Pop:Ein Lied für die Amazon-Stasi

Fehler Kuti

Pop als Performance: Fehler Kuti bei seinem Auftritt in den Kammerspielen.

(Foto: Julian Baumann)

Der Münchner Musiker und Performancekünstler Julian Warner zeigt auf seinem zweiten Album als Fehler Kuti, wie man mit Pop den Neoliberalismus auseinander nimmt.

Von Martin Pfnür, München

Es liegt etwas Unheilvolles in dem kollektiv gezischelten Mantra, mit dem die Band in den zweiten Song ihres Konzerts einsteigt. "Deutsche Pässe, deutsche Pässe, deutsche Pässe, deutsche Pässe", so geht das immer weiter, bis sich die Semantik der beiden Worte im stetig beschleunigten Dampflok-Groove zwischen Schlagzeug, Sousaphon und Xylophon aufzulösen scheint. "Your mama want's one / Your daddy got one / But it won't save them", greift schließlich der Mann mit der roten Kappe, der inmitten seiner Bandkollegen steht, das Mantra auf, als plötzlich der böse Geist Margaret Thatchers zwischen den Zeilen sichtbar wird: "If there's no such thing as society." Der deutsche Pass als Scheinrettung also, denn so etwas wie eine Gesellschaft, das gebe es nun mal nicht, wie Thatcher 1987 im Klatschmagazin "Woman's Own" verfügte - muss ja doch erst mal jeder auf sich selbst schauen, so die Eiserne Lady.

Nun mag Thatcher zwar nicht im Zentrum jenes Albums stehen, das Julian Warner alias Fehler Kuti zusammen mit Markus Acher, Micha Acher und Cico Beck von The Notwist sowie der Bassklarinettistin Theresa Loibl und dem Percussionisten Sascha Schwegeler per Stream auf dem Hamburger Elbjazz-Festival vorstellte. Dennoch darf man die einstige britische Premierministerin prototypisch zu jenen "Professional People" zählen, deren eisiger Hauch einen auf der Platte gleichen Namens anweht. Diese sei denn auch sein "Versuch, ein Album über die Endphase des neoliberalen Zeitalters zu produzieren", sagt Warner. "Ein hoffnungsloses Zeitalter, das durch die Warenwerdung und die inhaltliche Entleerung aller emanzipatorischen Gesten gekennzeichnet ist."

Die auch popkulturell geprägte Black-Lives-Matter-Bewegung nimmt er da nicht aus, für ihn ist sie als internationaler Ausdruck "linker Afroamerikanophilie" eher ein "konsumerables Erbe antirassistischer Bewegungen". Gerade nach dem Anschlag in Hanau habe er sich gefragt, "warum unsere Gesellschaft den eigenen Mitbürger*innen mit türkischen, bulgarischen, bosnischen oder afghanischen Migrationshintergründen nicht die gleiche Empathie und Solidarität entgegenbringt".

Die Songtexte sind gleichzeitig ironisch und ernst

War Warners Debüt "Schland Is The Place For Me" noch primär ein spielerisches Umkreisen und Aufdecken rassistischer Strukturen, so holt der Kulturanthropologe, Performancekünstler und Musiker nun also noch weiter und grundsätzlicher aus. Das ist viel, womöglich zu viel, und doch gelingt ihm auf der Platte eine textlich derart fein verknappte Gleichzeitigkeit von Ironie und Ernsthaftigkeit, dass er alles potenziell Zeigefingerhafte locker umschifft, ohne dabei an Biss zu verlieren. Mitunter reicht ihm da schon der schmerzhafte Sprachwitz eines denglischen Titels wie "In Every City, In Every Aldi The Blood Of My Brothers And Sisters Taints Your Spargel", um mit einem blasmusikalischen Instrumental zugleich auf bürgerliche Privilegien und die prekäre Lebenssituation osteuropäischer Billiglohnarbeiter aufmerksam zu machen, die trotz Corona zum Spargelernten eingeflogen wurden.

Für ihn ist das auch ein Kniff, um der Haltung zu entsprechen, dass es heute nicht mehr möglich sei, ein politisches Lied zu schreiben, ohne es gleichzeitig zu unterlaufen. "Wir leben in einer Zeit, in der alle politischen Gesten bereits geremixt, umgedeutet oder verwertet worden sind", sagt er. "Ich möchte es aber wenigstens versuchen. Und Humor ist ein Mittel, um Widersprüche gegenüber der Message eines Songs zum Ausdruck zu bringen."

Und so hört man auf dem Doppelalbum, das der Konzertperformance "The Story Of The Federal Republic Of Germany" in den Kammerspielen entsprang, 19 elegant elektrifizierte Songs, die rein musikalisch erst mal recht geschmeidig ins Ohr gehen, um sich dann als pointiert überspitzte Widerhaken umso nachhaltiger dort festzusetzen. Das eröffnende "All Ausländer Go To Heaven (Reprise)" etwa: ein berührend heraufgeschraubter Gospel im Gedenken an die Opfer des rassistisch motivierten Anschlags im OEZ. Die pseudosozialistische Hymne "Proposal For A Worker's Anthem At DMU2 Daglfing": ein subtiler Verweis auf die stasimäßige Überwachung, der die Mitarbeiter in Amazon-Logistikzentren ausgesetzt sind. Das aufgeräumt soulige "The Price Of Teilhabe": eine minimalistische Reflexion auf den Zustand der Entwurzelung. Tragik und Komik, Diskurs und Spott, Schwere und Leichtigkeit - so hintersinnig ineinander verzwirbelt hat man all das tatsächlich schon lange nicht mehr gehört.

Fehler Kuti: "Professional People" (Alien Transistor)

© SZ/pop
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