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Click&Collect:Geschäfte an der Ladentür

Erster Tag: Click & Collect

Michael Lemling, Geschäftsführer der Buchhandlung Lehmkuhl, ist froh, dass die Kunden ihre Bücher nun selbst abholen dürfen.

(Foto: Yoav Kedem)

Die Münchner Einzelhändler dürfen zwar immer noch nicht öffnen, doch zumindest das Abholen von bestellten Waren ist nun erlaubt. Für manche wie die Buchhandlung Lehmkuhl ist das ein Lichtblick, doch die Probleme der meisten Läden löst das nicht.

Von Catherine Hoffmann

Das neue Jahr hat sich Brigitte von Puttkamer anders vorgestellt. Sie hatte darauf gehofft, ihren Laden About Given 2021 wieder für Kunden zu öffnen und diese bei der Auswahl fair produzierter Kleidung zu beraten. Doch daraus wird wegen des fortgesetzten Lockdowns erst einmal nichts. "Trotz der erschwerten Umstände starten wir voller Zuversicht", erzählt sie. Gerade schaut die erste Kundin des Tages vorbei, die ihren neuen Fleecepullover zwar nicht im Geschäft anprobieren, aber immerhin dort abholen darf.

Seit diesem Montag gilt eine kleine Lockerung für den Handel: Ausdrücklich erlaubt wird das Prinzip "Click&Collect", also das Bestellen von Waren im Internet oder am Telefon, die dann persönlich im Geschäft des Einzelhändlers abgeholt werden. In anderen Bundesländern war der Service bereits erlaubt. Bayern hatte davon aus Furcht vor Kundenansammlungen vor den Geschäften zunächst Abstand genommen. Nun sollen lange Schlangen vor Geschäften vermieden werden, indem die Händler ihrer Kundschaft ein fixes Zeitfenster für die Mitnahme anbieten.

Wichtig: Das Abholen ist nur erlaubt, wenn Verkäufer und Kunden eine FFP2-Maske tragen. Diese schützt zwar unbestritten besser vor dem Coronavirus als Alltagsmasken. Warum sie allerdings im Bekleidungsgeschäft bei der Abholung getragen werden muss, während bei der Essensmitnahme in der Gastronomie oder beim Einkauf im Supermarkt weiter eine selbst genähte Maske genügt, bleibt rätselhaft. Der Handelsverband Bayern (HBE) und andere Lobbyisten hatten lange auf eine Lockerung gedrängt. "In diesen Zeiten zählt jeder Euro Umsatz für den Münchner Einzelhandel", sagt HBE-Sprecher Bernd Ohlmann. "Click&Collect ist aber nicht die Lösung aller Probleme." Angesichts der coronabedingten Einschränkungen haben viele Händler rund ein Drittel ihres gewohnten Umsatzes verloren. Hilfe ist also willkommen, auch wenn sie nur klein ist.

"Wir sind froh und dankbar, dass wir unseren Kunden jetzt Click&Collect anbieten dürfen", sagt Michael Lemling, Geschäftsführer der Schwabinger Buchhandlung Lehmkuhl, die am Montag ihre Abholstation für vorbestellte Bücher eröffnet hat. Geordert wird am Telefon oder im Internet. Die fertig gepackten Tüten samt beigelegter Rechnung können die Kunden in der Zeit von zwölf bis 15 Uhr direkt vor dem Laden abholen - komplett kontaktlos. "Die meisten unserer Kunden entscheiden sich fürs Abholen und nicht für eine Lieferung", sagt Lemling. "Wir finden das toll, weil wir so Kontakt zu unserem Kundenstamm in Schwabing und München halten." Und finanziell attraktiver ist es für den Buchhändler auch, denn der Versand via Onlineshop kostet ihn Geld.

Besonders freut Lemling, dass die Stammkundschaft von Lehmkuhl zuletzt sogar mehr Geld für Bücher ausgegeben hat als früher. Aber das Weihnachtsgeschäft ist jetzt vorbei, das in normalen Zeiten rund zehn Prozent des Jahresumsatzes ausmacht. Und auf die kommenden Wochen blickt der Buchhändler mit Sorge, denn im Januar sind abgesehen von einem neuen Roman von Haruki Murakami keine spektakulären Neuerscheinungen zu erwarten. Und solange die Menschen nicht im Buchladen herumstöbern dürfen, kann er nur hoffen, dass sie in den Feuilletons auf spannende Empfehlungen stoßen.

Click&Collect ist übrigens keine Erfindung aus Corona-Zeiten, Abholservices gab es schon lange vorher. So kann man beim Möbelhaus Ikea oder Elektromärkten wie Saturn bereits seit einiger Zeit online einkaufen und die Regale oder Radios dann im Laden abholen. Die Händler sparen sich so Transportkosten und Kunden können selbst entscheiden, wann sie dort vorbeischauen und sind nicht darauf angewiesen, die Postsendung abzufangen. Zudem geht die Selbstabholung oftmals schneller als der Versand.

Was aber fehlt ist die Möglichkeit, Dinge aus- oder anzuprobieren, sie einfach in die Hand zu nehmen und ihre Qualität zu prüfen, bevor man sie kauft. Das macht vor allem Besitzern von Bekleidungsgeschäften zu schaffen. Von Puttkamer hat deshalb eine "Lockdown-Sprechstunde" eingeführt, wie sie es nennt, wochentags von elf bis 15 Uhr: Trotz geschlossenen Ladens werden Kundinnen und Kunden am Telefon, per Video-Chat oder durchs Schaufenster beraten. Wer keine Scheu hat, stellt sich draußen vor die große Glasscheibe und ruft drinnen an, lässt sich zeigen, was es Neues gibt, und probiert vielleicht auch mal auf dem Gehweg etwas an. "Wir haben schon Übung aus dem ersten Lockdown", sagt von Puttkamer, der es Freude macht, andere Wege zu gehen. Gerade hat sie ihre Kundschaft per Mail über den Start des Sale informiert; Outfits werden mittels Posts bei Instagram und Facebook vorgestellt. Click&Collect, so fürchtet sie, sei aber nur "ein Tropfen auf den heißen Stein".

Auch Julika Kafka setzt keine großen Hoffnungen in diesen Vertriebsweg. Sie führt gemeinsam mit Claudia Achilles "Stadtkind", ein Geschäft für Kinderkleider und Spielzeug direkt im Rathaus. "Wir haben keinen Online-Shop, in dem wir unser Angebot zeigen können", sagt Kafka. Ihr geht es wie vielen Münchner Einzelhändlern: ohne das "Click" hilft auch die Erlaubnis zum "Collect" nicht viel. Und im Lockdown wird die Konkurrenz der großen Onlinehändler für den kleinen Laden zunehmend erdrückend. Im November und Dezember haben die Münchner für schätzungsweise 450 Millionen Euro im Internet eingekauft, sagt HDE-Sprecher Ohlmann, deutlich mehr als im Vorjahreszeitraum. Kafka ist pessimistisch: "Wenn wir nicht bald unseren Laden aufsperren dürfen, wird es sehr schwierig für uns."

© SZ vom 12.01.2021/syn/van
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