Urteil in München:"Wir glauben nicht an islamistische Motive"

Prozess um gescheiterten Anschlag in Münchner Fußgängerzone

Der wegen eines versuchten Anschlags in der Münchner Innenstadt angeklagte Ali K. unterhält sich zu Prozessbeginn mit seiner Dolmetscherin (l). Im Hintergrund sitzt seine Rechtsanwältin Ruth Beer.

(Foto: dpa)

Ali K. wollte im Mai vergangenen Jahres ein Auto stehlen, um damit "Christenmenschen" in der Fußgängerzone zu töten. Das Gericht macht seine Krankheit für die Tat verantwortlich - und entscheidet sich für die Unterbringung in einer Psychiatrie.

Von Susi Wimmer

"Am Ende haben alle Glück gehabt. Auch Sie, Herr K.", sagt der Vorsitzende Richter Nikolaus Lantz. Ali K. ist der Mann, der im Mai vergangenen Jahres versucht hatte, in Laim ein Auto zu kapern, um damit "Christenmenschen" in der Münchner Fußgängerzone tot zu fahren. Die Generalstaatsanwaltschaft übernahm den Fall, doch am Ende des Prozesses kamen alle überein, dass der 26-jährige K. nicht aus islamistischen Motiven gehandelt hatte. Vielmehr leide K. unter einer paranoiden Schizophrenie. Deshalb entschied die zehnte Strafkammer am Landgericht München I, dass der gebürtige Iraner dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik untergebracht wird.

"Natürlich war es ein Schock", sagte ein Zeuge vor Gericht, "was da passieren kann, wenn der ins Auto kommt!" Es war am Abend des 10. Mai 2020. Leopold P. stand mit seinem Wagen an einer roten Ampel auf der Zschokkestraße, als Ali K. sich aus der Masse der Fußgänger an der Ampel löste und sein Auto ansteuerte. Mit einem 30 Zentimeter langen Küchenmesser hackte er gegen die Fahrertür und versuchte, diese zu öffnen. Doch die automatische Verriegelung verhinderte das. Anschließend ging K. laut schreiend und tobend drei weitere Autos an.

Er habe unbedingt einen großen Audi mit viel PS haben wollte, erzählte Ali K. später einem Polizisten, um in der Fußgängerzone zwischen Marienplatz und Stachus möglichst viele Menschen totzufahren. Matthias F. fuhr nach den vergeblichen Attacken dem Täter hinterher, folgte dem Mann ab den Straßenpollern in der Lautensackstraße sogar noch zu Fuß, bis zufällig eine Zivilstreife auf ihn aufmerksam wurde. "Stehenbleiben, oder ich schieße", rief einer der Polizisten. Daraufhin ließ sich K. widerstandslos festnehmen.

Laut seiner Verteidigerin Ruth Beer leidet Ali K. unter der Wahnvorstellung, die italienische Mafia habe seine Familie getötet und seine Schwester entführt. Da in der Mafia viele Christen seien, habe er sich an ihnen rächen wollen. Als bei der Vernehmung ein Polizist gefragt habe, ob er etwas mit dem Islamischen Staat zu tun habe, habe K. einfach "ja" gesagt. Der psychiatrische Gutachter Matthias Hollweg hatte diese Zustimmung als "Gedankenflucht" gedeutet, wie Richter Lantz ausführte. Im Zustand der paranoiden Schizophrenie habe Ali K. den neuen angebotenen Gedanken einfach aufgenommen. "Aber wir glauben nicht an islamistische Motive", sagte Lantz. Auch die Generalstaatsanwaltschaft sowie der beim Prozess anwesende Staatsschutz kamen zu demselben Schluss.

Ali K. ist afghanischer Staatsbürger, er kam 2011 nach Deutschland und baute sich laut Gericht "ein respektables Leben" auf. Er arbeitete als Maler, zuletzt als Fahrer, wann und warum die Krankheit über ihn kam, lässt sich nicht sagen. Er sei wohl "vereinsamt und überfordert" gewesen, meinte Nikolaus Lantz im Urteil. Auf dem Handy habe man kaum Kontakte gefunden und als Bekannte ihn im Frühjahr vergangenen Jahres trafen, seien sie über seinen Zustand erschrocken. Ali K. habe sich daraufhin in eine Klinik begeben, diese aber sechs Tage vor der Tat auf eigenen Wunsch und ohne Krankheitseinsicht verlassen. In einer Klinik könne K. sich nun stabilisieren und irgendwann ein normales Leben führen, meinte Lantz und sagte zu K.: "Ich halte nichts davon, Sie unbehandelt nach Afghanistan abzuschieben. Sie sind kein Islamist. Aber das habe ich nicht zu entscheiden."

© SZ vom 15.07.2021/kafe
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