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Vor Gericht in München:Sie wollten "Gangster" sein - zwei Männer nach Geiselnahme verurteilt

  • Nachdem zwei jungen Männern ihr Leihwagen entwendet wurde, nahmen die beiden einen Vermittler als Geisel. Am Mittwoch entschied das Landgericht München über den Fall.
  • Sie und vier weitere Männer waren zudem wegen Körperverletzung angeklagt. Am Stachus zettelten sie im November 2018 eine Schlägerei an.
  • Zwei von insgesamt sechs Angeklagten wurden zu Haftstrafen verurteilt. Die anderen verabschiedeten sich bereits früher vom Prozess - unter anderem wegen des Coronavirus.

So gehen Strafprozesse in Pandemie-Zeiten: Vor fünf Wochen, am ersten Verhandlungstag, saßen sechs Männer auf der Anklagebank. Am Mittwoch aber wurden nur zwei davon verurteilt - die anderen hatten sich wie im Lied von den zehn kleinen Was-auch-immer aus dem Verfahren verabschiedet. Die beiden Haupttäter aber, Saman S., 20 Jahre alt, und Lorenz H., 18, erhielten Jugendstrafen unter anderem wegen Freiheitsberaubung von vier beziehungsweise zwei Jahren - letztere zur Bewährung ausgesetzt. Saman S. wird zudem in eine Entziehungsanstalt eingewiesen.

Es ging um einen Leihwagen, einen schwarzen Mercedes, den sich zwei der Freunde im November 2018 ausgeliehen hatten, um ein bisschen Spaß zu haben, indem sie in der Stadt herumfahren wollten. Als aber einer der Kumpel das Auto nahm und abhaute damit - nach Nordrhein-Westfalen, wie sich später herausstellte -, da beschlossen zwei aus der Gruppe, dass nun etwas geschehen müsse. Sie bestellten einen gemeinsamen Bekannten nachts zu einer Grünanlage, der sollte den Autodieb bewegen, auch dorthin zu kommen.

Als aber nach zwei Stunden noch nichts geschehen war, da ging es dem Vermittler an den Kragen: Erst wurde er geschlagen, dann nahmen sie ihn mit nach Hause in die Wohnung eines der jetzigen Angeklagten und fesselten ihn dort mit Kabelbindern an einen Heizkörper. "Ich hatte Angst, dass er uns eine Falle stellt und jemanden in die Wohnung lässt", sagte einer der Angeklagten zum Prozessauftakt.

Am nächsten Tag fanden sie heraus, wo ihr Auto war: in Dorsten nahe Gelsenkirchen. So setzten sie sich mit ihrer Geisel in einen Flixbus und fuhren ins Ruhrgebiet. Dort fanden sie zwar das Auto, stellten sich aber so dämlich an, dass die Polizei kam und den Wagen sicherstellte.

Das war aber nicht die einzige Tat, die die Anklage ihnen vorwirft: Am Stachus zettelten sie im November 2018, nachts um vier Uhr, eine Schlägerei an, und sowieso neigten sie mehrfach dazu, Konflikte lieber mit den Fäusten auszutragen. Dabei sind die Angeklagten zwischen 18 und 22 Jahre alt, Schüler, Auszubildende, die noch in die Fahrschule gingen.

Zwei der Angeklagten kamen aus Straf- beziehungsweise U-Haft zu den Verhandlungstagen, die anderen vier befanden sich auf freiem Fuß - und werden das zunächst auch bleiben: Das Verfahren gegen einen von ihnen wurde gleich am ersten Tag abgetrennt, weil sich der Verteidiger nicht rechtzeitig vorbereiten konnte. Beim dritten Termin fiel ein weiterer Angeklagter aus; er hatte sich in häusliche Quarantäne begeben. Der nächste verabschiedete sich am sechsten Verhandlungstag - zur Begründung hieß es, sein Verteidiger sei "aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, weitere Gerichtstermine wahrzunehmen". Beim selben Termin wurde das Verfahren gegen einen weiteren Angeklagten wegen geringer Schuld eingestellt; er muss 1000 Euro Geldauflage bezahlen.

Zum Prozessauftakt hatte einer der Verteidiger halb im Scherz gemeint, es handle sich bei den Angeklagten um "Kinder, die Gangster spielen wollen". Wenigstens für zwei von ihnen scheint das Spiel nun mit Haftstrafen beendet.

© SZ vom 26.03.2020/flud
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