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Münchner Momente:Auf Treppen, die die Welt bedeuten

Was wäre München ohne all die Stufen, die zum Sitzen und Verweilen, zum Sehen und Gesehenwerden einladen? Am Gärtnerplatz könnte es damit allerdings bald vorbei sein

Kolumne von Philipp Crone

Stufen ziehen an. Man könnte ja meinen, dass Treppen in Sachen Sitzgemütlichkeit kurz hinter einer nadelnden Pinie rangieren, aber das Gegenteil ist der Fall. Da muss man gar nicht auf die Spanische Treppe in Rom schauen. Es reicht ein Blick auf den Max-Joseph-Platz oder den Königsplatz. Treppen, vor allem so breite und in der Sonne liegende, gehen in pompösen Städten wie München oder Rom meist einher mit einem ebenso gewaltigen Ausblick und Anblick. Breite Treppe, weiter Blick. Wer sitzt, will sonnen, sehen und in München auch gesehen werden. Daher sind sämtliche Glyptothek-Treppenplätze üblicherweise virusfreundlich eng besetzt. Auch am Gärtnerplatz, von wo aus man ja aus dem Schatten heraus einen Blick auf das tägliche Posierspiel hat im Sommer. Lässig liegende Lustwandler, Express-Erholer im Anzug auf der Parkbank, allgemeiner Entspannungswettbewerb im grünen Rund. Nun allerdings sind die Treppensitzer gefährdet.

Josef Köpplinger, Chef des Gärtnerplatztheaters, will die Treppen außerhalb von Vorstellungen sperren. Man nehme dort nämlich leider den ganzen Tag den Geruch von Erbrochenem und Urin wahr, sagt er. Und eine tägliche Reinigung könne sich das Theater nicht leisten. Es bleibe wohl nichts anderes als eine Sperrung übrig, sagte er. Was Köpplinger eigentlich erreichen möchte: dass eine feste Toilette am Gärtnerplatz aufgestellt wird, wie es der Bezirksausschuss bereits diskutiert.

Gegen eine Toilette spricht selbstverständlich nichts. Wann spricht schon etwas gegen eine Toilette außer vielleicht auf dem Gipfel des Nanga Parbat oder mitten auf der Spanischen Treppe. Da spricht schon eher etwas gegen eine Sperrung. Sogar am eher kühlnassen Donnerstagabend saßen um 21 Uhr drei Pärchen auf den Treppen, ein sinnierender Raucher und dazu eine kleine Weinrunde in einer Koje am Nebeneingang. Auch am Freitag und Samstag: Niemand spuckte oder pinkelte an eine der Türen. Über dem Eingang leuchtete hinter den Panoramascheiben ein Herz aus Neonröhren, unten lachten, hockten und schauten junge Menschen. Das Theater wirkte wie ein Ort, der zur Stadt gehört. Junge Menschen, zwar nicht im, aber immerhin schon am Theater. Wer vor der Tür sitzt, geht vielleicht irgendwann auch mal rein. Wer Absperrungen sieht, wahrscheinlich eher nicht. Aber vielleicht ist das auch alles auch nur eine geschickte Inszenierung.

© SZ vom 09.06.2020
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