bedeckt München

Münchner Friedhöfe:Rummel zwischen den Gräbern

Erholung auf dem Friedhof

Ein Ort für die letzte Ruhe und den Spaß: Sonnenbadende auf dem Nordfriedhof.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Trinkgelage, Drogen, Schmierereien, rabiate Radler: Die Stadt legt einen Bericht über den Einsatz eines Sicherheitsdienstes am Alten Südlichen und Alten Nördlichen Friedhof vor - und empfiehlt dringend, das Pilotprojekt fortzuführen.

Von Stefan Mühleisen

Die Münchner Friedhofsverwaltung spricht sich nachdrücklich dafür aus, auf dem Alten Südlichen und dem Alten Nördlichen Friedhof weiterhin einen privaten Sicherheitsdienst patrouillieren zu lassen. Die Auswertung des Pilotprojekts, das von Mitte April 2019 bis Ende April 2020 lief, führt die Behörde zu dem Schluss, dass Mitarbeiter im Streifendienst "auf schwerwiegende Verstöße und Delikte abschreckend wirken", wie es in einem Brief der Behörde an den Bezirksausschuss (BA) Maxvorstadt heißt. Die Friedhofsverwaltung betont, gerade durch die Security-Mitarbeiter würden die Friedhöfe als Erholungsorte erhalten. "Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigten, dass sich das Nutzungsverhalten der Bevölkerung zunehmend verändert."

Gemeint ist damit: Gar nicht so wenige Menschen finden nichts dabei, Rambazamba auf und zwischen den historischen Gräberfeldern zu machen. Schon bevor die Sicherheitsdienstler ihre Arbeit aufnahmen, berichteten Anwohner von Zecher-Runden, die teils zwischen den Grabsteinen Grills anheizten. Die Sicherheitsfirma dokumentierte in den Worten der Friedhofsverwaltung "regelrechte Gelage", ertappte Menschen beim Urinieren gegen Grabsteine sowie bei "sexuellen Handlungen" auf beiden Friedhöfen, registrierte herumliegenden Müll. 202 Personen haben die Security-Mitarbeiter gemäß dem Bericht während der einjährigen Pilotphase allein wegen Alkoholkonsums angesprochen. Auf beiden Friedhöfen sei überdies "massiv" gegen Kontaktbeschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie verstoßen worden; zwischen März und April 2020 seien am Alten Nordfriedhof 176, am Alten Südfriedhof 180 Vorfälle gemeldet worden.

Lange Nacht der Museen in München, 2019

Eine Lichtinstallation auf dem Südfriedhof 2019.

(Foto: Stephan Rumpf)

Am Alten Südlichen Friedhof zeigte die Präsenz der Aufsichtsposten, wie sehr die Anlage zum Tummelplatz der Drogenszene geworden ist. Allein in den Monaten Januar bis April 2020 hat der Sicherheitsdienst dem Bericht zufolge 62 benutzte Einwegspritzen auf Wegen und Gebüschen sichergestellt. "Diese lagen größtenteils so, dass unbedachte Besucher*innen, vor allem neugierig spielende Kinder, sich daran verletzen konnten", kommentiert die Verwaltung. Mit der Polizei seien mehrere Drogenverstecke ausgehoben worden. "Um diese Entwicklung voranzutreiben und den Friedhof auf Dauer drogenfrei zu bekommen, sind jedoch eine ständige Präsenz, Kontrollen, kurz ein ständiges ,Lästigsein' erforderlich", wirbt die Stadt um Unterstützung bei den Lokalpolitikern.

Die Stadt hatte noch vor dem Start des Probelaufs zugesichert, die Einschätzung der Bezirksausschüsse sehr ernst zu nehmen. Die Gremien in der Maxvorstadt (Alter Nördlicher Friedhof) und Isarvorstadt/Ludwigsvorstadt (Alter Südlicher Friedhof) sollen nun ihre Haltung dazu sowie Rückmeldungen von Anwohnern mitteilen. Denn zu Anfang kam der Sicherheitsdienst am Alten Nördlichen Friedhof nicht gut an. Dort hatten Security-Mitarbeiter eine Kindergartengruppe offenbar recht ruppig von der Anlage verscheucht.

