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Jugend und LGBTIQ-Community:"Diese Generation hat verstanden"

Christopher Street Day - München

"Sie akzeptieren die Lebensweise der Älteren nicht mehr länger", sagt der Psychologe Christopher Knoll über junge Menschen.

(Foto: dpa)

Beim Christopher Street Day in München waren in diesem Jahr auffallend viele junge Menschen unterwegs. Das ist kein Zufall, sagt der Psychologe Christopher Knoll.

Interview von Sabine Buchwald

Dieser CSD war geprägt von auffällig vielen jungen Menschen. Sie waren in kleinen Gruppen unterwegs, oft eingehüllt in Fahnen, die Gesichter geschminkt in den Regenbogen-Farben, informierten sich an den Ständen. Der Diplom-Psychologe Christopher Knoll erklärt, warum es gerade jetzt junge Leute auf die Straße treibt.

SZ: Herr Knoll, warum waren dieses Jahr so viele junge Leute dabei?

Christopher Knoll: Wir sehen den Wunsch der Jugend in einer Welt zu leben, die nach fairen Regeln funktioniert. Und das teilt sie mit der LGBTIQ-Community. Diese Generation hat verstanden, dass wir nur alle gemeinsam die Probleme der Welt lösen können, den Klimawandel genauso wie die Homo- und Transphobie.

Der Diplom-Psychologe Christopher Knoll arbeitet seit knapp 30 Jahren als Berater bei der Münchner Aids-Hilfe und beim Sub, dem Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum in der Müllerstraße.

(Foto: Susi Knoll)

Es ist also nicht nur die Lust rauszugehen und zu feiern? Ist die junge Generation politischer geworden?

Das trifft sicher auf viele junge Menschen zu. Sie akzeptieren die Lebensweise der Älteren nicht mehr länger. Das zeigt sich auch beim Zuspruch für Fridays for Future. Die jungen Leute erkennen, wo Handlungsbedarf ist.

Und die ältere Generation?

Es gibt mittlerweile viele organisierte Gruppierungen, nicht nur Lesben und Schwule. Auch die Community steht vor der Herausforderung, inklusiver zu werden, diese verschiedenen Gruppen zusammenzubringen und sich gegenseitig zu stützen. Wir müssen sozusagen alle LGBTIQ werden, gerade im Alter.

Ältere Homosexuelle kennen Anfeindungen wegen ihres Andersseins. Manche wollen nicht erkannt werden am Arbeitsplatz oder von Nachbarn. Woher nehmen die jungen Leute ihren Mut, sich zu zeigen?

Man kann nicht sagen, dass die jungen Leute keine Homophobie-Erfahrung kennen. Gerade die Schule ist durchaus ein Ort, an dem Homophobie erlebt wird, so wie sie allgegenwärtig in unserer Gesellschaft ist. Der Ausdruck "schwule Sau" ist Teil der Jugendsprache. Aber ja, die jungen Leute sind mutig, politisierter und sie träumen von einer anderen Welt. Und das zu Recht. Sie wollen sich davon auch nicht mehr abbringen lassen.

Auf dem CSD waren viele junge Allies, also Unterstützer. Sie sind mit einer eigenen Fahne sichtbar: schwarz-weiß gestreift und ein A in den Regenbogen-Farben.

Genau das zeigt, wie sehr die jungen Leute spüren, dass es einen Änderungsbedarf gibt. Sie wollen nicht in eine Welt hineinwachsen, die sie bei der Generation ihrer Eltern und Großeltern sehen: mit klaren Rollenmustern, mit Hass und Abgrenzungsbemühungen.

Sie wollen also die Rollenbilder der Eltern aufbrechen. Heiraten und Kinder kriegen ist aber durchaus ein Traum junger Leute? Ist das kein Widerspruch?

Homophobie korreliert mit Religiosität, traditionellen Männlichkeitsnormen und der Häufigkeit von Kontakten. Je mehr die Jugend die traditionellen Geschlechterrollen überwindet und in Kontakt mit anderen und weniger religiös gebunden ist, desto weniger wahrscheinlich wird eine homophobe Haltung.

Was könnte von den Schulen gegen Ausgrenzung getan werden?

Es gibt zum Beispiel das pädagogische Institut der Stadt, das unter anderem Stadtteilrundgänge für Klassen organisiert. Die kommen unter anderem zu uns ins Sub und schauen sich an, wie so ein schwules Zentrum funktioniert und warum es das überhaupt gibt. Das ist ein sinnvoller Weg. Die Stadt München bemüht sich sehr, gegen homophobe Tendenzen anzugehen.

Etwa mit der Regenbogen-Beleuchtung der Arena. Wann werden sich homosexuelle Fußballer zeigen können?

Für einen Sport, der so abhängig ist von Sponsorengeldern, der nur stromlinienförmige Werbeträger haben will, mache ich mir wenig Hoffnung. Man kann nur hoffen, dass an den Mauern des IOC und der Uefa die Jugend auch noch rütteln wird.

© SZ vom 12.07.2021
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