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München:Das Virus verändert alles - auch eine Kneipentour

Biene und Niko Hasselt im Holy Home.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Warum die Band im Wirtshaus "Cordula Grün" gerade nicht spielt, Dosierungskünstler dringend gefragt sind und wie Bars mit der Situation umgehen.

Von Tom Soyer

"Sommer in der Stadt", singen die drei Gletscherfetzer direkt vor den kupfernen Sudkesseln, "'s is wieder Sommer, Sommer in der Stadt." Dass die Band damit beim Paulaner am Nockherberg zwar eine verhalten-gute, aber nicht gerade euphorische Stimmung auslöst, hat natürlich an diesem Freitagabend auch mit den nasskalten fünf Grad Celsius in der Stadt zu tun. Aber drinnen ist's gemütlich und warm bei der Wirtshaus-Wiesn. Die Stimmungsbremse hat einen anderen Namen, den auch das allerbeste Gastronomie-Marketing nicht vergessen machen kann und der einen ziemlich intensiv auf einer nächtlichen Kneipentour begleitet: Corona.

"Schwierig" sei das, "man merkt, dass die Leut' gern feiern würden", sagt Max Gutsmiedl, der in Tracht mit einem Akkordeon vor den Sudkesseln steht. Aber Party machen, genau das gehe jetzt wegen der Pandemie nicht. Deren Auswirkungen hat auch er als Berufsmusiker bitter zu spüren bekommen. Von 180 Terminen seien in diesem Coronajahr gut 120 komplett ausgefallen. Und die abrupte Umstellung seiner Dozententätigkeit an der Hochschule Regensburg auf Onlinebetrieb, wo er "schulpraktisches Klavierspielen" mit einem Lehrauftrag unterrichtet, sei auch "nicht ganz einfach" gewesen. Gutsmiedl weiß also genauso gut wie die gebeutelten Gastronomen, um was es gerade geht. "Ich bin glücklich, dass' wenigstens des gibt und dass sich d'Leut auch sehr an die Regeln halten."

Die "Gletscherfetzer" Christian Mosinger, Max Gutsmiedl, Alex Hackl (v. li.) am Nockherberg.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Auf dem Nockherberg halten sich die Gäste an diesem Freitagabend tatsächlich an die Regeln, doch das ist nicht überall so. Am Wochenende meldet die Polizei drei größere Einsätze wegen Verstößen gegen die Infektionsschutz-Vorgaben: In einem Lokal in der Ludwigsvorstadt, in einer Bar in Berg am Laim, in der knapp hundert Gäste versammelt waren, und bei einer privaten Feier in Freimann mit mehr als 130 Gästen, wo jeweils weder Abstände eingehalten noch Masken getragen worden seien - und es nun wohl teuer wird.

Gutsmiedl weiß das alles einzuordnen. Er stünde in diesen Tagen gemeinsam mit seinen zwei Gletschermitfetzern Alexander Hackl (Gitarre, steirische Harmonika) und Christian Mosinger (Akkordeon, Gesang) mit der Kapelle Schwarzfischer auf dem Podium im Schottenhamel-Festzelt auf der echten Wiesn. Die vergangenen elf Jahre war er immer mit dabei. Jetzt ist er dankbar, dass es wenigstens die Wirtshaus-Wiesn gibt, mit Auftritten in der Nockherberg-Gaststätte. Der Festsaal ist nicht in Betrieb - und in der Gaststätte schaut es um 20.45 Uhr, also zur besten Zeit, so aus, als habe der Wirt gerade aufgesperrt: Freie Plätze zwischen den Gästen - wegen des nötigen Abstands. Obwohl das Lokal nach Corona-Regeln vollbesetzt ist und die Betriebsleiterin am Eingang ständig neue Gäste höflich abweisen muss.

Auf dem Nockherberg halten sich die Gäste an diesem Freitagabend tatsächlich an die Regeln, doch das ist nicht überall so.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Auf die Einhaltung der Vorgaben achtet hier beim Paulaner nicht nur das Personal sehr genau, sondern auch Max Gutsmiedl, der so etwas wie der Extra-Aufpasser im großen Lokal ist. Mit schöner Regelmäßigkeit wechselt der Mann aus dem Bayerischen Wald die übliche, hier musikalisch virtuos vorgetragene Wiesn-Animierhymne "Prosit der Gemütlichkeit" mit liebevollen Hinweisen aufs Maskentragen ab. Und wenn er in der Ferne eine Gruppe ziemlich angeheiterter junger Leute sieht, die sich von ihrem Tisch erheben, ohne sich und andere mit Maske zu schützen, stoppen die Gletscherfetzer auch mal den Landler, den sie gerade intonieren. "Mir setzn alle unsre Masken auf, wenn ma net am Tisch sitzn, des gilt aa für den Tisch da hintn!", ruft Gutsmiedl ins Mikrofon.

