Arbeitsmarkt in Corona-Krise:"Ohne Kurzarbeit sähen die Zahlen anders aus"

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Arbeitsmarkt in Corona-Krise: Bisher sei man gut durch die Pandemie gekommen, sagt Wilfried Hüntelmann. Die Arbeitslosenquote lag 2021 im Jahresdurchschnitt bei 4,5 Prozent.

Bisher sei man gut durch die Pandemie gekommen, sagt Wilfried Hüntelmann. Die Arbeitslosenquote lag 2021 im Jahresdurchschnitt bei 4,5 Prozent.

(Foto: Robert Haas)

Trotz schwieriger Startbedingungen hat sich der Münchner Arbeitsmarkt 2021 besser entwickelt als gedacht, sagt Wilfried Hüntelmann, der Chef der Arbeitsagentur. Der wachsende Anteil an Langzeitarbeitslosen bereitet ihm aber Sorge.

Interview von Catherine Hoffmann

SZ: Trotz anhaltender Pandemie und weiterer Lockdown-Phasen ist der Münchner Arbeitsmarkt gut durch die Krise gekommen. Waren Sie überrascht, Herr Hüntelmann?

Wilfried Hüntelmann: Alles in allem haben wir einen positiven Verlauf gesehen, dennoch war 2021 ein bewegtes Jahr am Arbeitsmarkt. Das erste Halbjahr war stark von Maßnahmen gegen die Pandemie geprägt, bevor sich die Arbeitslosigkeit dann in der zweiten Jahreshälfte Monat für Monat reduziert hat. Entscheidend war, dass wir im ersten Halbjahr massiv in Kurzarbeit investiert haben - sie ist das zentrale Element gewesen, um durch die Krise zu kommen.

Wie viele Menschen waren davon betroffen?

Wir hatten bis zu 100 000 Beschäftigte in München in Kurzarbeit. Der Höhepunkt wurde im Februar erreicht. Schließlich waren die Gaststätten, Hotels, Fitnessstudios, Teile des Einzelhandels und viele andere Betriebe weitgehend geschlossen. Die Zahlen waren aber nicht ganz so dramatisch wie 2020, trotzdem haben 12 000 Betriebe Kurzarbeit in Anspruch genommen. Das hat den Arbeitsmarkt stabilisiert. Ohne Kurzarbeit sähen die Zahlen anders aus.

Wie sehen sie denn aus, die Zahlen für 2021?

Die Arbeitslosenquote in München lag im Jahresdurchschnitt bei 4,5 Prozent und somit gleichauf zum Vorjahr. 2019, also vor der Corona-Krise, betrug sie nur 3,3 Prozent.

Gab es einen spürbaren Aufschwung am Arbeitsmarkt, als Geschäfte und Gastronomie im Frühjahr wieder öffnen durften?

Ja, wir haben relativ schnell eine höhere Personalnachfrage gesehen. Als sich die Wirtschaft vom Lockdown erholt hat, gab es richtige Nachholeffekte. Das hat dazu geführt, dass die Stellenagebote Ende 2021 wieder das Vorkrisenniveau erreicht haben. Die Zahl der Arbeitslosen liegt aber noch über Vorkrisenniveau, wobei wir 2019 eine sehr gute Situation hatten.

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Was schützt am besten vor Arbeitslosigkeit?

Ganz klar: Ein Berufsabschluss ist wichtig, damit man nicht arbeitslos wird. Diese Aussage hat sich in der Corona-Krise bewahrheitet. Menschen ohne Berufsabschluss waren stärker von Entlassungen betroffen. Ende Dezember hatte jeder zweite Arbeitslose keine abgeschlossene Berufsausbildung. Wir wollen diese Menschen dafür gewinnen, einen Berufsabschluss nachzuholen. Manchmal steht erst einmal der Erwerb der deutschen Sprache im Vordergrund oder wir versuchen, Grundkompetenzen zu stärken, zum Beispiel in Mathematik.

Gibt es heute mehr Langzeitarbeitslose als vor der Pandemie?

Wir hatten 2019 einen historischen Tiefstand und waren sehr froh darüber. Mit der Dauer der Pandemie nahm 2021 die Zahl der Langzeitarbeitslosen leider deutlich zu: Im Vergleich zu 2020 ist sie um knapp die Hälfte gestiegen. Besonders Arbeitslose aus Helferjobs taten sich schwer, wieder einen Job zu finden. Hier geht es um Tätigkeiten, für die man keine spezifische Ausbildung benötigt: Spüler, Reinigungskräfte, zuarbeitende Tätigkeiten. Viele von ihnen haben nun bereits ein Jahr oder länger keinen Job mehr.

Nicht jeder Betrieb leidet unter coronabedingten Einschränkungen. Viele Unternehmen arbeiten in der Krise einfach weiter. Wo werden Leute gesucht?

Etwa 80 Prozent der Betriebe waren von den Corona-Maßnahmen nicht direkt betroffen. Am Bau zum Beispiel wurde durchgearbeitet, hier werden auch permanent Mitarbeiter gesucht. Und natürlich in der Pflege, aber das ist ja eine Platte, die schon einen Sprung hat. Wir suchen auch Erzieher oder Berufskraftfahrer, das ist ein großes Thema, nicht nur in England. Und dann haben wir im IT-Bereich einen hohen Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften und Spezialisten.

Der Fachkräftemangel wird ein Dauerthema bleiben. Was empfehlen Sie Unternehmen?

Sie sollten zum Beispiel auch die Potenziale ihrer Beschäftigten in Betracht ziehen. Deswegen fördern wir Arbeitgeber, wenn es darum geht, die Qualifikation ihrer Mitarbeiter zu entwickeln. Und wir versuchen, diejenigen, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben, auszubilden. Das wird aber nicht reichen. Wir werden auch in Zukunft die Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften brauchen, um unseren Fachkräftebedarf möglichst zu decken.

Wie wird sich der Münchner Arbeitsmarkt in diesem Jahr entwickeln?

Im Moment wird die Kurzarbeit wieder stärker in Anspruch genommen. Also haben wir unser Personal verstärkt, damit Betriebe rechtzeitig ihr Kurzarbeitergeld erhalten. Wir erleben durch Omikron gerade eine wirtschaftliche Eintrübung, in Teilen auch durch unterbrochene Lieferketten. Da hilft es, dass die erleichterten Voraussetzungen für das Kurzarbeitergeld bis Ende März verlängert worden sind. Ich gehe davon aus, dass wir robust durch den Winter kommen. Das Gute ist ja: Die Betriebe halten an ihren Mitarbeitern fest, entscheiden sich für Kurzarbeit und nicht für Entlassungen. Sie rechnen also damit, dass sie die Leute bald wieder brauchen und die Wirtschaft anzieht.

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