bedeckt München

Streit um die Routenführung:Und sie bewegt sich doch

Blick auf geplante Bahntrasse in München, 2019

Ein Bestandsgleis, das im Moment ruht, und eine Lärmschutzwand liegen schon jetzt dicht an den Gebäuden der Thomas-Hauser-Straße.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Bahn prüft jetzt eine Ausbau-Variante der Daglfinger und Truderinger Kurve, bei der sich die Gleisachsen ein paar Meter nach Norden verschieben. Dann könnte die Bahntrasse ein Stück von den Wohnhäusern abrücken

Von Nicole Graner, Trudering

Aus der Amtsplanung A 0 quer durchs Wohngebiet wird die Amtsplanung A 1 durchs Wohngebiet. Das ist die aktuellste Entwicklung beim geplanten zweigleisigen Ausbau der Bahnstrecke zwischen Trudering und Daglfing. Über die sollen künftig mehr Güterzüge rollen, um nicht zuletzt den Südring und den Rangierbahnhof im Osten zu entlasten. Mit einem Webcast hat die Bahn vor einer Woche Bürgerinnen und Bürger über die Variantenauswertung zum Bau der Daglfinger und Truderinger Kurve (TDK) informiert. Drei Varianten gibt es, davon zwei Bürgervarianten (B1/B2), die mit ihren Trassenvorschlägen vor allem wollen, dass die Anwohner vor Lärm und Erschütterungen besser geschützt sind. In Abstimmung mit dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und dem Eisenbahn-Bundesamt habe man sich, so teilt die Bahn auf ihrer Webseite und beim Webcast mit, für die Amtsvariante A 0 durch die Wohngebiete im Osten entschieden.

Am Ende der Präsentation hat die Bahn aber nun noch eine weitere Variante vorgestellt - eine optimierte Variante zu A 0, wie es heißt. Die Planer nennen sie A 1. Sie soll an zwei Stellen Verbesserungen mit sich bringen: an der Thomas-Hauser-Straße, an der 17 bewohnte Reihenhäuser stehen und an der Xaver-Weismor-Straße, an der die Häuser besonders nah an der Trasse stehen und Zufahrtswege zu den Häusern besonders schwierig zu gewährleisten wären.

Die Projektleiterin für die Ausbaustrecke 38 (Abs 38), Susanne Müller, spricht von einer "Verschiebung der Gleisachsen nach Norden". Blickt man auf die aktuelle dicht gedrängte Gleislage entlang der Thomas-Hauser-Straße in Richtung Osten, scheint eine solche Verschiebung kaum möglich. Wie kann sie aber funktionieren? Man habe dort, erklärt Müller auf Anfrage, für einen möglichen viergleisigen Ausbau zwischen München Ost und Markt Schwaben eine Freihaltetrasse "vorgehalten". Man wolle im Zuge des Ausbaus der TDK dort die Gleislage "neu anordnen" und die "Gleise anheben". Im Zuge dessen könne man nördlich eine Gleisachse wegfallen lassen, eine andere "nach oben schieben" und die Trasse A 1 demnach etwas nördlicher verlaufen lassen. Den Abstand des südlichsten Gleises zu den Reihenhäusern an der Thomas-Hauser-Straße würde man somit im Vergleich zum jetzigen Zustand nicht verringern müssen. Zur Bebauung an der Thomas-Hauser-Straße könnte das dann im Vergleich zur bisherigen Planung "ungefähr fünf Meter" Spielraum bringen. Das Bestandsgleis, das direkt an den Häusern vorbeiläuft, würde bleiben. "Wir sind aktuell noch voll in dieser Planung, aber wir sind uns sicher, dass es so funktionieren könnte", sagt Susanne Müller. Unklar ist noch, was mit der bestehenden Lärmschutzwand passiert - ob auch die Lärmschutzwand, die bei der A-0-Variante bis zu sechs Meter an die Häuser herankommt, weiter von den Häusern abgerückt werden kann. Auch an der Xaver-Weismor-Straße könnte die Bestandsstrecke, so erklärt die Bahn im Webcast, etwas "nach Westen abgerückt" werden. Damit könnten die "Zuwegungen zu den Häusern entschärft werden".

In einem Dokument der Stadt München, das der SZ vorliegt, wird deutlich gemacht, dass es ja bislang "keinen Nachweis der lärm- und erschütterungstechnischen Wirksamkeit" gebe und "daher noch keine Bewertung dieser möglichen Änderungen durch die Landeshauptstadt München erfolgen könne. Unverständlich sei die Vorgehensweise der Bahn, direkt nach der Stadtratssitzung die Variante A 0 als "Vorzugsvariante" mitzuteilen. Auch beklagt die Stadt, "dass keine Bürgerbeteiligung vor einer Variantenentscheidung stattgefunden hat". Die Bürgerbeteiligung habe man aber "ausdrücklich" im Beschluss vom 7. Oktober gefordert.

Inwieweit die geplante Erweiterung der Abstellanlage Steinhausen, die im Webcast thematisiert worden ist, alle Trassenvarianten beeinflusst, will die Bahn derzeit nicht sagen. Das "Schnittstellenprojekt DB Regio", das nötig sei, um das Betriebsprogramm der zweiten Stammstrecke fahren zu können, befindet sich laut Bahn derzeit erst in einer frühen Phase.

© SZ vom 21.10.2020

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