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Firmen im Lockdown:"Wir müssen jetzt nach vorne schauen"

Die meiste Ware bleibt liegen, auch wenn Geschäftsführer Maximilian Hauser und Sohn Nikolaus ihr Männermodengeschäft mit einem Liefer- und Zustellservice über Wasser zu halten versuchen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Bar, der Friseursalon, der Blumenladen - sie alle haben geschlossen. Ein Rundgang bei Branchen, die unter den Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung besonders leiden.

Von Felicitas Amler, Klaus Schieder, Florian Zick und Felix Haselsteiner

Die Verlängerung des Corona-Lockdowns trifft einige Branchen besonders hat. Im Einzelhandel ist es zwar seit diesem Montag erlaubt, Ware nach telefonischer Bestellung abzuholen, das ersetzt aber nicht das reguläre Geschäft. Friseurläden und Kosmetikstudios bleiben ganz geschlossen. Was dieses Quasi-Berufsverbot für die Betroffenen bedeutet, finanziell und auch mental - ein Überblick.

Der Schuhmacher

Schuhe mit Einlagen darf er verkaufen, "aber keine normalen": Orthopädieschuhmachermeister Franz Obermüller übersteht den Lockdown nur mit Kurzarbeit seines achtköpfigen Teams. Die Corona-Krise hat sich offenbar nachhaltig auf sein Geschäft ausgewirkt. Früher habe er in dem Laden an der Königsdorfer Hauptstraße pro Tag etwa zwanzig Paar Schuhe verkauft, nun seien es höchstens noch ein bis zwei Paar. "Und es ist nicht so, dass die Orthopädie boomt." Das gehe schon seit Sommer so und sei in der offenen Zeit zwischen den beiden Lockdowns keineswegs besser geworden: "Die Leute gehen nicht raus, sie brauchen nichts zum Anziehen." Ob nicht sogar eher mehr eingekauft wird? Nur online, sagt der Schuhmacher. Bei ihm werde derzeit jedenfalls nur ein oder zwei Tage in der Woche gearbeitet, je nach Bedarf. Wie es weitergeht? "Bis jetzt haben wir's überstanden", sagt Obermüller, "im nächsten halben Jahr wissen wir mehr." Die Frage, ob die Krise für ihn existenzbedrohend ist, kann der 67-Jährige verneinen: "Für mich nicht, denn es ist eh mein letztes Jahr." Nach 44 Jahren übergibt er seinen Betrieb an einen Nachfolger.

Der Verbandssprecher

Einzelhandelssprecher Volker Reeh

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Volker Reeh nennt die Situation für den Einzelhandel insgesamt schwierig, aber für Bekleidungsgeschäfte "extrem schwierig". Der Lockdown treffe sie deswegen so hart, weil sie Saisonware böten, erklärt der Kreisvorsitzende des Bayerischen Einzelhandelsverbands. Die sei schon im Frühjahr vielfach liegen geblieben, "und jetzt hängt die ganze Winterkollektion". Reeh sagt, auch Kaufhäuser wie das Isar-Kaufhaus in Geretsried oder Rid in Bad Tölz seien schwer betroffen. "Ein kleiner Lichtblick" sei es nun aber, dass von Montag an wieder "Click and collect" erlaubt sei: Kunden können Produkte bestellen und direkt am Geschäft abholen. Und dies gelte nicht nur für Online-Bestellungen, es sei auch per Telefonanruf möglich - eine Erleichterung für alle Geschäfte, die nicht ihre ganze Produktpalette im Internet anbieten. Es sei ja unverständlich gewesen, so Reeh, warum man bisher schon Speisen in Lokalen abholen konnte, aber nicht ein Hemd oder einen Rock. "Click and collect" sei nicht zuletzt von seinem Verband ausgehandelt worden, der in intensivem Kontakt mit dem bayerischen Wirtschaftsministerium stehe. Reeh würdigt im Übrigen all jene Einzelhändler, die "zu ihren Mitarbeitern stehen und das Kurzarbeitergeld ausgleichen" - seiner Erfahrung nach seien es die meisten. "Aber auch bei ihnen wird die Kapitaldecke auf Dauer knapp."

Der Herrenausstatter

Hauser Männermode ist ein traditionsreiches Bekleidungsgeschäft in der Tölzer Marktstraße. Die Urgroßeltern von Juniorchef Nikolaus Hauser, 26, haben es 1945 gegründet. Derzeit bleibt der Familie aber gar nichts anderes übrig, als alle modernen Mittel einzusetzen, um den Laden über die Pandemie zu retten. "Einkaufen trotz Lockdown? Ist möglich!", heißt es auf der Website. Kunden können Hemden, Hosen, Schals und mehr online aussuchen und sich liefern lassen. Diesen Service haben die Hausers auch schon im Dezember angeboten. Denn der Lockdown vor Weihnachten habe Geschäfte wie das ihre "sehr hart getroffen", erklärt der Juniorchef. Dies sei schließlich normalerweise die umsatzstärkste Zeit. Das Liefergeschäft habe dies auch nicht ausgleichen können, es sei lediglich "ein Tropfen auf den heißen Stein". Das 140 Quadratmeter große Geschäft ist ein Familienunternehmen, in dem außer dem Junior und dessen Eltern nur noch eine Angestellte beschäftigt ist - derzeit auf Kurzarbeit. Eine Lage wie jetzt könne durchaus existenzbedrohend sein, sagt Nikolaus Hauser: "Man kämpft ja immer." Und die Hoffnung auf ein Ende des Lockdowns sieht er auch schon ein wenig getrübt, denn: "Es ist ja branchenübergreifend so viel Ware liegen geblieben, dass es dadurch wahrscheinlich zu einer Preisschlacht kommen wird."

Der Barbetreiber

Kommunalwahl 2020

Barbetreiber Sepp Schwarzenbach

(Foto: Hartmut Pöstges)

Eigentlich wollte sich Sepp Schwarzenbach in Wolfratshausen neben der Zeppelin-Bar noch ein zweites Standbein aufbauen. Die Kellerbar "Tingel-Tangel" am Hans-Urmiller-Ring ist theoretisch auch längst fertig. Die Eröffnung hätte ursprünglich vergangenes Frühjahr stattfinden sollen. Coronabedingt hatte Schwarzenbach dort aber noch keinen einzigen regulären Gast. "Man ist komplett handlungsunfähig", sagt der Junggastronom. Entmutigen lassen will er sich aber nicht. Die Leerlaufphase hat er genutzt, um seine beiden Bars auf Vordermann zu bringen. In der derzeitigen Situation sei man mit größeren Ausgaben natürlich vorsichtig, sagt Schwarzenbach. Aber ein paar kleinere Investitionen habe er schon getätigt. Schwarzenbach geht zwar davon aus, dass er seine Läden erst im September wieder aufsperren kann. "Aber wir müssen jetzt nach vorne schauen", so Schwarzenbach. Lamentieren bringe jedenfalls nichts.

Die Friseurin

Friseurmeisterin Canan Dittrich

(Foto: Harry Wolfsbauer)

In den Friseursalon von Canan Dittrich in Waldram ist im April 2019 ein Auto gekracht. Weil ihr alles zu viel wurde, hat sie den Laden danach erst einmal verkauft - das ist nun ihr Glück. Denn wie es mit staatlicher Unterstützung aussehe, wann genau da Geld fließe - das wisse man derzeit alles noch nicht so genau. Dittrich arbeitet in ihrem alten Salon jetzt jedenfalls als angestellte Friseurmeisterin, das finanzielle Risiko trägt die neue Inhaberin. Dass sie durch die Verlängerung des Lockdown quasi Berufsverbot hat, schmerzt Dittrich aber auch so. Vor allem vor Weihnachten habe man viele Kunden enttäuschen müssen, man habe eben nicht jedem auf die Schnelle noch einen Termin anbieten können. Damit sie in Übung bleibt, schneidet sie jetzt ihrer Familie die Haare - dem Sohn, der Tochter und den Enkelkindern. Zudem macht Dittrich jeden Tag Sport. Und auch die Wohnung war noch nie so gut geputzt wie jetzt. "Irgendwie muss man sich ja beschäftigen", sagt Dittrich. Sie ist deshalb froh, wenn im Februar hoffentlich auch der Friseursalon Elegance in Waldram wieder den Betrieb aufnehmen kann. "Dann freuen wir uns sehr", sagt Dittrich.

Der Gastronom

Peter Frech Summer Village

Peter Frech, Chef des Tölzer „Jailhouse“ (rechts, mit Stephanie Hörmann)

(Foto: Manfred Neubauer)

Peter Frech, Chef des "Jailhouse" in Bad Tölz, gießt seine Situation im zweiten Lockdown in ein einziges Wort: "Katastrophal." Für den Biertempel im Moraltpark muss er jeden Monat rund 15 000 Euro Miete zahlen, alleine die Stromkosten belaufen sich auf 7000 bis 9000 Euro. "Bei uns ist ja alles elektrisch", sagt er. Einnahmen hat er nicht, ein To-go-Angebot kann er sich nicht leisten. Dazu müsse er ja "den ganzen Apparat hochfahren" und auch sein Personal wie beispielsweise Köche zahlen, sagt er. Seine finanziellen Polster seien aber aufgebraucht. Die etwa 50 Mitarbeiter hat er in Kurzarbeit geschickt. Würde er jetzt kündigen, käme er erst im Juni aus dem "Jailhouse" raus, so Frech. "Das kann sich jeder selbst hochrechnen." Die Corona-Hilfen des Bundes hat er beantragt, bisher jedoch nicht einen Cent bekommen. "Und wenn das Geld kommt, stopft man damit die Löcher", sagt Frech. Von der Summe bleibe nach Abzug der Umsatz- und der Mehrwertsteuer ohnehin nicht viel übrig. Aufgeben will Frech allerdings nicht. Gerade hat er mit den Planungen für seine Festivals wie das Summer Village oder das US-Car-Treffen begonnen. "Ich sehe dem Ganzen positiv entgegen, wenn es wieder losgeht - die Leute sind ja hungrig", sagt er. Außerdem bekommt er viel Unterstützung von der Stadt Bad Tölz.

Die Blumenhändlerin

Auf die Frage, was der zweite Lockdown in der Corona-Pandemie für sie bedeute, lacht Sabine Achner kurz auf. "Man kann sich ja vorstellen, dass das für uns Geschäftsleute nicht gerade super ist", erwidert sie. In Lenggries betreibt sie den Blumenladen "i-Tüpferl" in der Marktstraße, der seit Mitte Dezember geschlossen ist. Eine Mitarbeiterin hat sie in Kurzarbeit geschickt, eine andere entlassen. Einen Lieferdienst für Blumen wollte sie nicht einrichten. Das rentiere sich nicht, sagt sie. "Soll ich nun zehn oder 100 Rosen bestellen? Sie halten sich dann nicht - das ist ein Draufzahlgeschäft." Dass sie ihr Fachgeschäft finanziell halten kann, liege vor allem daran, dass sie "genug Geld auf die Seite gespart" habe, sagt Sabine Achner. Ein gesunder Betrieb könne so schon ein paar Monate durchhalten. Außerdem, sagt die Ladenbesitzerin, "unterstützt mich mein Mann". Staatliche Finanzhilfen hat sie noch nicht beantragt. Ihr Steuerberater habe gemeint, dass dies nicht sinnvoll sei, da noch nicht einmal das für November zugesagte Geld geflossen sei. "Ich werde es dann später beantragen." Ansonsten zeigt sich die Lenggrieser Blumenhändlerin optimistisch. Man müsse eben das Beste aus der Situation machen, erklärt sie. "Etwas für die Gesundheit tun, sich bewegen, die Psyche pflegen."

Die Kosmetikerin

Eigentlich muss sich Angelika Fuchs im Winter besonders um die Hautpflege ihrer Kundinnen und Kunden kümmern. "Im Winter muss man gegen trockene Haut viel machen und durch das Maskentragen haben viele Leute auch Probleme", sagt die Kosmetikerin, die ihr Kosmetik- und Wellnessstudio in Münsing betreibt. Nun aber kann sie nur mobile Beratung anbieten, über Telefon, E-Mail und soziale Netzwerke. "So behält man immerhin den Kontakt zu den Kunden", sagt Fuchs. Dazu könne man die Pflegeprodukte auch vorbestellen und an zwei Terminen in der Woche im Laden abholen. Das hilft, sowohl der Hautgesundheit, als auch, was Fuchs' Finanzen angeht: "Es reicht zum Überleben", sagt die Kosmetikerin, die sich vor über 30 Jahren selbständig gemacht hat: "Nach so langer Zeit hat man irgendwann auch ein finanzielles Polster aufgebaut." Ihre treuen Kundinnen und Kunden sowie die entgegenkommenden Vermieter, die zuletzt auch im Dezember und Januar auf Mietzahlungen verzichteten, helfen der Kosmetikerin. Aber Fuchs ist ohnehin keine, die den Kopf in den Sand stecken möchte. Sie verweist auf die japanische Shiatsu-Lehre, die besagt: "Im Winter muss man Kraft sparen, damit es im Frühjahr mit Energie weitergehen kann."

© SZ vom 09.01.2021
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