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Vergiftete Flaschen in Supermärkten:Verdächtige soll schon 2018 Giftanschlag verübt haben

Supermarkt in München während der Corona-Krise, 2020

Die Dosis in den Flaschen hätte jeweils ausgereicht, um einen Menschen zu töten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bei einer Veranstaltung im Münchner Gasteig mischte sie offenbar Gift in die Gläser. Zwei Kinder wurden daraufhin ohnmächtig und mussten ins Krankenhaus.

Von Isabel Bernstein

Im Fall der vergifteten Getränkeflaschen in Münchner Supermärkten haben die Ermittler neue Erkenntnisse. Die festgenommene Verdächtige soll für mindestens einen Notarzteinsatz bei einer Kulturveranstaltung im Gasteig im November 2018 verantwortlich sein, bei dem zwei Mädchen im Alter von damals sieben und zehn Jahren nach dem Trinken von Apfelsaft ohnmächtig wurden und ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Die Ermittler der Soko Tox gehen davon aus, dass noch mehr Taten auf das Konto der 56-Jährigen gehen. Sie habe seit 2018 wahllos mit Giften hantiert, so der Leiter der Mordkommission des Polizeipräsidiums München, Josef Wimmer, auf einer Pressekonferenz am Dienstagmittag: "Wir haben viel Glück, dass wir keine Toten haben."

Die Polizei sucht daher nach Menschen, die seit dieser Zeit bei sich vergiftungsähnliche Symptome festgestellt haben. Laut Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins kann es auch sein, dass die Frau nicht nur München, sondern auch überregional aktiv war, wenngleich hier noch kein Fall bekannt sei. Die Verdächtige selbst schweigt zu den Vorwürfen. Gegen sie wird nun in mehreren Fällen wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und gemeingefährlicher Vergiftung ermittelt. Dass sie auch im Nachtleben, etwa in Bars oder Discos, unterwegs war, dazu gibt es laut Polizei derzeit keine Hinweise.

Im März und April waren vier manipulierte Flaschen in zwei Münchner Supermärkten aufgetaucht. Drei Kunden hatten die vergifteten Flaschen gekauft und daraus getrunken. Zwei Frauen im Alter von 34 und 42 Jahren mussten sofort medizinisch behandelt werden, auch einem 48-jährigen Kunden soll es nach dem Verzehr schlecht gegangen sein. Die Symptome reichten von Übelkeit und Erbrechen bis hin zu Ohnmacht. Hätten sie mehr getrunken, hätte die Dosis sie auch töten können.

Nach der Festnahme der Frau hatten die Ermittler die Fälle mit älteren, ungelösten verglichen und waren auf jenen aus dem November 2018 gestoßen. Damals war Zeugen bei der Veranstaltung im Gasteig eine Unbekannte aufgefallen, die sich auffällig verhalten hatte; sie konnte jedoch nie ausfindig gemacht werden. Ein Zeuge, der damals verantwortlich war für den Ausschank, erkannte die Verdächtige auf einem Foto wieder, außerdem bestätigte eine Bekannte der 56-Jährigen, dass sie damals mit ihr bei jener Veranstaltung gewesen sei. Bei der Frau fand die Polizei außerdem eine Art Postkarte, mit "wirren Sätzen und kryptischen Wörtern", so Wimmer. Darauf standen auch die Wörter "Gasteig", der Name der Veranstaltung sowie "Notarzt". Weil die Polizei bis zu dem Zeitpunkt mit den Informationen noch nicht an die Öffentlichkeit gegangen war, handele es sich hier um Täterwissen, so der Leiter der Mordkommission.

Die zwei Geschwister hatten die Getränke bei der Veranstaltung von Getränkewagen heruntergenommen. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Apfelsaft mit einem "toxisch wirkenden Stoff aus der Gruppe der Lösungsmittel" versetzt war. Sie konnten nach einer Nacht wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden. Laut Polizei haben sie keine Folgeschäden davongetragen. Das sei die "Horrorvorstellung von Eltern", auf eine Kulturveranstaltung zu gehen und dann werden die Kinder mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert, so Anne Leiding von der Staatsanwaltschaft München I.

Die psychisch kranke Frau war Anfang Juni festgenommen worden, drei Tage, nachdem sich die Soko Tox gebildet hatte. Sie war früher bereits mehrmals strafrechtlich in Erscheinung getreten und befand sich wegen ihrer psychischen Erkrankung in Behandlung. Immer wieder liefen Ermittlungsverfahren gegen die Frührentnerin, unter anderem 2017 und 2018, als sie wiederholt Hakenkreuze an Hauswände geschmiert haben soll. Auch für Brandstiftungen in einer katholischen Kirche sowie in einer Selbsthilfeeinrichtung der Stadt in diesem Jahr soll die Frau verantwortlich sein. Verurteilt wurde sie laut Staatsanwaltschaft allerdings nie - immer wegen Schuldunfähigkeit.

Der Frau waren die Ermittler auf die Spur gekommen, weil DNA-Spuren an den Flaschen gefunden wurden - und weil die Verdächtige die Getränke zunächst in den Supermärkten gekauft und mit EC-Karte bezahlt hatte.

Hinweise zu möglichen weiteren Taten nimmt die Polizei München unter 089/2910-0 entgegen.

© sz.de/imei
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