Auch wenn sich die Aufregung darüber gelegt hat, Kinder nach Auskunft der Städtischen Friedhöfe ausdrücklich auf den Friedhöfen willkommen seien - die Behörde hält es für nötig, mit dem Sicherheitsdienst mäßigend zu wirken. Häufig sei es vorgekommen, dass "Grabstätten als Spielplatz" und "Grabmale als Klettergerüst" benutzt sowie mit Stiften und Kreiden beschmiert worden seien. Die Brunnenanlage auf dem Alten Südlichen Friedhof werde als Planschbecken benutzt, mit Kies und Steinen verstopft; wiederholt habe die Anlage repariert werden müssen. Wobei den Angaben zufolge manche Eltern ihre Kinder "sogar noch zu diesem Verhalten ermutigen". Dennoch: Die Resonanz auf die "Aufklärungsarbeit" des Sicherheitsdienstes sei durchweg positiv, so die Auffassung der Friedhofsverwaltung.

Dabei geht es vor allem darum, für respektvolles Verhalten zu sensibilisieren. Zwar werden auf beiden Anlagen schon lange keine Menschen mehr bestattet, dennoch liegen unter den Wiesen die sterblichen Überreste von einst Begrabenen. Dies werde von etlichen nicht wahrgenommen, berichtet die Behörde. Die 15 Erholungssuchenden etwa, die der Sicherheitsdienst am Alten Nordfriedhof "in Badebekleidung oder sogar oberkörperfrei" antraf, wie es in dem Papier heißt. Ein Ärgernis sind zudem jene, die sich nicht um das Radfahrverbot scheren. 354 Radler stoppte der Streifendienst während des Pilotprojekts am Alten Südfriedhof, in der Maxvorstädter Anlage waren es 177. Die Security-Mitarbeiter seien dabei "mehrfach beschimpft und teilweise sogar tätlich angegangen" worden. "Temporäre Aufklärung und Information helfen bei diesem Problem nicht mehr", findet die Verwaltung und zeigt sich überzeugt, dass nur die ständige Präsenz von Security-Personal "eine Verhaltensänderung bewirkt".

Der BA Maxvorstadt wollte das zuletzt (noch) nicht unterschreiben; bis zur Februar-Sitzung soll noch die Haltung der Polizei in Erfahrung gebracht werden. Auf Anfrage der SZ spricht das Polizeipräsidium von "nur vereinzelten" Beschwerden, insofern aus polizeilicher Sicht zunächst kein Sicherheitsdienst auf den Friedhöfen vonnöten sei. "Das widerspricht aber nicht dem Bericht der Stadtverwaltung", betont ein Präsidiumssprecher. Denn es gehe zumeist um Vorfälle, die nicht in Delikte mündeten, mit denen sich die Polizei befasse.

Die Entscheidung über die Fortführung des Sicherheitsdienstes trifft der Stadtrat, wann ist noch unklar, "in jedem Fall noch dieses Jahr", heiß es vom Gesundheitsreferat. Das nötige Geld steht qua Beschluss vom November 2019 im Etat bereit.

© SZ vom 19.01.2021/syn/van
Zur SZ-Startseite
Massenansturm auf Nymphenburger Kanal

SZ PlusPolizei und Corona
:"Wenn die Leute alkoholisiert sind, werden sie distanzlos"

Muss die Polizei eingreifen, ist es oft schwer, Abstand zu halten. Wie gehen Beamte mit dem Ansteckungsrisiko um? Polizeioberkommissarin Stefanie Tschyschewsky im Gespräch.

Interview von Julian Hans

Lesen Sie mehr zum Thema