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Biologie:Was ist eigentlich ein Herbar?

Drei Stockwerke mit 3,2 Millionen platten Pflanzen – das Reich von Kurator Andreas Fleischmann.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wie töten Pflanzen? Wer war Charles Darwin voraus? Grundwissen für Andreas Fleischmann, Kurator des Münchner Herbars. Er verwaltet Millionen Gewächse- vor allem aber forscht er, am Klimawandel oder über Pflanzensex.

Von Philipp Crone

Ein einziger Buchstabe hat ihn auf die Spur gebracht. Als sich Andreas Fleischmann die Beschriftung ansah, wieder und wieder, fiel ihm das Ypsilon auf. "Vom Eppendorfer Moor bey Hamburg" steht in sich kräuselnder Handschrift Schwarz auf vergilbtem Weiß unter der getrockneten und plattgedrückten Pflanze. Fleischmann, ein schmaler Mann mit taschenübersähter Outdoorhose, Kurzbart und Trekkingschuhen, hält im ersten Stock des Alten Botanischen Instituts zwischen deckenhohen Tresoren eine rote Mappe in beiden Händen. Er sagt: "Es muss im 18. Jahrhundert aufgeschrieben worden sein." Mit diesem Ypsilon begann vor Monaten eine Detektivgeschichte über einen Pflanzensammler, der Charles Darwin weit voraus war.

Wenn Fleischmann forscht, geht es nicht nur um einzelne Gewächse oder um sein Spezialgebiet der Fleisch fressenden Pflanzen. Bei Fleischmann, Biologe und Kurator eines der größten Herbarien des Landes mit 3,2 Millionen getrockneten Pflanzen, geht es schnell um alles. Um Religion, Klimawandel, die Zukunft auf dieser Erde, mindestens die pflanzliche. Es geht vom ganz Winzigen zur ganzen Welt, vom mikroskopischen Detail zum größten Ganzen. Aber auch mal zum Absurden, etwa wenn er von dem russischen Kollegen erzählt, der Zehntausend Rüsselkäfer unterscheiden konnte. Und um Sex geht es natürlich auch. Aber zunächst um das Ypsilon.

Fleischmann deutet auf die Pflanze, die mit fadenfeinen Papierschnipseln auf das Blatt gefesselt ist. Das getrocknete Exemplar ist ein sogenannter Typus-Beleg, den es braucht, um eine Art zu beschreiben. Nur wer einen solchen Beleg vorweisen kann samt einer Beschreibung, kann auch eine neue Art definieren. Mittlerer Sonnentau, Drosera intermedia. "Achtung", sagt Fleischmann, "die sind mit Quecksilber oder Arsen behandelt."

Die Stimme des 39-Jährigen schlängelt sich vorlesungserprobt durch die Sätze, ohne Stocken, springt nur bei besonders spannenden Stellen kurz hoch. Er war auf der Suche nach einem bestimmten Typus-Exemplar dieser Art, als Fleischmann vor Monaten die Mappe aus einem von hunderten Fächern des über drei Stockwerke gehenden Herbars rauszog, auf das Ypsilon blickte und einen Verdacht hatte.

"Bei" schrieb man im Achtzehnten Jahrhundert oft "Bey". Könnte das vielleicht das so lange vermisste Exemplar des Mittleren Sonnentaus aus Hamburg sein, mit dem die Pflanze vor gut 200 Jahren erstmals beschrieben wurde? Das aber seitdem verschollen war? Fleischmann musste also klären, warum die Pflanze nun in München ist und ob das Alter stimmt. Musste? Wollte.

Es ist ein Drang, den wahrscheinlich nur leidenschaftliche Sammler, die gleichzeitig Bibliothekare und Systematische Botaniker sind, nachvollziehen können. Durch einen graphologischen Vergleich fand Fleischmann zunächst den Herbar-Besitzer heraus, der das Exemplar archiviert haben musste. Er hieß Johann Christian von Schreber, nach dessen Onkel die gleichnamigen Gärten benannt sind, und war einer der bekanntesten Botaniker im 18. Jahrhundert.