Sogar auf die Musik schlägt Corona durch. "Heit gibt's a Rehragout" spielen sie auf Wunsch gerne, und übrigens mit sehr schönem Gesang, und wer mag, kann sich ein "Rehschäufele mit Wildkräuter-Kaisersemmel-Knödel" (24 Euro) dazu schmecken lassen. Aber "Cordula Grün", das ungefähr 20 Mal am Tag verlangt werde vom bierseligen Publikum, nicht. Gäbe zu viel Party, darf nicht sein. Gutsmiedl ist nicht nur Musikpädagoge, sondern auch Musikpsychologe und weiß, wie man derzeit die Stimmung so justiert, dass alles geordnet läuft. Nach einer fetzigen Spider-Murphy-Gang-Nummer packen sie aus ihrem Repertoire von rund 500 Stücken eben einen alten, gemütlichen Schlager aus: "Rehbraune Augen hat mein Schatz". Das beruhigt, "wir haben's relativ unter Kontrolle". Die Betriebsleiterin meint vermutlich auch das, wenn sie begeistert lobt: "Die Jungs sind richtig gut!" Dosierungskünstler.

Die Frage nach der richtigen, also anwohnerkompatiblen Dosierung nächtlichen Lärms von Feiernden hat sich an diesem Freitagabend indes am Gärtnerplatz erst einmal erledigt: Bei fünf Grad Celsius und Regenschauern zieht es nur ein kleines, junges Grüppchen auf die Stufen des Theaters, es ist ruhig draußen. Und auch drinnen, direkt um die Ecke, im Holy Home, einer sehr gemütlichen Bar, in der sich Niko Hasselt zusammen mit Kollegin Biene darum kümmern, dass der Laden locker gefüllt bleibt und nicht voll wird.

"Betreutes Trinken" sei das derzeit, sagt Biene, weil sie vor allem auf jene, die nicht mehr ganz nüchtern sind, maskenmäßig aufpassen müssen. Auch deshalb, ergänzt Niko Hasselt, weil "alle krasse Angst vor dem Winter haben" - für den sie hoffen, ihren Schanigarten draußen auf der Reichenbachstraße überdacht betreiben zu dürfen. Sie mussten im März erst mal schließen und boten Ende Mai dann einen Kiosk mit To-go-Versorgung an.

"Wir konnten uns nur mit dem Außer-Haus-Verkauf über Wasser halten", sagt er, später wurden einige Toasts ins Angebot aufgenommen, um als Gastronomiebetrieb wieder öffnen zu dürfen. Die Käse-Schinken- oder Ziegenkäse-Honig-Toasts kosten 3,50 Euro und haben sich bewährt, nur den "Toast Elvis" habe noch keiner bestellt. Soll Elvis selbst gegessen haben, aber wer mag in München schon die Kombination aus Banane, Erdnussbutter und Ahornsirup, und das alles noch dazu frittiert?

Barkeeper Jakob Habel.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Ein paar hundert Meter weiter, in der Cocktailbar Zephyr in der Baaderstraße, turteln vier Paare und müssen sich nicht sehr bedrängt vom Publikum fühlen, weil ja alle auf Abstand sind. Barkeeper Jakob Habel regelt neben dem Mixen auch selbst den Einlass. Sechs erkennbar angeheiterte Männer, die zuvor schon im Münchner Hofbräuhaus waren, muss er um Mitternacht abweisen. "Ich hätte den Tisch für euch, darf aber nur drei dort platzieren derzeit." Sie beraten sich kurz draußen, teilen sich auf, drei kommen zurück. So funktioniert's. Einer verlangt "das absolut Härteste, was ihr an Alkohol da habt", bekommt einen "Long Island" und ist zufrieden.

"Hier können Sie trotz Corona Urlaub machen", steht auf einem Schild hinter der Bar. Das ist natürlich Zweckoptimismus, wie bei der Wirtshaus-Wiesn auch, die nicht kann und darf wie eine echte Wiesn. Aber es ist ja auch nicht mehr Sommer in der Stadt.

© SZ vom 28.09.2020/amm
Schanigarten in München in Zeiten der Corona-Krise, 2020

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