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Gesundheit:Villa für Drogenkranke ist gerettet

Oberarztvisite in der Villa: Sonja Horstmann (mit Namensschild), Fachärztin für Neurologie, führt vor Ort regelmäßig Gespräche mit den Patienten.

(Foto: Robert Haas)

Die Entgiftungsstation in Schwabing wird mit neuem Konzept weitergeführt. Sie kümmert sich vor allem um junge Patienten am Anfang einer "Suchtkarriere".

Auf einem Tisch liegen aneinandergereiht bunte Bilder. Über das letzte in der Reihe beugt sich Therese Glas und begutachtet es liebevoll. Vor einem weißen Hintergrund sprießt ein grüner Strauß aus dem Boden, wie ein kräftiges Büschel Frühlingsgras, und an den einzelnen Halmen blühen rosa Blüten. Glas hat es vor etwa einer Woche gemalt. Seit diesem Bild gehe es ihr besser, sagt die 60-Jährige, in ihren Augen spiegelt sich das Sonnenlicht, das aus dem Garten durchs Fenster hereinscheint.

Glas ist polytox, das heißt, sie ist von mehreren Drogen gleichzeitig abhängig. Seit fast drei Jahrzehnten versucht die zierliche Frau mit den kurzen, rotgefärbten Haaren, clean zu werden. Der Arbeitgeber soll es nicht erfahren, deshalb will sie ihr Foto und ihren echten Namen nicht in der Zeitung sehen. Die Hoffnung, die sie das Bild mit dem blühenden Strauß hat malen lassen, verdankt Glas der "Villa". So heißt die Entgiftungsstation für Suchtkranke, die auf dem Gelände der München Klinik in Schwabing steht, ein imposanter Bau aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Eine Villa in Schwabing, aber hier wird der Erfolg nicht über geschmackvolle Einrichtung definiert, sondern über die Laufzeit von sechs Wochen, in denen Menschen wie Glas von den Drogen wegkommen sollen. Bisher ist Glas jedes Mal nach der Therapie in der Villa wieder rückfällig geworden. Dieses Mal soll alles anders werden. Helfen könnte ihr das neue Konzept der Villa. Chefarzt Ulrich Zimmermann und Pflegedienstleiterin Lena Heyelmann haben es im vergangenen Jahr ausgearbeitet. Ihr wichtigstes Anliegen: zu vermitteln, dass Sucht eine Krankheit ist, die ganzheitlich angegangen werden muss, mit allen psychiatrischen und psychosomatischen Komponenten. Deshalb sieht das Konzept auch Kunsttherapie vor, Sport und Yoga.

Weil die Sonderfinanzierung, die seit Anfang der Neunzigerjahre die Villa trug, gestrichen wurde, stand kurzzeitig die ganze Einrichtung auf der Kippe - der Bezirk Oberbayern sprang im vergangenen Jahr ein, übernahm die Trägerschaft und die anfallende Sanierung des Hauses. Nun gehört die Villa zum Kbo-Isar-Amper-Klinikum des Bezirks. Seit Dezember 2019 werden wieder Patienten aufgenommen, elf von sechzehn Plätzen sind bereits belegt.

Bezirkstagspräsident Josef Mederer betont die Verantwortung, die der Bezirk gegenüber suchtkranken Menschen habe. Zusammen mit der Gesundheitsreferentin der Stadt, Stephanie Jacobs, besuchte er im Februar das neu eröffnete Haus. Das Weiß der Wände leuchtet noch ganz frisch, die Sofaecken sehen noch aus wie im Möbelhaus - doch der Betrieb in der "Villa" ist schon wieder in vollem Gange.

Man will sich hier in Schwabing langfristig auf Patienten bis zum 30. Lebensjahr konzentrieren. Eine ähnliche Klinik in Haar soll sich dafür verstärkt um die Älteren kümmern. So soll vermieden werden, dass diejenigen, die noch am Anfang ihrer "Suchtkarriere" stehen, von den Erfahrenen weitere Tricks lernen. Grundsätzlich aber kommen die Patienten in solche Einrichtungen mit der Einsicht, ihre Sucht bekämpfen zu wollen. Alle anderen Drogenabhängigen, die ihre Drogen längst nicht mehr nur von der Straße, sondern vor allem übers Internet bekommen, erreicht man damit nicht. Mederer und Jacobs drängen deshalb auf eine "neue Drogenpolitik" und die Einrichtung einer Drogenambulanz in der Stadt als erste Anlaufstelle für Opiatabhängige - doch der Freistaat gibt dafür bisher nicht die nötige Ausnahmegenehmigung.

Therese Glas ist da schon viel weiter. Ein detaillierter Stundenplan unterteilt ihren Alltag in der Villa in verschiedene Therapieeinheiten. Gerade unterhält sie sich in der Gemeinschaftsküche mit dem Kunsttherapeuten über ihre Depression. In drei Wochen geht es wieder raus ins Leben - und ihrem Lächeln nach zu urteilen, ist Glas entschlossen, die Klinik zum letzten Mal zu verlassen.

© SZ vom 18.02.2020/haem
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