Ein paar Schriftvergleiche später fand er auch den Sammler heraus, der diesen Sonnentau 1798 gefunden hatte. Der hatte dazu auf Latein notiert, dass bei diesem Exemplar in den eingekrümmten Blättern kleine Insekten zu finden seien. Dass die Pflanze also offenbar Insekten fängt und frisst. "Das war revolutionär."

Das -är dehnt Fleischmann, wie es Dozenten machen, die von einem Satz zum nächsten springen wollen, aber noch nicht ganz genau wissen, wie der nächste anfängt.

"Jeder, der seinerzeit etwas auf sich hielt, hatte ein Herbar"

Drei Stockwerke mit 3,2 Millionen platten Pflanzen – das Reich von Kurator Andreas Fleischmann.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bis zum Zeitpunkt des Fundes dachte man, dass Pflanzen kein Fleisch fressen, "das hielt man damals für unmöglich, weil es gegen die gottgewollte Ordnung verstoßen hätte". In der Bibel stehe ja, dass Tiere die Pflanzen fressen und nicht andersrum. "Erst etwa hundert Jahre später hat Charles Darwin zu Fleisch fressenden Pflanzen publiziert." Darwin habe die Kirche damals nicht nur mit seiner Evolutionstheorie erschüttert, sondern auch mit seinem großen Werk über Fleisch fressende Pflanzen von 1875.

Fleischmann forschte weiter. Warum war eine Pflanze aus Hamburg in München gelandet? Schrebers Herbar mitsamt dem Sonnentau wurde 1813 vom Bayerischen König gekauft, um das königliche Herbarium in München zu gründen. "Jeder, der seinerzeit etwas auf sich hielt, hatte ein Herbar", sagt Fleischmann, ein langes A im Herbar. Das war damals wie das Briefmarkensammeln. Man tauschte die Funde und dokumentierte nebenbei, dass man in der Welt herumkam. Die Herbare von Therese von Bayern oder vom Hof-Gspusi Lola Montez etwa sind auch im Archiv zu finden.

In seinem Rede- und Anekdotenfluss hat der 39-Jährige jederzeit die letzte Pointe seiner Geschichte im Blick, es gibt nur immer auch so viele kleine auf dem Weg dorthin. Fleischmann schwenkt dann von einem historischen Abriss über Herbare schnell wieder zum Klimawandel. Nur noch kurz zu Napoleon. "Der hat in neue Kolonien immer Botaniker geschickt, damit die für ihn Pflanzen entdecken." Aus Prestigegründen und weil man wusste, dass manche Pflanzen als Nutz- oder Heilpflanzen oder als Zierde einsetzbar sind. "So kamen zum Beispiel die Tomaten in Mode, die wurden wegen ihrer roten Früchte zunächst nur als Zierpflanzen in den Schlossgärten gepflanzt, da kam noch keiner auf die Idee, die zu essen."

Fleischmann geht vorbei an einem der Tresore, er müsste wahrscheinlich gar nicht erst die Augen öffnen, um den Ordner mit den Königsexemplaren rauszuziehen, so selbstverständlich bewegt er sich auf dem Linoleumboden zwischen den Reihen. Da finden sich Schriften des Forschers Carl von Linné oder der älteste Herbarbeleg Münchens, von 1699.

Der Mittlere Sonnentau kam also nach München. Ein unentdeckter Schatz, wie es so viele in diesen riesigen Regalreihen gibt, die auf Schienen stehen und über eine Kurbel zusammen- und auseinandergerollt werden können. So sind Millionen Pflanzen auf minimalem Raum archiviert. Der Kurator muss sich immer erst eine Schneise freirollen, etwa wenn er zum Beispiel im zweiten Quergang zur kleinen Eukalyptus-Abteilung möchte.

