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Gleichstellung:Genderpolitik für alle

Regenbogenflaggen zum Christopher Street Day in München, 2020

Die Gleichstellungsstelle im Rathaus hat vier Videos in Auftrag gegeben, die sperrige Begriffe erklären.

(Foto: Robert Haas)

Wie denkt man unterschiedliche Bedürfnisse von Geschlechtern gleich mit? Was genau heißt eigentlich Gender Mainstreaming? Eine Kampagne der Stadt erklärt die Anliegen von Gleichstellungs­arbeit anschaulich.

Von Heiner Effern

Die Stadt will ein Zeichen setzen für mehr Geschlechtergerechtigkeit, gerade in Zeiten, in denen Emotionen und Vorurteile zuhauf hochkochen. Deshalb hat sie eine Kampagne gestartet, die mit vier Videos, Plakaten, Postkarten und Broschüren Verständnis wecken und den Weg zu einer Gesellschaft ohne Diskriminierung weiter ebnen soll. "Der Begriff Gender und die Anliegen von Gleichstellungsarbeit werden immer wieder verzerrt dargestellt, ins Lächerliche gezogen und diffamiert", sagte Zweite Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne).

Sie sieht einen klaren politischen Auftrag, bei diesen Reaktionen gegenzuhalten und sich für gleiche Lebensumstände für alle einzusetzen. "Es geht darum, strukturelle Ungerechtigkeiten abzubauen sowie Chancengleichheit und Gleichstellung von Frauen, Männern und Menschen weiterer Geschlechter zu fördern", sagt Bürgermeisterin Habenschaden.

Die vier Filme, die auf der Homepage der Gleichstellungsstelle abzurufen sind (t1p.de/gleichstellungsarbeit), geben Einblick in deren Arbeit und erklären zudem, was hinter den Begriffen Genderkompetenz, Gender Mainstreaming und Gender Budgeting steckt. An anschaulichen Beispielen wird deutlich gemacht, wie sehr einfache Entscheidungen bewusst oder unbewusst eine Gruppe von Menschen bevorzugen oder benachteiligen können.

Genderkompetenz soll dies verhindern, indem sich die Verantwortlichen schon vorher die unterschiedlichen Lebenssituationen, Bedürfnisse und Voraussetzungen von Frauen, Männern und Personen anderen Geschlechts klar machen. Im dazugehörigen Film erscheinen drei Personen, die Arbeitskleidung der Feuerwehr, der Müllabfuhr und einer Pflegekraft in Standardgrößen tragen. Da sie aber sehr unterschiedlich gebaut sind, verschwindet eine Person in der Uniform, die zweite zeigt bei kurzer Hose die Beine, die dritte präsentiert sich ungewollt und wenig ästhetisch bauchfrei. Ein dreimaliges kurzes Aufploppen einer Art Zauberwolke zeigt, dass mit Genderkompetenz bestellte Arbeitskleidung besser passt: nämlich wie angegossen, bei allen.

Die Videos sollen "einen niedrigschwelligen Einstieg" zu diesem Thema bieten, sagte Nicole Lassal, städtische Gleichstellungsbeauftragte und Leiterin der Gleichstellungsstelle für Frauen. "Sie stehen als Material zur Verfügung, um in Fortbildungen, Institutionen, Schulen, Fachberatungsstellen und anderen Kontexten eingesetzt zu werden." Gerne könnten sie auch über die sozialen Medien geteilt werden, damit sie eine große Reichweite erlangen. Sperrige Begriffe wie Gender Mainstreaming sollen so auf breitere Ebene ankommen, und sich dort vor allem auch Wirkung entfalten.

Behörden, Institutionen aber auch jede einzelne Person gestalten dabei ihr Handeln so, dass kein Geschlecht benachteiligt wird. Wie schnell das geht, wird am Bau eines Radwegs gezeigt. Erst einmal erscheint eine solche Fahrbahn völlig neutral. Sieht man vor dem Bau hin, merkt man, dass Radwege von Männern, Frauen aber etwa auch Kindern völlig unterschiedlich genutzt werden. Erst wenn man die Bedürfnisse aller analysiert hat, kann man eine Fahrbahn so einrichten, dass am Ende auch alle gleich viel davon haben. Im vierten Video wird erklärt, wie viel Einfluss die politischen Ebenen schon alleine damit auf Geschlechtergerechtigkeit haben, wie sie ihr Geld ausgeben. Das Gender Budgeting, in München gleichstellungsorientierte Haushaltssteuerung genannt, kontrolliert und stellt schon bei den Beschlüssen sicher, dass die Stadt ihre Mittel so in investiert, dass Menschen aller Geschlechter gleich viel davon haben und mehr Gerechtigkeit erzielt wird. Der Film zeigt dies am Beispiel von mehr oder weniger öffentlichen Ausgaben für Kinderbetreuung und Pflege und deren Wirkung auf Frauen.

"Geschlechtergerechtigkeit zu fördern ist eine Aufgabe für uns alle und ein Auftrag aus dem Grundgesetz", sagte Lasalle. Bürgermeisterin Habenschaden stimmte ihr zu und betonte, wie wichtig ein geschärftes Bewusstsein im Kampf gegen Vorurteile und Verunglimpfung ist. "Wenn es Unsicherheit über die Ziele und Inhalte von Gleichstellungsarbeit gibt, dann haben solche im Kern antifeministischen Versuche ein leichtes Spiel, in Teilen der Bevölkerung Zustimmung zu finden für ihre antidemokratischen, Frauen- und LGBTIQ*-feindlichen Anliegen."

© SZ vom 10.05.2021/vewo
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