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Maxvorstadt:Ein Campus mit Hang zum Englischen Garten

Grüne Aussichten: Das Konzept sieht entlang der Königinstraße (auf der Simulation der Blick von Norden her) einen abgestuften "Hanggarten" vor.

(Foto: Architekturbüro kleyer.koblitz.letzel.freivogel)
  • Die Tierklinik-Bauten an der Königinstraße werden abgerissen.
  • Hier soll ein neuer Physik-Campus der LMU entstehen.
  • Die Veterinäre ziehen nach Oberschleißheim.

Von Stefan Mühleisen, Maxvorstadt

Letztlich sind die Würfel gefallen für dieses Mammutprojekt, doch manche Münchner schimpfen weiter. Sie sehen es als großen Fehler, für den geplanten Physik-Campus der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) an der Königinstraße die markanten Tierklinik-Bauten zu opfern, um sie durch regelrechte "Gebäudemaschinen" zu ersetzen. Ebenso laut wie die Schimpftiraden waren und sind auch die Lobeshymnen. Von "Wissenschaft auf höchstem Niveau im Herzen der Stadt" schwärmte Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). Eberhard Schmid nennt es an diesem Abend "Schaufenster der Wissenschaft". Widerspruch erntet er nicht.

Der verantwortliche Bereichsleiter im Staatlichen Bauamt 2 ist mit dem Chef der LMU-Immobilienverwaltung, Matthias Fahrmeier, zur Sitzung des Gremiums gekommen, um sich das Placet für die weiteren Planungsschritte zu holen - und sie bekommen es auch. Es gibt nur einige Nachfragen und Vorschläge aus den Reihen der Fraktionen. Das Gremium hängt sein Herz offensichtlich nicht an diese Bauten, die für viele eine Art emotionales Denkmal sind. Der Abriss der alten Komplexe ist nun nicht mehr aufzuhalten, die völlige Neuordnung dieses Stücks Stadt wird bald aufs Gleis gesetzt: Im Herbst soll der Stadtrat den Weg für das Bebauungsplanverfahren frei machen, kündigt ein Vertreter des Planungsreferats in der Sitzung an.

Das Großprojekt wird das Gesicht dieses vier Hektar großen Segments zwischen Veterinär- und Ohmstraße komplett umkrempeln, kaum ein Stein bleibt auf dem anderen. Es bringt einen Wandel mit sich, den die Staatsregierung und die LMU als zukunftsweisendes Leuchtturmprojekt, als Schub für den Wissenschaftsstandort sehen. Für LMU-Präsident Bernd Huber stand ohnehin außer Frage, dass die Labore für die High-Tech-Forschung kaum in die alten Gebäude integrierbar sind.

Der Plan: Das Tierklinik-Ensemble, welches das Stadtbild im Umfeld von Veterinär- und Königinstraße seit langem prägt, soll platt gemacht werden und einem Campus-Areal für die derzeit verstreuten LMU-Physik-Fakultäten weichen. Bis alles fertig ist, sollen zehn bis zwanzig Jahre vergehen. Das Projekt, das wohl einen dreistelligen Millionenbetrag verschlingen wird, kann nur Schritt für Schritt erfolgen: Die veterinärmedizinischen Abteilungen ziehen sukzessive nach Oberschleißheim um, wo nach und nach ein Campus für Tiermedizin entsteht.

Das Landesamt für Denkmalpflege hält den Komplex nicht für erhaltenswert. Eine Petition gegen den Abriss scheiterte im zuständigen Landtags-Ausschuss an der CSU-Mehrheit, die damit ihrem Parteifreund Spaenle beisprang. Der sicherte immerhin zu, dass der Bibliothekstrakt mit der Glaskuppel auf dem Dach, der Schlangen-Brunnen sowie das alte Zugangs-Portal beim Milchhäusl an der Veterinärstraße erhalten bleiben.

Erster Baustein: Das Nano-Institut soll Ende 2018 fertig sein. Im nächsten Schritt müssen die alten Tierklinik-Bauten (rechts im Bild) weichen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Konzept des Wettbewerbssiegers für die Anlage mit 50 000 Quadratmetern Nutzfläche, das Büro Kleyer-Koblitz-Letzel-Freivogel Architekten aus Berlin, sieht neun Gebäude vor; derzeit entsteht als erstes davon das Nano-Institut, in das die Lehrstühle für erneuerbare Energien und experimentelle Physik einziehen sollen. Laut Bauamtsmitarbeiter Schmid soll es Ende 2018 bezugsfertig sein. Das Planungsreferat will nun dem Stadtrat schon bald den Billigungsbeschluss für das Bebauungsplanverfahren vorlegen. Der nächste Bauabschnitt dürfte laut Schmid allerdings erst 2023 anlaufen - denn dann sind erst die Gebäude auf dem neuen Tierklinik-Campus in Oberschließheim bezugsfertig. Erst dann wird auch das Kernkonzept für das neue Antlitz dieses Abschnitts der Königinstraße sichtbar werden: Aus einem abgeschlossene Komplex soll ein umgrüntes, durchlässiges Gebäudegefüge werden.

Das neue Gelände soll frei zugänglich sein

"Bisher ist das Gelände nach außen abgeriegelt", sagt Schmid und betont, dass das Ensemble künftig offen zugänglich sein werde, mit frei stehenden Bauten, umgeben von grünen Freiräumen, die ein neues Entree in den Englischen Garten bilden. "Durchlässigkeit, Erlebbarkeit der Hangkante und Vernetzung des Freiraums", nennt Schmid in der Sitzung als Ziele.

Konkret heißt das: An der Königinstraße sollen zwischen den Kopfbauten lang gezogene Stufen über ein Niveau von 3,50 Metern als so genannter Hanggarten die terrassierte Eingangssituation zu den zurückversetzten Institutsbauten bilden. Insgesamt werde die versiegelte Fläche reduziert, die Aufenthaltsqualität deutlich erhöht, wie Fahrmeier sagt. Auch eine neue Brücke über den Schwabinger Bach sei im Gespräch. Unter dem abgestuften Areal wird eine Tiefgarage mit wohl 100 Stellplätzen entstehen.

Die Stadtviertelvertreter nahmen die Ausführungen wohlwollend zu Kenntnis, vor allem die Aussicht, dass sich der Verkehr durch den Wegfall des Tierklinik-Betriebs reduziert. Eine dringende Bitte hatte das Gremium aber doch: Das Tiefgargenbauwerk soll zum Teil auch Anwohnern offenstehen, finanziert womöglich durch Stellplatz-Ablösegeld. Theoretisch gebe es wohl diese Möglichkeit, sagt Matthias Fahrmeier. "Wir sind prinzipiell dafür offen".

© SZ vom 15.09.2017/axi

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