Prozessauftakt:Mord unter Freunden

Das Haus der Mordopfer; Wendung im Starnberger Mordfall

In diesem Haus in Starnberg starben drei Menschen - ein Ehepaar und deren 21-jähriger Sohn. Die Staatsanwaltschaft spricht von Mord.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Maximilian B. soll seinen Kumpel und dessen Eltern kaltblütig erschossen und den Tatort so manipuliert haben, als handle es sich um Morde innerhalb der Familie samt Suizid. Sein Motiv? Habgier, sagen die Ermittler. Nun beginnt der Prozess.

Von Andreas Salch

Der Fall sorgte weit über Starnberg hinaus für Entsetzen: Ein 21-Jähriger stand im Verdacht, Mitte Januar 2020 erst seine Eltern und dann sich selbst erschossen zu haben. Allerdings gab es schon bald Zweifel an dieser Version. Zwei Wochen nach dem Fund der drei Leichen in einem Einfamilienhaus in einer ruhigen Wohngegend im Norden von Starnberg kam es dann zur Wende: Die Fahnder nahmen zwei junge Männer fest. Der ältere der beiden, ein Freund des 21-jährigen Opfers, legte ein Geständnis ab.

Von diesem Montag an müssen sich Maximilian B., 21, aus Olching und Samuel V., 20, aus Starnberg vor dem Landgericht München II wegen Mordes sowie wegen zwei bewaffneter Raubüberfälle auf Supermärkte im Landkreis Fürstenfeldbruck verantworten. Da die beiden noch Heranwachsende sind, findet der Prozess vor der 1. Jugendkammer statt.

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft tötete Maximilian B. seinen Freund und dessen Eltern, weil er es auf ein wertvolles Waffenarsenal des 21-Jährigen abgesehen hatte. Es befand sich in dem Anwesen, in dem die mutmaßliche Tat geschah. Maximilian B., so die Staatsanwaltschaft, habe geplant, die Waffen gewinnbringend zu verkaufen. Der Olchinger soll sich zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat in finanziellen Schwierigkeiten befunden haben.

Im Waffenarsenal seines Opfers befanden sich zahlreiche großkalibrige Pistolen und sogar Kriegswaffen - so etwa eine Maschinenpistole der Wehrmacht, ein Sturmgewehr vom Typ Kalaschnikow und ein Maschinengewehr. Dem Vernehmen nach waren die Waffen alle voll funktionsfähig. Darunter befand sich auch eine weitere Maschinenpistole, die der Getötete selbst gebaut haben soll. Der 21-Jährige absolvierte eine Lehre als Büchsenmacher. Der Angeklagte Maximilian B. und sein Opfer sollen ein Faible für Waffen gehabt haben, insbesondere für Kriegswaffen, die sie wieder funktionsfähig machen wollten.

Den Ermittlungen zufolge hatte Maximilian B. schon bevor er am Abend des 10. Januars nach Starnberg fuhr den festen Entschluss gefasst, seinen Freund zu töten, um an dessen Waffen zu gelangen. Weil der Olchinger weder einen Führerschein noch ein Auto besaß, soll er seinen mutmaßlichen Komplizen, den Mitangeklagten Samuel V., dazu gebracht haben, ihn nach Starnberg zu fahren. Samuel V. soll von Anfang an gewusst haben, dass Maximilan B. den 21-Jährigen töten wollte.

In den späten Abendstunden jenes 10. Januars machten sich die beiden jungen Männer auf den Weg. Maximilian B. soll sich vor Antritt der Fahrt mit einer Selbstladepistole bewaffnet haben. Nach der Ankunft in Starnberg sollen die beiden ausgemacht haben, dass Samuel V. seinen Freund Maximilian B. nach der Tat wieder abholt und mit ihm die Waffen in seinen Audi A 4 lädt.

Da Maximilian B. den Code für die Eingangstür des Anwesens in Starnberg kannte, gelangte er schnell in das Haus. Doch das mutmaßliche Opfer war nicht allein, auch dessen Eltern waren anwesend. Das habe das spätere Opfer Maximilian B. sogar noch vor dessen Ankunft mitgeteilt, so die Ermittler. Als B. das Haus betrat, so die Staatsanwaltschaft, soll er den Entschluss gefasst haben, auch die Eltern zu töten.

Die Tat geschah in der Nacht. Zuvor sollen das 21-jährige Opfer und der mutmaßliche Täter noch gemeinsam Marihuana geraucht haben. Daraufhin schlief der Büchsenmacherlehrling wohl ein, so die Ermittlungen. Maximilian B. soll die Wehrlosigkeit seines Opfers ausgenutzt, ihm eine Pistole an die rechte Schläfe gesetzt und abgedrückt haben. Unmittelbar danach soll er zum Schlafzimmer der Eltern gegangen sein. Als er es betreten habe, soll der Vater seines Freundes gerade aufgestanden sein. Maximilian B. feuerte angeblich ohne zu zögern mehrere Schüsse ab. Der 64-Jährige war offenbar sofort tot. Anschließend soll B. mehrere tödliche Schüsse auf dessen Ehefrau abgegeben haben, die 60-Jährige lag da noch in ihrem Bett. Sogar auf den Familienhund soll der 21-Jährige zweimal geschossen haben. Das Tier wurde am Hals und im Kopfbereich getroffen, überlebte aber.

Nach den mutmaßlichen Morden soll Maximilian B. die letzten Patronen aus seiner Pistole im Haus verschossen und dann seine Waffe dem toten 21-Jährigen so in die rechte Hand gelegt haben, dass der Eindruck entstand, er habe sich selbst getötet. Anschließend sollen die beiden Angeklagten seelenruhig das Waffenarsenal samt Munition ins Auto geladen haben und zurück nach Olching gefahren sein.

Die Ermittler entdeckten die geraubten Waffen in einem Depot, das sich Maximilian B. im Dachgeschoss angelegt hatte. In dem Arsenal, das B. selbst besaß, befand sich ebenfalls eine Vielzahl von Kriegswaffen samt Munition.

Gegen Samuel V. hatte die Staatsanwaltschaft anfangs nur wegen Beihilfe zum Mord ermittelt. Doch nun ist der 20-Jährige - wie Maximilian B. auch - wegen Mordes angeklagt. Dass Samuel V., der seinen mutmaßlichen Komplizen zum Tatort gefahren haben und dort wieder abgeholt haben soll, nun zu bis zu 15 Jahren Haft verurteilt werden könnte, kommentierten seine Verteidiger gegenüber der Bild-Zeitung mit den Worten: "Die sind doch nicht ganz dicht."

Für das Verfahren hat das Gericht insgesamt 54 Verhandlungstage vorgesehen. Das Urteil soll am 11. Januar 2022 ergehen - auf den Tag genau zwei Jahre nach der mutmaßlichen Tat.

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