München Bahnhofsviertel: Bunt und bedroht

Zwischen Goethestraße und Landwehrstraße fühlt sich München wie eine multikulturelle Großstadt an.

(Foto: Catherina Hess)

Die Bewohner schwärmen von Vielfalt und Zusammengehörigkeitsgefühl. Doch bei vielen wächst die Angst vor Gentrifizierung oder wachsender Kriminalität.

Von Birgit Lotze

Nicht jeder Münchner findet die Gegend um den Hauptbahnhof idyllisch. Manche Besucher versuchen, möglichst rasch durchzukommen, es sei denn, sie wollen sich mit Lebensmitteln türkischer und arabischer Herkunft eindecken oder im Restaurant essen. Die anderen wenden ihren Blick kaum nach rechts und links. "Das ist doch nicht München!", sagt eine Ramersdorferin bei einem Info-Rundgang durch das Bahnhofsviertel. Lärm, Drogen, Kriminalität - ob sich seine Gäste denn nicht beschwerten, fragt sie Hotelier Fritz Wickenhäuser. Nein, gar nicht, antwortet der erstaunt. "Unsere Gäste freuen sich darüber, dass was los ist."

Fritz Wickenhäuser ist der Chef des Vereins "Südliches Bahnhofsviertel". Wenn er durch sein Quartier geht, gerät er ins Schwärmen. Vom "pulsierenden Leben" spricht er, von vielen Nationen, die einträchtig zusammenleben. "Einfach traumhaft." Er lobt die vielen kleinen Läden, die Vielfalt. Aber er hat auch Bedenken, dass das Viertel mit dem geplanten Neubau des Hauptbahnhofs an Reiz verlieren könnte.

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Dass sich womöglich eine kriminelle Szene ungehindert entwickelt, abgeschottet hinter einem Bauzaun. "Wenn hier zehn Jahre bloß Kräne, Bagger und Absperrungen stehen, wenn der geplante Bau des Hauptbahnhofs nicht attraktiv im Einklang mit dem Viertel gestaltet wird, dann könnte alles zerstört werden." Es sei gut vorstellbar, dass sich dann verstärkt Prostituierte, Bettler, Dealer breit machen. "Das kann in so einem Milieu richtig aufblühen."

Vorboten sollen bereits zu erkennen sein. Immer wieder eröffnen neue Wettbüros, die Stadtteilpolitiker sind mit ihrer Gegenwehr letztlich machtlos. Die Eigentümer entscheiden - und angeblich bieten die Betreiber höhere Mieten. Anwohner beschweren sich auch über eine wachsende Dealer-Szene und Obdachlose. Die Polizei sagt, sie habe alles im Griff, tendenziell aber habe die Kriminalität tatsächlich zugenommen.

In der Schillerstraße klagen die Frauen, die in den Tabledance-Bars arbeiten, über illegale Prostituierte, die ihnen ihr Geschäft kaputt machen, über Belästigung ihrer Kunden und kleinere Überfälle auf der Straße. Hans Stegmann, dessen Familie seit 200 Jahren das große Eckhaus an der Goethe- und Schwanthalerstraße gehört, fordert angesichts des Treffpunkts von Tagelöhnern, der sich an dieser Ecke etabliert hat, die Stadt solle den "Arbeiterstrich ordnungspolitisch in den Griff" bekommen.

So weit die Klagen. Doch die meisten Menschen, vor allem die Alteingesessenen, fühlen sich einfach nur wohl im Viertel und wünschen sich, dass alles so bleibt. Levent Çavușoğlu sitzt an der Kasse des Familienbetriebes seines Vaters. Vor 22 Jahren sei er hier sozusagen hineingeboren worden, in den Süpermarket an der Ecke Landwehrstraße, und im Grunde genommen habe sich in der ganzen Zeit nichts verändert. Dass Prostitution und Kriminalität zugenommen haben sollen, davon merke er nichts. "Ab und zu tauchen mal Diebe hier auf. Das war's dann schon." Für Levent Çavușoğlu soll sich möglichst wenig ändern. "Hier leben alle harmonisch zusammen. Wir sind wie eine Familie."

Simulation

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Der Bezirksausschuss sieht sich vor allem durch den geplanten Umbau des Hauptbahnhofs gefordert. Die Stadtteilpolitiker möchten die Vielfalt des Quartiers bewahren, es vor Aufwertung und Gentrifizierung schützen. "Das Viertel ist vielleicht nicht so geschleckt, doch wenn man im Detail guckt, ist es eines der wunderbarsten der Stadt", sagt der Vorsitzende Alexander Miklosy (Rosa Liste). Vielleicht würden die bestehenden kleinen Gewerbeflächen durch einen modernisierten Hauptbahnhof nicht unbedingt bedroht, in jedem Fall jedoch "gekitzelt".

Größere Sorgen macht Miklosy die Entwicklung im südlich angrenzenden Klinikviertel, sie könnte das Milieu weit mehr bedrohen als ein neuer Bahnhof. Noch immer äußert sich der Freistaat als Grundstückseigentümer nicht dazu, was mit dem Areal nach dem Auszug der Kliniken passieren soll. Kommen Luxuswohnungen, ist die Gentrifizierung des Bahnhofsviertels kaum aufzuhalten.