Noch immer finden Botaniker permanent unbekannte Pflanzen. "Ich schätze, dass auch hier drin sehr viele noch nicht beschriebene Arten sind." Pause. Der Dozent lässt den Satz kurz wirken.

Jedes Jahr kommen 20 000 Neuzugänge nach München, wie Fleischmann Einsendungen nennt, die ihm Sammler oder Kollegen schicken. In seinem Büro gibt es deshalb einen Stapel, der den Forscher ein bisschen wie einen chaotischen Wissenschaftler wirken lässt. Der "Saustall" sei von den Kollegen so aufgetürmt, sagt Fleischmann und wippt mit den Treckingschuhen auf die Außenkanten.

Das Münchner Archiv, auf Platz 20 der größten der Welt, ist ein Zeugnis über die Veränderungen im Land. "Größe ist gut in diesem Fall", sagt Susanne Renner, Direktorin des Herbars und Leiterin des Lehrstuhls für Systematische Botanik und Mykologie. Fleischmanns Chefin also. "Und es ist seit 200 Jahren unzerstört und gut kuratiert." Das kann man im eher dezenten Wissenschaftsgewerbe durchaus als Lob für den Kurator werten. "Er ist extrovertiert und hat ein hervorragendes Gedächtnis." Mag extrovertiert in anderen Branchen einen negativen Klang haben, bei den Botanikern nicht. Da ist man um jemanden, der die Pflanzen verbal in Szene setzen kann, eher froh. Extrovertierte sind in der Botanik eine eher seltene Spezies.

Im Münchner Herbar lagert, wie Fleischmann sagt, "wo was wuchs und wo was wächst". Und einer wie er kann diese Pflanzen interpretieren und in Entwicklungen übersetzen. Zum Beispiel die in München.

Fleischmann hat an seiner Bürotür Dutzende Post-its mit vergilbter Kugelschreiberschrift kleben. "Die verwende ich wieder." Darauf steht zum Beispiel: "Bin im Herbar-Erdgeschoss", "Freitag nicht im Haus" oder "Bitte nicht stören". Der Hang zum Sammeln von alten, trockenen und platten Sachen scheint ausgeprägt zu sein. Neben den Zetteln hängt ein Poster mit einer Landkarte von München. Die Stadt ist in Bereiche eingeteilt und dabei steht jeweils die Zahl der dort vorkommenden Pflanzenarten. Rund um den Hauptbahnhof gibt es 132, die kleinste Zahl. Aber warum ist der Westen der Stadt so artenreich? Fleischmann sagt: "Weil es da verschiedene Böden gibt und einige Moore." Auf jedem Boden wachsen andere Pflanzen.

Manche Arten kommen im Laufe der Zeit dazu, andere verschwinden. "Ein Viertel aller Pflanzen in der Stadt ist in den letzten 200 Jahren ausgestorben." Dafür sind von den heute 2500 Pflanzenarten in München ein Viertel neu eingewandert. Sogenannte Neophyten, etwa aus Ziergärten, wie Riesenbärenklau. "Der wurde bewusst ausgesetzt." Fleischmann schätzt, dass 90 Prozent aller Neophyten von Imkern gepflanzt wurden, damit ihre Bienen abwechslungsreiche Nahrung haben.

Das Edelweiß war mal an der Isar heimisch oder auch der Alpenschwemmling. "Der kam früher mit dem Hochwasser und blieb auf dem Kies hängen." Heute gibt es den Sylvensteinspeicher und Hochwasser sind eher selten.

Der Kurator ist auch Evolutionsbiologe. Er forscht daran, wie Fleisch fressende Pflanzen entstehen. Und er forscht an der Bestäubungsbiologie, einem zentralen Thema bei Klimawandel und Artensterben. Fleischmann berechnet Stammbäume, unternimmt Expeditionen, und wenn er bei der Familie mit dem kleinen Sohn ist, bringt er dem Kind im heimischen Gewächshaus die von ihm gezüchteten Drosera-Pflanzen näher. "Der Kleine zupft jetzt auch schon Blümchen aus und bringt sie mir." Seine Frau stört der Pflanzen-Schwerpunkt im Leben ihres Mannes nicht, sie ist biologisch-technische Assistentin.

