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Corona-Krise:Münchens Rockmusik-Veranstalter am Abgrund

Rammstein in München, 2019

Schall und Rauch: Auf Großkonzerte wie dieses 2019 im Olympiastadion werden die Fans sehr lange verzichten müssen. Die Ansteckungsgefahr ist zu hoch.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Münchner Rockmusik-Veranstalter trifft die Krise besonders hart. Tausende Konzerte sind abgesagt, lukrative Großveranstaltungen sind nicht in Sicht, und für die Zukunftsplanung fehlen klare Ansagen von Seiten der Politik

Ein Eintrittspreis zum Konzert von 100 Euro wäre wohl ein Schnäppchen inklusive der "Erfüllung deiner wildesten Groupie-Träume" in der Kategorie "VIP-Exotic". Aber schon das normale Ticket für 20 Euro, einfach nur, um mal wieder "eng und knackig mittendrin" im Getümmel vor der Band zu stehen - ein Traum. Davon muss man auch weiter träumen, denn alle Pop- und Rock-Konzerte sind wegen der Corona-Pandemie abgesagt, die großen noch mindestens bis 31. August, die kleinen "auf Sicht". Die genannten Angebote im Vorverkaufsportal muenchenticket.de gelten nur für eine virtuelle Veranstaltung, das "Soli-Fest" für den Club Strom. Das Erstaunliche: Viele Stammgäste des Rock-Ladens an der Lindwurmstraße haben zugegriffen. "Dabei kriegst du eigentlich nichts, auch wenn wir uns bei Soli-Ticket-Inhabern hoffentlich mal mit Freibier bedanken können", sagt Strom-Wirt Frank Bergmeyer. Gleichwohl seien schon ein paar Tausend Euro zur Rettung des Clubs zusammengekommen. "Daran sieht man mal, wie wichtig den Leuten so eine kulturelle Institution ist."

Viele Kollegen des Pop-Veranstalters erleben derzeit solch aufbauenden Zuspruch. Für Hans-Georg Stocker, den Betreiber des Backstage, ist das die "geilste Erfahrung" in der Corona-Krise: "Nur wenige fordern das Geld für gekaufte Tickets zurück, das hilft uns wirklich." Auch Dietmar Lupfer vom Kulturzentrum Muffatwerk hat diese Solidarität erlebt. Und die Drei-Mann-Agentur Club 2 verkauft statt echter Konzertkarten nun "Soli-Tickets". An die 300 Stammgäste hätten so bereits geholfen in der Not, der Fotograf André Habermann hat mit der Versteigerung eines Buch-Unikats mit Live-Bildern sogar 1000 Euro für seinen Lieblings-Veranstalter zusammenbekommen. "Das ist unser Riesenvorteil: Dass man uns persönlich kennt", sagt Tobi Frank, den man wie seine Partner Ivi Vukelic und Markus Sporrer immer werkeln sieht bei ihren Shows oder gar im Vorprogramm Gitarre spielen. Die Szene hält zusammen. "Das ist herzzerreißend", sagt Frank erfreut über den Beistand, "da kommen mir fast die Tränen."

Ansonsten fließen eher Tränen der Trauer und der Wut bei den Rock- und Pop-Veranstaltern. Sie trifft das Kontaktverbot, quasi ein Berufsverbot, besonders hart. "Wir waren die Ersten, die es erwischte", so Stocker, "und wir werden die Letzten sein, die wieder aufmachen dürfen." Gleich zu Beginn musste er die mit fast 2000 Tickets ausverkaufte Show des Bombay Bicycle Club absagen, ebenso das traditionelle "Dark Easter Metal Meeting" mit Gästen und Bands aus aller Welt, der März und der April seien so gut gebucht gewesen wie noch nie mit 114 Shows, "das haut finanziell besonders rein". Der Umsatzverlust allein und das Weiterlaufen der bald ruinösen Kosten für Personal und Mieten sind für keinen lange zu stemmen, ein paar Monate vielleicht, Staats-Darlehen seien da nur "Insolvenzverschleppung", so Stocker. "Es ist ein finanzielles Desaster", sagt Bergmeyer, der mit seiner Agentur Propeller auch Riesen-Open-Airs wie 2019 das von Rammstein im Olympiastadion stemmt, ein vergleichbares Spektakel 2021 sei ihm wegen der Krise gerade geplatzt.

Noch schlimmer, da sind sich alle einig, machten es die Autoritäten und ihre Behörden mit oft nebulösen und zögerlichen Ankündigungen. "Da rege ich mich wirklich auf", empört sich Stocker. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) wirft er nach dessen Auftritt in einer BR-Talksendung eine "starrköpfige Haltung" den privaten Veranstaltern gegenüber vor, "Hauptsache die Stadt zuerst", aber die Stadt müsse sich fragen, ob sie nach Corona noch eine mit Popkonzerten sein will. Und der Freistaat sei, schimpft Stocker weiter, "nicht in der Lage, endlich zu sagen, was er eigentlich unter den verbotenen Großveranstaltungen versteht". 500, 1000, 5000 Gäste? Da kann auch Frank vom Club 2 noch nicht abschätzen, ob er den Auftritt von King Gizzard am 27. Juli in der Tonhalle durchziehen dürfe. Dabei seien gerade für ihn die wenigen Veranstaltungen mit mehr als tausend Besuchern pro Jahr wichtig, um die kleineren Gigs zu finanzieren. Für das Kulturreferat veranstaltet der Club 2 etwa die Gratis-Avantgarde-Reihe "Opean", die zugesicherte erste Honorarrate habe man erhalten, sagt Frank. Ob es aber etwas wird mit Puuluup, ob er den Saal mit viel Leerraum bestuhlen muss und ob die Künstler aus Estland anreisen können, steht in den Sternen. Aber gerade solche Exoten-Gastspiele garantieren wie eine Art Biotop die Artenvielfalt in der Konzert-Massenkultur.

