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Gastronomie in München:Kommen die Heizpilze zurück?

Heizpilz

Heilsbringer oder Klimakiller? Das ist bei Heizpilzen wohl eine Frage der Perspektive.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Für Klimaschützer sind sie der Irrsinn - für Wirte könnten Heizpilze im Corona-Winter die Rettung sein. Das Aufstellen ist verboten, doch die Debatte über eine Ausnahme hat gerade erst begonnen.

Von Linus Freymark

Es wird allmählich kühler in der Stadt, und mit dem Abschied des Sommers kommt bei vielen Gastronomen die Angst zurück. Noch können ihre Gäste draußen sitzen, in den provisorischen Schanigärten, die die Stadt angesichts der Corona-Krise ausnahmsweise genehmigt hat. Vielen Wirten hat das geholfen. Aber je niedriger die Temperaturen, desto größer werden die Sorgen. Wegen der Pandemie haben viele Gäste Bedenken, sich in geschlossene Räume zu setzen. Also, so die Überlegung vieler Wirte, muss man es ihnen draußen gemütlich machen. Dabei könnten Heizpilze eine Lösung sein. Doch die sind wegen ihrer schlechten Ökobilanz höchst umstritten - und zum Teil schlicht verboten.

Widersinnig und ineffizient - so bezeichnete das Umweltbundesamt 2009 die Idee, Luft im Freien zu beheizen. An dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert. "Das Beheizen von Außenflächen ist immer eine Energieverschwendung", sagt Jens Schuberth vom Umweltbundesamt. Ein handelsüblicher Heizpilz verursache bei acht Stunden Betrieb dieselbe Menge an CO₂-Emissionen, die entsteht, wenn man mit einem Benzinauto 145 Kilometer fährt: 26 Kilogramm. In seinem Papier von 2009 schreibt das Umweltbundesamt deshalb: "Jeder Mensch, der seinen persönlichen Anteil an der Verantwortung gegenüber dem Klima und damit auch gegenüber nachfolgenden Generationen wahrzunehmen bereit ist, sollte eine derartige Energieverschwendung vermeiden."

In München sind Heizpilze auf öffentlichen Freischankflächen nur während der Sommerzeit erlaubt. De facto stellt das ein Verbot dar, schließlich stellt niemand bei 30 Grad einen Heizpilz auf. Private Flächen sind von dem Verbot ausgenommen. Angesichts der Corona-Krise hat nun eine Diskussion über diese Regelung begonnen, die bald an Schärfe zunehmen dürfte.

Organisationen wie der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) und der Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur fordern nun, Gastronomen eine Ausnahme für den Corona-Winter zu gewähren. "Das würde sehr helfen", sagt der Wirt Christian Schottenhamel von Dehoga Bayern. Die Branche leidet ohnehin schon schwer - was helfen da Freischankflächen, wenn man sie wegen der Kälte nicht nutzen kann? Auch weiterhin eine Alternative im Freien anbieten zu können, könnte für viele Betriebe überlebenswichtig sein. "Es geht darum, den Sommer so weit wie möglich zu verlängern", sagt Schottenhamel. Und auch im Winter würden die Leute gerne draußen sitzen, allerdings nur, wenn es ihnen dabei nicht zu kalt werde. Eine Heizpilz-Ausnahme könne viel bewirken, zugleich müsse man aber auch nach Alternativen für die mit Flüssiggas betriebenen Geräte suchen. "Natürlich muss man da die ökonomischen Interessen der Wirte mit der Klimaverträglichkeit abwägen", sagt Schottenhamel.

Ausnahme ja oder nein - darüber entscheidet der Stadtrat. Und dort gehen die Meinungen weit auseinander. Ende September steht das Thema auf der Tagesordnung des Kreisverwaltungsausschusses. Eine Mehrheit des Stadtrats könnte eine Änderung der kommunalen Sondernutzungsrichtlinien beschließen, wenn es denn eine Mehrheit dafür geben sollte. Bei der stärksten Fraktion, den Grünen, stößt der Vorschlag der Gastronomen auf Skepsis. "Es gibt nichts Ineffizienteres, als die Luft mit Heizpilzen zu heizen", sagt Stadträtin Gudrun Lux, die Mitglied des Kreisverwaltungsausschusses ist. Natürlich müsse man der Gastronomie helfen, sagt Lux, die Nutzung von Heizpilzen sei jedoch "unter Klimagesichtspunkten absoluter Irrsinn". Vielmehr müssten umweltfreundlichere Alternativen wie elektrisch betriebene Heizstrahler geprüft werden. Außerdem seien die Winter sowieso nicht mehr besonders kalt. "Da traue ich den Leuten schon auch zu, dass sie sich entsprechend warm anziehen können."