Fleischmann kann keinen Siebener BMW von einem Dreier unterscheiden, dafür Hunderte Sonnentau-Arten auf einen Blick benennen. Und er versucht, nicht nur die aussterbenden Pflanzen zu bewahren, sondern auch die währenddessen ebenfalls aussterbenden Experten, wenigstens will er sie durch Computer ersetzen. Deshalb bringt er nun Computern bei, über Kameras Pflanzen zu erkennen. Image Recognition. "Facebook und Google wissen sofort, wer von den Milliarden Menschen da gerade durchs Bild läuft, das können wir für Pflanzen auch schaffen." Bislang gehe das über Apps wie "Flora Incognita" aber erst "sehr holprig".

Also bekommt der Computer einen riesigen Trainingsdatensatz von Zehntausenden Fotos von Pflanzen aus allen Winkeln und in allen Zuständen. Dann wird er irgendwann so schlau wie der russische Rüsselkäferkenner, der eben Zehntausend verschiedene unterscheiden konnte, aber sein Wissen mit ins Grab nahm. Das passiert dauernd, Spezialwissen geht verloren. "In hundert Jahren kann sonst vielleicht keiner mehr sagen: Das ist eine Kamille und das ist eine falsche Kamille."

Als Fleischmann noch ein Kind war, fuhr er zum Baumarkt, kaufte sich Fleisch fressende Pflanzen und begann, sie zu beobachten, sie zu züchten. Wie unbewegliche Lebewesen bewegliche fangen können, etwa mit Fangblättern und Blattzähnen, oder wie der Sonnentau mit einem als tautropfen getarnten Klebesekret, auf das sich ein Insekt setzt. Sobald es auf dem Tropfen gelandet ist, dreht sich das Blatt ein. All das fand Fleischmann faszinierend. Findet er.

Heute sagt der Biologe: "Wie die Pflanzen Insekten anlocken, ist irre." Dabei haben sie ein grundsätzliches Problem: Mit ihren Blättern locken sie Insekten an, um sie zu fressen, mit ihren Blüten allerdings locken sie Insekten an, damit die sie bestäuben. "Aber die Pflanzen können ja ihren Bestäuber nicht fressen." Also müssten sie sich entscheiden: Will ich fressen oder Sex? "Entweder fressen die Pflanzen erst und blühen dann oder andersrum. Manche trennen räumlich, mit langen Blütenstilen, "oben Sex, unten essen." Oder die Pflanze fängt Mücken und lockt mit den Blütenblättern Bienen an. "Und die Biene fällt nicht auf die glitzernden Tautropfenattrappen rein, Mücken schon."

Bei einem Forschungsprojekt in Australien, dem Hot Spot für fleischfressende Pflanzen, beobachtete er, wie sich die einzelnen Arten auf ganz unterschiedliche Insekten spezialisiert haben. Der Artenschutz? "Wenn wir wissen, wo viele Arten sind, können wir diese Regionen besser schützen." Denn zusätzlich sei es so, dass Fleisch fressende Pflanzen bei einer Verschlechterung der Lebensräume als erste verschwinden. "Sie sind Indikatoren für eine Verschlechterung." Weil sie auf nährstoffarmen Böden vorkommen und sich zusätzlich durch Insekten Nährstoffe holen. Wenn Schmutz, Chemikalien oder Dünger dazukommen, gehen diese Pflanzen ein.

Fleischmann zeigt und erklärt. Sortiert und konserviert. Forscht, hält Vorlesungen, schreibt Fachartikel. "Ich kann das nicht abschalten." Nicht einmal im Urlaub. Seine Frau fragt bei der Planung zunächst, wo es schön ist. "Ich frage immer als Erstes: Was wächst denn da?

© SZ vom 06.06.2020/lfr
Sara Leonhardt

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