Stenographie:Dieser Verein entschlüsselt Dokumente aus der Vergangenheit

Lesezeit: 4 min

Der Stenographenverein Gabelsberger in der Hofmannstraße 7b am 26.02.2019 in München.

Die Atmosphäre, in der die Stenografen an der Hofmannstraße arbeiten, hat etwas von einem Klassenzimmer: Schulbänke, Konzentration, eine Kopie für jeden - und dann wird gemeinsam gelesen.

(Foto: Jan A. Staiger)

Tagebücher, Postkarten, historische Texte: Immer wieder tauchen alte Schriftstücke in Gabelsberger-Kurzschrift auf. Möglicherweise kann sie bald niemand mehr lesen.

Von Linus Freymark

Es ist Sommer, der 11. Juli 1920, in Eichstätt ist Jahrmarkt. Aber wirklich freuen kann sich Heinrich Eid darüber nicht. Mit gemischten Gefühlen blickt der Lehrer den Sommerferien, ja, der Zukunft entgegen. "Mit Ablauf dieser Woche wird das Schuljahr 1919/20 zu Ende sein. Dann beginnen die Ferien, ob aber die Erholung? O Gott wie arm sind wir!"

Bis auf die letzte Ecke sind die Seiten des Tagebuchs vollgekritzelt und erzählen von den Sorgen und Nöten, von Hoffnungen und Ängsten einer Familie in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Das Papier ist vergilbt, an manchen Stellen ist der Text kaum zu entziffern. Eid hat beim Schreiben oft die Feder gewechselt, hat er das dickere Modell verwendet, ist es beinahe unmöglich, noch etwas zu erkennen. Und auch die mit dünnerer Feder geschriebenen Passagen können heute nur noch wenige Menschen lesen. Denn die auf das Papier geschmierten Bögen und Striche sind Gabelsberger-Kurzschrift, ein Kurzschriftsystem, dass der in München geborene Franz Xaver Gabelsberger erfunden hat.

Woche für Woche entziffert eine kleine Gruppe Ehrenamtlicher Dokumente wie das Tagebuch von Heinrich Eid, die sonst verloren wären. Immer dienstags gegen 17.15 Uhr treffen sich die Mitglieder des Stenographen-Zentralvereins Gabelsberger unter Leitung von Edelgard Dankerl in ihrem Vereinsheim an der Hofmannstraße 7b.

An diesem Dienstag Ende Februar sind sie zu acht: sieben Frauen und ein Mann. Die Luft steht in dem Raum, der ein bisschen was von einem Klassenzimmer hat: Vorne die Tafel, dann die Schulbänke, die sich in drei Reihen quer durch den Raum ziehen, an der Seite stehen Bücherregale aus verblichenem Holz. Es riecht nach Staub und Kreide. Die Februarsonne strahlt ins Zimmer, trotzdem bleiben die Fenster geschlossen. Dankerl erklärt, der Lärm und der Gestank der angrenzenden Fabrik würden sonst in den Raum ziehen. Mit gerümpfter Nase präzisiert eine Frau die Herkunft des Geruchs: "Vinzenzmurr."

Die meisten hier haben noch in der Schule Kurzschrift gelernt oder wie Edelgard Dankerl und ihre Kollegin Heidi Hässler als Stenografinnen im Landtag gearbeitet. Andere haben sich die Kurzschrift selbst beigebracht: Erst das Standardsystem, dann das Gabelsbergersche. Denn das System, das Gabelsberger Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte, unterscheidet sich in einigen Punkten deutlich von der später gebräuchlicheren Deutschen Einheitskurzschrift. Brigitte Zuber etwa, eine studierte Kunsthistorikerin, die die Tagebücher von Kardinal Faulhaber lesen wollte und dann irgendwie beim Verein hängen geblieben ist, konnte früher nur die herkömmliche Kurzschrift. Oder Renate Meingast, die sich auf eigene Kosten Lehrmaterialien beschafft hat; kleine Büchlein, in die sie auch jetzt noch manchmal reinschaut. Beim Fahrradfahren zum Beispiel. Die Hände am Lenker, das Buch dazwischen, fährt sie dann durch München. Edelgard Dankerl nickt anerkennend, als Meingast erzählt: "Das ist Multitasking."

Dankerl, Hässler und die anderen bekommen viele Anfragen von Archiven und Privatpersonen, die im Nachlass ihrer Vorfahren alte Postkarten oder Tagebücher entdeckt haben und wissen wollen, was die Verwandten, die sie oft nie persönlich kennengelernt haben, bewegt hat. Manchmal sind die Vereinsmitglieder dann die ersten, die historische Texte von Künstlern wieder entziffern. Brecht, Freud, Kästner, alle haben sie hier schon auf dem Tisch liegen gehabt. Oder eben Heinrich Eid, der Gymnasiallehrer aus Eichstätt, der 1916 damit begonnen hatte, ein Tagebuch zu schreiben. Eigentlich war es für seine Tochter gedacht, aber dann ist es verloren gegangen und erst wieder aufgetaucht, als es seine Enkelin auf dem Dachboden entdeckt hat.

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