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Erfinder-Stammtisch:"Innovation entsteht durch Faulheit"

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Erfinden sei wie Jagen, deshalb wohl der Männerüberschuss am Erfinder-Stammtisch (von links): Hendrik Meyl diskutiert mit Ricky Meiler, Ulrich Rüger und Peter Frick im Wirtshaus am Hart über neueste Projekte und die vielen Steine, die auf dem Weg zum Patent aus dem Weg gerollt werden müssen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Im Wirtshaus am Hart gibt es einen ungewöhnlichen Stammtisch: Die Mitglieder des Erfinder-Vereins treffen sich dort einmal im Monat und tauschen sich über ihre Ideen aus.

Von Nicole Graner

Der Tag ist heiß. Noch um 19 Uhr hat es 25 Grad. Im Biergarten des Wirtshauses am Hart herrscht Hochbetrieb. Die Bedienung flitzt hin und her, tupft sich immer wieder mit einem Taschentuch die Stirn. Sie muss unter ihrem Mundschutz schwitzen. Ob man nicht eine Maske erfinden könnte, die an heißen Sommertagen kühlt? Diese Frage könnte man gleich den Männern stellen, die sich an einen großen Biertisch im Wirtshaus zurückgezogen haben. Zwei Herren sitzen da an einem Glas Bier und plaudern leise. Sie sind Erfinder. Einmal im Monat treffen sich die Mitglieder des Erfinder-Vereins zu ihrem Stammtisch. Von April bis Juni fand er wegen Corona nicht statt.

"Wir sind noch nicht alle", sagt Peter Frick, Vorsitzender des Vereins. Fast ein bisschen entschuldigend. "Aber da kommen schon noch welche." Und tatsächlich: Nach und nach werden es mehr. Bis jetzt sitzen nur Männer um den Tisch. "Na ja", sagt Ulrich Rüger, 51, und lacht über das ganze Gesicht, "Erfinden ist ein bisschen wie Jagen, deswegen sind wir wohl mehr Männer!" Alle schmunzeln. Und freuen sich, dass sie wieder miteinander über ihre neuen Projekte sprechen können. "Sich austauschen", sagt der 60-jährige Vorsitzende, "ist ganz wichtig und war mit ein Grund, diesen Verein überhaupt zu gründen."

Seit 2017 gibt es ihn. Denn eigentlich sei man ein Einzelkämpfer, wenn man Ideen vermarkten will. Der Verein wolle helfen, einzelne Erfindungen zu unterstützen, Kontakte zu Patentanwälten herzustellen, Patentanmeldungen richtig und schlüssig zu verfassen. "Denn es werden einem eigentlich in diesem Land viele Steine in den Weg gelegt, wenn man etwas Neues auf den Markt bringen will", sagt Frick, und sein Gegenüber, der 41-jährige Elektroingenieur Hendrik Meyl, nickt wissend, schnauft tief durch und fügt an, dass da jeder hier am Tisch wohl ein Liedchen davon singen könnte.

Die Steine, von denen die Rede ist, sind in erster Linie die "Platzhirsche", wie Frick sagt. Also die großen Firmen, die es natürlich überhaupt nicht gerne sähen, wenn private Tüftler ihnen womöglich mit einer guten Idee den Rang ablaufen könnten. "Da wird der Einzelne schon unterdrückt", sagt Frick. Und er erzählt von seiner eigenen Erfindung, einem neuartigen Rollladen, einer Art Matte, die sich aufpustet und Hochwasser abhalten kann. "Alle großen Rollladen-Hersteller wollten davon nichts wissen", sagt der 60-Jährige, der eigentlich Elektrotechniker und Softwareentwickler ist.

Er hat auch Sinologie studiert - eine eher ungewöhnliche Kombination. Frick hat die Idee angemeldet, und einen Prototypen in Taiwan herstellen lassen. Aber das war's dann auch. Das Projekt ist auf Eis gelegt. "Keine Firma hier in Deutschland kann diese Matte herstellen." Ricky Meiler, übrigens mit 22 Jahren der Jüngste am Tisch, kommt genau deshalb zum Stammtisch. Er habe, sagt er leise, einige Ideen im Kopf, aber für die Umsetzung brauche er Hilfe. Von der "geballten Ladung Wissen" im Verein, wie Meyl ein wenig schmunzelnd ergänzt.

Erfinder-Verein

Der Münchner Verein wurde 2017 gegründet und hat derzeit 17 Mitglieder. Das Ziel ist es, dem einzelnen Erfinder den Rücken zu stärken. Es werden Tipps und Hilfestellungen beim Verfassen von Patentanmeldungen gegeben. Jedes Mitglied wird von der ersten Bleistiftskizze bis hin zur Realisierung unterstützt. Auch werden die Mitglieder über wichtige Messen wie zum Beispiel die Erfindermesse in Gütersloh informiert. Der Verein hat viele Kontakte, unter anderem zu Patentanwälten. Einmal im Monat trifft sich der Verein im Wirtshaus am Hart, Sudetendeutsche Straße 40, zum Stammtisch. Weitere Infos auf der Webseite des Vereins unter: www.erfinder-verein.de.ole

Leises Gemurmel am Tisch. Einige haben Pläne vor sich liegen. Und ein kleines, geheimnisvolles Stückchen Holz wird herumgereicht. Es wird von den Herren mit kritischem Blick genau begutachtet, hin- und hergedreht, dann verschwindet es so schnell wieder, wie es plötzlich aufgetaucht ist. Denn wenn Fremde am Tisch sitzen, wird nicht gern über die neuesten Erfindungen gesprochen. Schon gleich gar nicht über die, die vermarktet werden sollen.

Die Angst, dass vorher etwas nach außen dringt, ist groß. Schließlich ist es eine Heidenarbeit, ein Patent anzumelden. Denn die Erfindung muss in allen Einzelheiten sauber, gründlich dokumentiert sein - und neu sein. Wenn es dann nach eingehender Prüfung erteilt wird, ist es 20 Jahre gültig. Das "kleine Patent" ist die Gebrauchsmusterschutz-Anmeldung und gilt für zehn Jahre. Und natürlich kosten die Anmeldungen auch etwas.

"Na, wie steht es um deine Latschen?", rufen die Herren der Runde Rainer Merdonig zu, der auch beruflich viel mit Patentrecherchen zu tun hat. "Na", antwortet er, "da sind jetzt tatsächlich ein paar Orthopäden dran!". Aha, was für Latschen? "So etwas wie Flip-Flops." Mehr will Merdonig nicht sagen. Wie gesagt, die Angst sitzt tief, dass Einzelheiten nach außen dringen und am Ende alle Planungen umsonst gewesen sein könnten. Peter Frick fällt dann dazu noch die Geschichte ein, dass ein Vereinsmitglied die Waschtabs erfunden hat. Er sei zu einer großen Firma gegangen und habe die Idee vorgeschlagen, aber noch kein Patent darauf angemeldet. "Die Firma sagte danke - und hat sie sofort vermarktet."

Warum erfindet man überhaupt Dinge? Da lacht Frick und sagt: "Innovation entsteht durch Faulheit." Oder weil man sich über Dinge ärgere. Die wolle man eben verbessern. Und ganz klar, da sind sich alle am Tisch einig, gibt es auch den Unterschied zwischen Erfinder und Tüftler. "Erfinder", sagt Hendrik Meyl, "bauen alles ganz strukturiert auf. Und arbeiten so lange an etwas, bis es marktreif ist." Tüftler arbeiteten für sich, aus Spaß, und hätten keine Ambitionen, alles bis ins Kleinste aufzuschreiben und zu dokumentieren.

Plötzlich ein großes Hallo. Birgit Hoffman stößt zur Runde dazu. Die ältere Dame, die ihr Alter nicht verraten möchte, weil es in ihren Augen ganz unwichtig sei, ist von Anfang an im Erfinder-Verein dabei. Die ehemalige Krankenschwester, die später im medizinisch-technischen Bereich tätig war, plaudert auch gleich los. Wie alle Erfinder, die ihre Idee vor sich hertragen wie ein Baby. Lange vor Corona hatte sie immer wieder von einem hoch entwickelten Mundschutz gesprochen. Da sei sie belächelt worden. Daraus entstand die Idee, klimaneutrale Schutzkleidung zu entwickeln. "Ich bin zuversichtlich", sagt sie, "dass da was draus wird."

Noch ein paar Bier werden bestellt. Und Essen. Mittlerweile ist man an einen größeren Tisch umgezogen. An einem zweiten haben sich zwei Erfinder mit einem möglichen neuen Mitglied zurückgezogen, das sicher auch Hilfe braucht bei irgendeiner Erfindung. Hilfe, um sich gegen die großen Marktführer durchzusetzen - und Motivation, um nicht aufzugeben.

© SZ vom 28.08.2020/lfr
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