Die SPD signalisiert Offenheit, die CSU Zustimmung

Beim Regierungspartner der Grünen, der SPD, stößt man hingegen durchaus auf Offenheit, was den Vorstoß der Wirte betrifft. "Heizpilze sind eine denkbare Variante", sagt SPD-Stadtrat Christian Vorländer. Natürlich sei die Diskussion im Spannungsfeld zwischen Corona- und Klima-Krise zu verorten. Angesichts der diesjährigen Ausnahmesituation könne er sich eine Sondergenehmigung aber vorstellen, um Wirten und Gästen einen Freiluftbetrieb zu ermöglichen. Der sei schließlich auch unter Gesichtspunkten des Infektionsschutzes wünschenswert. Doch auch für Vorländer müssen zuerst weniger klimaschädliche Möglichkeiten geprüft werden, der Betrieb von Heizpilzen und anderen Wärme erzeugenden Geräten müsse zudem durch städtische Vorgaben klar geregelt werden.

Auch die CSU signalisiert Zustimmung. Zwar müsse man die ökologischen Aspekte berücksichtigen und sich nach emissionsärmeren Lösungen umsehen, dennoch wolle man die Wirte unterstützen, sagt Stadtrat Thomas Schmid. "Deren Lage ist ganz dramatisch." Es gehe darum, einen Mittelweg zwischen ökologischen und ökonomischen Interessen zu finden.

Wie eine elektrische Alternative zum klassischen Gas-Pilz aussehen könnte, zeigt das Sauerlacher Unternehmen Heatscope. Die Firma stellt elektrische Heizstrahler her, die "von der CO₂-Bilanz deutlich besser sind als Gasstrahler", erklärt Marketingleiter Stefan Hofmann. Laut Hofmann haben Heizpilze einen vier- bis fünfmal höheren Energieverbrauch als die mit Strom betriebenen Geräte. Dies spiegele sich auch in den Betriebskosten wider. Dafür ist der Anschaffungspreis deutlich höher: Während es Heizpilze in Baumärkten bereits ab etwa 100 Euro zu kaufen gibt, fangen die Heizstrahler von Heatscope bei einem Endkundenpreis von 600 Euro an. Trotz des höheren Preises stellt Hofmann schon jetzt eine größere Nachfrage wegen der Corona-Krise fest. "Der Absatzanstieg ist auf jeden Fall da", sagt er.

Für Jens Schuberth vom Umweltbundesamt sind die elektrisch betriebenen Geräte jedoch keine echte Alternative. Solche Heizstrahler hätten zwar einen niedrigeren Energieverbrauch, eine aussagekräftigere Vergleichsgröße seien jedoch die CO₂-Emissionen - und die seien bei den Elektrostrahlern nicht unbedingt besser. "Das sind keine Heilsbringer", sagt Schuberth. "Das Beheizen von Außenflächen ist und bleibt ineffizient." Auch mit Ökostrom betriebene Geräte sieht er wegen des hohen Verbrauchs kritisch: Die Energie werde ja nicht erzeugt, um verschwendet zu werden. Und noch etwas stört Schuberth an der diskutierten Ausnahmegenehmigung, bei allem Verständnis für die wirtschaftlichen Sorgen der Gastronomen. "Ich befürchte, dass diese auch nach Ende der Corona-Beschränkungen weiter genutzt werden. Das wäre dann nicht im Sinne des Klimaschutzes."

Im Sinne von Markus Thatenhorst wäre die Ausnahme aber schon. Dem Gastronomen gehören fünf Bars und Restaurants in München, darunter das Occam Deli und die Seerose. Beide Lokale befinden sich in Schwabing und beide Lokale verfügen über einen Außenbereich auf öffentlichem Grund, auf dem sich Thatenhorst auch im Winter einen Betrieb vorstellen könnte, sofern der Stadtrat es ihm erlaubt, das Areal auch im Winter zu bewirtschaften und zu beheizen. Auf die Suche nach Möglichkeiten, wie er dort künstliche Wärme schaffen könnte, hat er sich noch nicht begeben. "Wir warten erst noch die Entscheidung der Stadt ab", sagt er. Umweltverträglicheren Alternativen als den Heizpilzen, sofern es sie denn gibt, ist Thatenhorst dabei nicht abgeneigt. Aber natürlich komme es dabei auch aufs Finanzielle an. "Man kann ja nicht sagen, es ist wurscht, was das kostet", meint er. Gerade jetzt, in der Krise.

© SZ vom 09.09.2020/wean
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