekommen sind. Gründe dafür sind die Situation auf dem Weltmarkt und eine Erkältungswelle.

Von Stephan Handel

Der Aufruf klang dramatisch: "Ich möchte keine Panik verbreiten", schrieb eine Frau in einer Whatsapp-Elterngruppe, "aber falls jemand nur noch wenig Ibu daheim hat, lohnt es sich, was zu kaufen. Es gibt grad gar nix mehr." Die Nachricht kam von einer, die es wissen muss: Die Frau arbeitet in München als Apothekerin und beklagt wie praktisch alle ihre Berufskollegen einen eklatanten Engpass bei Schmerz- und Fiebersäften für Kinder, also bei Medikamenten mit den Wirkstoffen Ibuprofen und Paracetamol.

Die Gründe für die Versorgungsschwierigkeiten sind vielschichtig. Als Hauptursache wird der Rückzug eines Herstellers genannt, er stellte wegen gestiegener Rohstoffpreise die Produktion seines Paracetamol-Saftes ein, sodass jetzt nur noch ein einziger anderer Hersteller die Nachfrage bedienen muss. Hinzu kommt, dass die Produktion zum Großteil im Fernen Osten stattfindet - dass aber viele Lieferungen wegen der Corona-Restriktionen Europa nicht erreichen.

Peter Sandmann, der in München drei Apotheken betreibt und oberbayerischer Regionalsprecher für den Bayerischen Apothekerverband (BAV) ist, macht zudem die derzeit erhöhte Nachfrage verantwortlich: "Im Moment sind viele Kinder krank - wir sehen eine hohe Zahl an Sommererkältungen." Sandmann sieht einen Grund dafür auch in den seit mehr als zwei Jahren geltenden Corona-Auflagen: "Unser Immunsystem hat ein bisschen verlernt zu tun, wofür es da ist."

Der Bayerische Landesverband der Kinder- und Jugendärzte warnte schon Ende Juli vor dem Engpass. "Jetzt rächt sich, die Produktions-Verlagerung sogenannter unrentabler, aber für bestimmte Patientengruppen wichtiger Arzneimittelspezifikationen ins außereuropäische Ausland", schimpfte dessen Vorsitzender Dominik Ewald. "Das weiß doch jedes Kind, dass Babys und Kleinkinder keine Tabletten schlucken können." Für die Hersteller ist die Produktion von Saft oder Zäpfchen aufwendiger als die von Tabletten, weshalb diese nun knapp sind, während Arzneien mit dem gleichen Wirkstoff für Erwachsene in Tablettenform ohne Weiteres verfügbar sind.

Bis zum Herbst dürfte die Versorgungslücke noch anhalten, dann soll es besser werden

Für Lena Riemann-Mosinski, Pressesprecherin des Bayerischen Apothekerverbandes, ist die Lage nicht ganz so dramatisch - sie rät Eltern, gegebenenfalls mehrere Apotheken abzuklappern: "Das kann sich lohnen. Vielleicht hat die eine noch etwas mehr bevorratet und kann abgeben." Das hält ihr Kollege Peter Sandmann für nicht sehr realistisch: "Es geht uns doch allen gleich. Da kriegst du vielleicht mal zehn Packungen, aber die sind dann auch gleich wieder weg."

Bis zum Herbst wird die Versorgungslücke noch anhalten. Dann, so haben die verbleibenden Produzenten gegenüber dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angekündigt, könnten sie den Ausfall des einen Produzenten kompensieren, sie wollen dafür ihre Kapazitäten erhöhen. Allerdings sei der Preis für den Grundstoff Paracetamol in den vergangenen zwölf Monaten um 70 Prozent gestiegen.

Apotheker Sandmann eröffnet noch eine weitere Möglichkeit, wenn wirklich gar nichts mehr geht: Die Apotheken könnten Säfte und Zäpfchen selbst herstellen, indem sie Erwachsenen-Tabletten zerreiben, "das können wir". Das allerdings ist für die Kunden mit erhöhtem Aufwand verbunden, denn sie müssen noch einmal zu ihrem Kinderarzt und ein neues Rezept ausstellen lassen, mit einem Rezept für ein Fertigmedikament darf der Apotheker so nicht tätig werden. Außerdem ist diese Art der Versorgung sehr viel teurer. Sandmann rät deshalb dazu, den "Ball flach zu halten": "Das wird sich schon wieder verbessern und normalisieren. Spätestens im Herbst."

Zur SZ-Startseite

SZ PlusSozialpolitik
:Bayerische Kommunen warnen vor Betreuungsnotstand

Der Fachkräftemangel in Kitas und Horten ist so dramatisch, dass Verbände Alarm schlagen. Der Rechtsanspruch der Eltern auf Ganztagsbetreuung sei nicht umsetzbar.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB