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CSD:München setzt viele bunte Zeichen

Am Samstag gehörten der Marienplatz und die umliegenden Straßen der LGBTIQ-Szene.

(Foto: Stephan Rumpf)

Pandemie statt Parade hieß es auch dieses Jahr wieder für den Christopher-Street-Day. Die Organisatoren machten das Beste aus den Regeln - und das wurde richtig gut.

Von Sabine Buchwald

Die Welt ist bunt. So banal das klingen mag, diese Erkenntnis war am Wochenende in München deutlich sichtbar: An den vielen Flaggen der LGBTIQ-Community, die auf dem Marienplatz wehten. Vor allem aber an den unzähligen Symbolen in den Regenbogen-Farben, die sich Besucher wie Vertreter des Christopher-Street-Day (CSD) um ihre Körper geschlungen hatten oder irgendwo sichtbar trugen, als Sticker an der Jacke, als Fähnchen am Rucksack oder in den Ringeln ihrer Socken. Dieser CSD wird nicht als Absage der sonst üblichen Parade in Erinnerung bleiben, sondern als eine bewusste Zusage vieler Münchner an ein selbstbestimmtes Leben, an Vielfalt und Toleranz.

Wie schon im vergangenen Jahr hatten sich die Stadt und die Veranstalter des Münchner CSD pandemiebedingt auf eine andere Art des Feierns und Demonstrierens verständigt: ohne pompösen Umzug durch die Innenstadt, ohne Reden von der Bühne, ohne Musik. Dafür präsentierten sich an 64 Standorten am und um den Marienplatz unter dem Motto "Proud. Human. Queer" Vereine und Initiativen der Community. 2020 waren es 45 solcher Demo-Spots. Ihre Vertreterinnen und Vertreter sollten ihre Stände möglichst diskret halten - das war eine der Auflagen. Es durften nicht mehr als sechs Leute zur selben Zeit dort sein und sie mussten einen negativen Corona-Test vorzeigen können. Sie durften niemandem Flyer in die Hand drücken, und sie sollten Interessierte möglichst nicht von sich aus ansprechen.

Vielleicht entwickeln sich gerade deshalb Gespräche, wenn man sich nicht bedrängt fühlt? Jedenfalls wurde interessiert gefragt. Über Homosexualität an der Universität etwa bei Leuten des Queer-Referats der LMU. An dessen Stand in der Theatinerstraße bildeten sich immer wieder Warteschlangen, die dann immer wieder aufgelöst wurden. Kommentar einer Studentin dazu: "Bei Zara stehen sie doch auch an." Das ist Corona-Paradoxie.

Es konnte über das Beschwerdemanagement der München Klinik für betroffene Patienten und Mitarbeiter gesprochen werden; über das Schwulsein auf dem Land mit Vereinsmitgliedern von "Queer in Niederbayern"; mit Pfarrerin Doris Wild über den Segen, den die evangelische Kirche allen, wirklich allen, zuteil werden lässt. Der Tag war kein bloßes Schaulaufen des Andersseins für die Szene. Dragqueens in ausladenden Kostümen oder "Petplayer" mit Hundemasken waren zwar auch zu sehen, aber sie standen mittendrin im samstäglichen Shoppinggetümmel der Innenstadt. Fachsimpeleien über High-Heels und Perücken entstanden niederschwellig. Komplimente wie: "Wow, wie schön", von einer Frau zu einer hellblau glitzernden Erscheinung, die alle überragte, waren zu hören. Die Antwort: ein Lachen und ein Innehalten für ein Selfie.

Trotz der Regeln, die so gut es eben ging eingehalten wurden, geriet die Veranstaltung zu einem politischen Statement - vielleicht mehr als sonst. Weil alle mittendrin sein konnten: Lesben, Schwule, bisexuelle, trans, inter, queere Menschen (dafür steht die Abkürzung LGBTIQ) und Leute, die gar nicht wegen des CSD in die Stadt gekommen waren. Angaben der Polizei zufolge waren etwa 5000 Menschen als Besucher auszumachen. Gut erkennbar an den Regenbogen-Farben oder an Fetisch-Kleidung, wie Männer in engen schwarzen Leder- oder Latex-Klamotten. Aus einer Gruppe von Schülerinnen, die sich gerade noch gegenseitig Fähnchen in den Haaren befestigten, kommt die Antwort, warum sie denn hier seien, schnell und laut: "Weil wir gay sind und dafür kämpfen. In der Schule genauso wie hier."

"Schade, dass wir auch heuer keine Parade haben, aber wir sind sichtbar", meint Stadtrat Thomas Niederbühl, der in der Sendlinger Straße mit Kollegen der Rosa Liste steht. "Mir scheint, die Leute entdecken ihr eigenes Queersein, das vielleicht ein anderes ist, als was wir traditionell mit dem Label schwul-lesbisch meinen." Womöglich hat dieses CSD-Corona-Konzept eine Zukunft. Alexander Kluge, Geschäftsführer der CSD München GmbH, kann sich gut vorstellen, die dezentralen Aktionen und den Live-Stream mit Talkgästen aus dem Bellevue di Monaco künftig zu kombinieren mit Parade und Straßenfest.

© SZ vom 12.07.2021/amm
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