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SZenario:Ein bissl Ekstase

Laudator Walter Sittler und Ehrenpreisträgerin Maren Kroymann.

(Foto: Robert Haas)

Die Verleihung der Bayerischen Kabarettpreise nimmt erst Fahrt auf, als Maren Kroymann dran ist

Von Thomas Becker

Es geht doch nichts über Live-Sendungen. Seit 1999 wurde der Bayerische Kabarettpreis jedes Jahr im so rappelvollen wie dampfigen Lustspielhaus vergeben. Drangvolle Enge, allüberall rote Wangen, vorfreudiges Kribbeln wie vor der Bescherung. Tempi passati. Heuer wird am Montagabend im BR-Studio Unterföhring geehrt (und am Donnerstag um 21 Uhr im BR gesendet). Außer Künstlern und Laudatoren sind gerade mal zehn Zuschauer da, Freunde, Manager, Ehepartner. So sehr sich Moderator Django Asül auch müht: Der Abend nimmt nur schwer Fahrt auf. Bis Maren Kroymann dran ist.

Die 71-Jährige bekommt als zweite Frau nach Lisa Fitz den Ehrenpreis und nutzt die Bühne für eine fulminante Mini-Show. "Ich brauch' jetzt ein bissl Ekstase." Spricht's, holt ihre Dreimannband auf die Bühne und legt los: erst Rockröhre samt Luftgitarren-Solo, dann Grande Dame mit dem butterweichen Cathérine-Deneuve-Chanson "Toi jamais". Eine Bandbreite, die sich auch in der Filmografie spiegelt. Anerkennung gab es aber erst spät. In den vergangenen zwei Jahren hagelte es Auszeichnungen: zwei Grimme-Preise, Bayerischer und Deutscher Fernsehpreis, Rose d'Or, Carl-Zuckmayer-Medaille. Wie kommt's? "20 Jahre lang hatte ich keine TV-Sendung, war eine kabarettistische Sleeperin", sagt sie, nun aber gebe es einen "sozialen Aufstieg der Frauen-Themen". Kroymann ist lesbisch und könnte wohl ein Buch über Missgunst gegen Frauen auf der Bühne schreiben. "Als ich mit 33 mein erstes Soloprogramm spielte, war ich die erste Frau, die auf der Bühne eigene Texte gesprochen hat." Auf der Frankfurter Buchmesse schallte es ihr von betrunkenen Intellektuellen entgegen: "Mädel, quatsch nicht so viel, sing lieber!" Heute ruft sie jungen Entertainerinnen zu: "Zeigt euch!"

Einer wie Tahnee braucht man das nicht sagen. Die 28-Jährige wird als Senkrechtstarterin ausgezeichnet. Laudator Sebastian Pufpaff skizziert sie so: "Ehrgeizig, schnell, nie vorhersehbar." Sie sagt: "Ich mache Humor mit Haltung. Die Leute sollen lachen und dabei nachdenken." Auch Musikpreisträger Sebastian Krämer hat sich auf eine spezielle Kunstform kapriziert: "Ich mache nicht Kabarett, sondern Chanson - obwohl ich kein Französisch kann." Was Laudator Piet Klocke dazu sagt, lässt sich nicht wiedergeben: Das muss man gehört und gesehen haben und ist ein weiterer Beleg dafür, was in diesen auftrittsarmen Zeiten alles so schmerzhaft vermisst wird.

Den Hauptpreisträger sieht man immerhin ab und zu im Fernsehen: "Anstalt"-Chef Max Uthoff. "Eine große Schwäche für die Gerechtigkeit", attestiert ihm Lobrednerin Lisa Politt, nennt ihn "Slapstick-Philosoph" und gerät glatt ins Schwärmen: "So gut, so nett, dass man ihm nichts neidet." Schön auch Uthoffs Theorie, wo denn der Ursprung seines komischen Tuns liegen könnte: Sein Großvater war Zahnarzt, musste auch Nazis behandeln und hat sie zur Betäubung mit Lachgas vollgepumpt, wovon es noch Aufnahmen gibt.

© SZ vom 28.10.2020

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