So einen Mix kalkulierte auch die - zu 20 Prozent städtisch bezuschusste - Muffathalle stets. Jetzt nicht mehr: "Defizitäre Programmpunkte", gleichwohl Kunstfreund Lupfers Lieblinge, werden bis auf weiteres nicht mehr geplant. "Wir versuchen, Sonderzuschüsse zu ergattern, aber wir können das Geld für besondere Veranstaltungen nicht herbeizaubern." Freilich denkt er aber längst über solche Formate nach: virtuelle Kunstwelten, einzeln nach Terminabsprache besucht von den Gästen mit Computer-Brille (erprobt 2019 bei "25 Jahre Muffathalle"), Workshops oder Streams, aber keine gewöhnlichen Konzertübertragungen. Lupfer schwebt vor, selbst "redaktionellen Content" zu erzeugen, Diskussionsforen über "die neue Normalität" etwa. "So etwas könnte auch nach Corona bleiben, aber irgendwie müssten wir es finanzieren." Eine Grundsorge gerade.

Ebenso schwer wiegt die Planungsunsicherheit: Was wird man wann und wie wieder veranstalten können? Bands bieten sich dem Club 2 gerade gar keine an, und Bergmeyer werden nur Verträge mit Garantiegagen vorgelegt, die er momentan nicht unterschreibt. "Wer weiß denn, ob sich die Leute wieder auf Konzerte trauen?" Und wer weiß, welche Abstandsregeln dann gelten? "Wenn jeder Mensch 20 Quadratmeter haben muss, ist das Strom bei zehn Besuchern ausverkauft." Masken ja oder nein, Sitzkonzerte mit Leerreihen, Bierverkauf, Einlasssituation, Open-Air oder Indoor - von den Behörden kommt nichts. Das Münchner Kommunalreferat müsste verbindliche Regeln aufsetzen, aber dort schiebt man die Verantwortung an den Freistaat weiter. Exitstrategie im Unterhaltungsgewerbe - Fehlanzeige. "Klar, Mitte März musste alles schnell gehen", sagt Lupfer, "aber jetzt nach sechs Wochen kann man schon erwarten, dass die Zeit genutzt wurde." Stocker pflichtet ihm bei: "Die Unsicherheit frisst uns auf, das müssen die endlich beheben." Bei den Kirchen habe man das auch geschafft - warum sind Gottesdienst von 4. Mai an wieder erlaubt, aber keine Konzerte? Was macht die Messen sicherer und unverzichtbarer als die Feiern der Rock-Gläubigen?

Die Seuche verschärft den Außenseiter-Status der Branche. Sind solche Rock-Sausen nicht unkontrollierbar, wird geargwöhnt - wurde das Virus nicht erst durch Fasching und Après-Ski in die Gesellschaft gepumpt? "Mich stört, dass wir auf das selbe Niveau gestellt werden wie Karneval, man muss doch dem mündigen Bürger ein Verantwortungsbewusstsein zugestehen, auch auf einem Konzert mit einem Bier in der Hand", sagt Bergmeyer. Dass an die Rock-Branche noch kaum einer denkt, liegt auch daran, dass da viele Einzelkämpfern ihr Ding durchziehen. "Wir haben keine Lobby, die Politiker wissen nicht, was wir tun", sagt der Propeller-Chef, der sich deswegen mit Kollegen von Südpol über Schoneberg bis Backstage im Arbeitskreis trifft. Gerade Stocker, immer schon ein Don Quichotte gegen Behörden-Windmühlen, will alle Rock-Veranstalter "auf eine solidarische Linie" bringen, zum Beispiel auch, dass wie er niemand in der Corona-Krise Ausfallgebühren bei Hallenvermietungen verlangt. Er träumt von einer Gesellschaft, in der aus diesem Corona-Jahr niemand mit Gewinn rausgeht, aber alle überleben können: "Wir müssen eine Volksbewegung daraus machen." Aber ein Staatsschutz für die Kulturbranche wäre auch schon recht. Dafür kämpft auch Bernd Schweinar, Geschäftsführer vom Verband für Pop-Kultur in Bayern, beim Ministerpräsidenten: "Wir brauchen einen langfristigen Kulturrettungsschirm bis September 2021", nur so könne man Bühnen und Veranstalter erhalten.

Die Branche vertraut noch nicht darauf, baut vorsorglich an eigenen Lösungen. Tobi Frank vom Club 2 denkt zum Beispiel an ein Patronats-Modell, wie gerade von der Musikerin Judith Holofernes vorexerziert. So könne eine Art Fan-Schwarm (oder ein Verein wie beim Jazz-Club Unterfahrt) einen oder mehrere kleine Veranstalter gemeinsam stützen. Die Solidarität wäre jetzt da, darauf ließe sich aufbauen.

Hinweis: In einer früheren Fassung haben wir irrtümlich im Bildtext unter dem Rammstein-Konzertfoto behauptet, Rammstein-Sänger Till Lindemann sei nach einem Moskauer Konzert schwer an CoVid-19 erkrankt. Das hatte die Band aber dementiert: Lindemann sei zwar an einer Lungenentzündung erkrankt, aber negativ auf CoVid-19 getestet worden, also nicht daran erkrankt.

© SZ vom 28.04.2020

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