Drogenentzug Therapie ohne erhobenen Zeigefinger

Chefarzt Ulrich Zimmermann und Pflegedienstleiterin Lena Heyelmann wollen bei der Behandlung von Suchterkrankungen neue Wege gehen.

(Foto: Angelika Bardehle)

Als Chefarzt der neuen Klinik für Suchtmedizin in Haar will Ulrich Zimmermann die Patienten nicht nur entgiften, sondern ganzheitlich behandeln. Sein Ziel ist, dass Abhängige freiwillig in die Einrichtung kommen.

Von Nadine Schobert, Haar

Im Isar-Amper-Klinikum in Haar tut sich was: Das Bezirkskrankenhaus geht in Sachen Suchtbehandlung neue Wege. Offen und ganzheitlich, das sind die Stichworte, die bei der Behandlung der Suchtpatienten im Klinikum in Zukunft groß geschrieben werden sollen. Professor Ulrich Zimmermann ist Chefarzt der neuen Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie. Auf fünf Stationen mit insgesamt 106 Betten plus Ambulanz haben der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und die Pflegedienstleiterin der neuen Klinik, Lena Heyelmann, viel vor.

"Bislang sind Suchtpatienten zum Entzug nach Haar gekommen. Es ging in erster Linie um die Entgiftung", erklärt Zimmermann. Die Suchttherapie in Form von Psychotherapie hat im Klinikum direkt nicht stattgefunden. Dabei spiele die bei der Behandlung eine ganz entscheidende Rolle. "Oft haben abhängige Patienten gleichzeitig bestimmte psychiatrische Probleme." Werden diese nicht mitbehandelt komme es in 90 Prozent der Fälle nach kurzer Zeit zum Rückfall.

Zimmermann kennt sich aus im Umgang mit Suchtpatienten. In den vergangenen zehn Jahren hat der gebürtige Niederbayer den ambulanten Suchtbereich der Universitätsklinik in Dresden etabliert. Dort kümmerte er sich vorwiegend um Mütter, die von Chrystal Meth abhängig waren. Deshalb weiß er, dass hinter einer Abhängigkeit oft viel mehr steckt, als man zunächst denkt.

Angsterkrankungen, posttraumatische Störungen, Depression: Die Liste der Krankheiten, die häufig neben der eigentlichen Sucht existieren, ist lang. "Deswegen muss die Behandlung einer Suchterkrankung weit über die Entgiftung und das Körperliche hinausgehen", betont Zimmermann. Ob die psychische Krankheit die Sucht ausgelöst hat oder umgekehrt, sei dabei von Fall zu Fall unterschiedlich. "Sicher ist aber, dass beides behandelt werden muss."

Als Chefarzt der Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie will er das jetzt umsetzen. Ein ganz neues Image für das Klinikum in Haar soll her. "Ich wünsche mir, dass Suchtkranke das Gefühl bekommen, dass sie freiwillig nach Haar kommen können", betont der Chefarzt. Und zwar nicht nur für eine mehrwöchige stationäre Behandlung, sondern vor allem auch für ambulante Hilfe und Beratung. "Suchtpatienten sollen die Möglichkeit haben, sich unverbindliche Hilfe zu holen", sagt Zimmermann. Langfristig wolle man in der Klinik so viele Stationen wie möglich öffnen. "Ziel ist es, am Ende nur noch eine geschlossene Station zu haben."

"Süchtige schämen sich zutiefst und suchen sich keine Hilfe"

Jede Nacht bringt die Polizei laut Zimmermann alkoholisierte und selbstmordgefährdete Menschen als Notfallpatienten nach Haar, die Mehrzahl gegen ihren Willen. "Das fördert ein Bild der Klinik, das wir nicht haben wollen", sagt der Chefarzt. Solche Aufnahmen würden die Menschen verschrecken, sie hätte das Gefühl, nie wieder nach Haar zurückkommen zu wollen. "Das muss sich ändern. Die Suchtkranken sollen selbstbestimmt zu uns kommen."

Denn die Grundhaltung gegenüber dem Patienten hält Zimmermann für einen ganz wesentlichen Aspekt der Therapie. "Die Stigmatisierung von Abhängigen ist in der Gesellschaft noch immer riesengroß", sagt er. Die Diskriminierung der Erkrankten stelle oft das größte Therapiehindernis dar, so Zimmermann "Süchtige schämen sich zutiefst und suchen sich keine Hilfe."

Deshalb müsse sich der Ansatz der Behandlung grundlegend ändern. "Wir dürfen Patienten nicht vorwurfsvoll gegenübertreten", betont Zimmermann. Die meisten wüssten genau, dass sie den falschen Weg eingeschlagen haben. "Sinnvoll ist es, verständnisvoll nachzufragen wie es dazu kommen konnte, und jeden Schritt gemeinsam mit dem Patienten zu erarbeiten."

Neben Entzug und Psychotherapie sollen Abhängige künftig auch mehr pflegetherapeutische Unterstützung erhalten. "Suchtkranke haben oft die alltäglichsten Dinge verlernt", erklärt Lena Heyelmann. Durch gezielte Bewegungs-, Ergo- und Kunsttherapie, aber auch durch einfache Gespräche, soll der Patient wieder lernen im Alltag für sich selbst zu sorgen.

Seit Oktober ist Ulrich Zimmermann im Isar-Amper-Klinikum Haar als Chefarzt tätig und hat das Angebot der Klinik in Zusammenarbeit mit Lena Heyelmann schon grundlegend verändert. Trotzdem bleibt noch viel Arbeit. Die Pflegedienstleiterin betont: "Die Umstellung der Behandlung ist eben ein Prozess, genau wie die Suchttherapie selbst."