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Typisch deutsch:FKK - der kulturelle Endgegner mit drei Buchstaben

Nacktbadegelände am Feringasee in Unterföhring, 2016

Das Nacktbaden ist in Deutschland nicht generell verpönt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Unser Autor hat sich an die meisten Dinge in München gewöhnt. Aber das öffentliche Nacktsein war einer seiner größten Kultur-Clashs.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Es war August 2015, ein heißer Tag, zu heiß für das Asylheim München-Moosach. Also begab ich mich mit Mitbewohnern Richtung Isar, an deren Ufer die Menschen einfach so auf dem Boden herum lagen, Männer und Frauen gemischt. Plötzlich kam eine Frau ohne BH aus dem Wasser. Logischerweise stürmte ich zu ihr und bot ihr mein Handtuch an. Damit sie sich bedecken und sich aus dieser peinlichen Situation retten kann.

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich kein Wort Deutsch. Also verwendete ich Gesten, um deutlich zu machen, dass sie ihre Brust mit dem Handtuch bedecken solle. Ihre Reaktion - das habe ich aber erst viel später verstanden - war weniger Dankbarkeit als Irritation. Sie lehnte dankend ab und setzte sich dann auf ihr eigenes Handtuch. Verdeckt hat sie ihren Oberkörper nur in dem Moment, als sie eine Zeitung las.

So banal das klingen mag, aber das Nacktsein der Münchner war einer meiner größten Kultur-Clashs. In Syrien gehen nur wenige Frauen schwimmen - und wenn, dann tragen sie einen Badeanzug, der den ganzen Körper bedeckt. Ich selbst bin mit Freunden öfters im Euphrat schwimmen gegangen, natürlich mit Badehose. Doch das war der IS-Polizei nicht genug. Ihre Schergen griffen uns auf und peitschten uns mit Kabeln aus. Weil wir kein Unterhemd trugen.

Hier in Deutschland ist alles anders. Allein in München gibt es unzählige Orte, an denen die Menschen nackt spazieren gehen. Als ich mal wieder an die Isar radelte, waren die nackten Menschen plötzlich überall. Ist das eine bayerische Tradition? Wie Maibaumaufstellen im Frühjahr oder Perchtenlauf im Winter. Nun also Nackertenlauf im Sommer?

Freikörperkult lautet der Fachbegriff. FKK. Drei Buchstaben, als kultureller Endgegner für Neuankömmlinge in Bayern. Volksmusik? Für mich längst ein Ohrenschmaus. Lederhosen? Sitzt dank der Knödel bestens. Nur nackert an der Isar rumzulaufen, das fällt mir weiter schwer.

In Syrien können sich die Leute nur im öffentlichen Bad entkleiden, im Hammam. Sie müssen ein Handtuch tragen und den Intimbereich bedecken, vom Nabel bis zum Knie. Und sie sind dort nach Geschlechtern getrennt. Nackt an einem Fluss liegen und lesen? In Syrien wäre das allerhöchstens im Schlafzimmer möglich. Es ist in die andere Richtung extrem. Ich erinnere mich, wie ein Mann mit einem brennenden Gaszylinder auf die Straße rannte, damit das Gas nicht sein Haus explodieren lässt. Zu seinem Unglück kam er gerade aus der Dusche - viele Frauen und Männer haben ihn nackt gesehen. Das war für ihn so peinlich, dass er beschloss, sein Haus zu verkaufen.

In Bayern habe ich eher den Eindruck, dass der erste Nackte andere motiviert, sich auch zu entblößen. Ich empfinde es mittlerweile wie Solidarität mit der Natürlichkeit des Menschen - ähnlich wie Mogli. Zum Monaco-Mogli bin ich noch nicht geworden. Mein persönlicher freikörperkultureller Erfolg ist, dass mich die Nacktheit anderer nicht mehr irritiert. Einen Nachteil allerdings wird FKK immer haben: Wer sich ein Eis kaufen möchte, hat keine Hosentasche mehr für das Geld.

© SZ vom 31.07.2020/weij

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