Theater:Über Leben

Die Wand

Jeder, der einen Fernseher hat oder seinen Computer als solchen benutzt, kennt ihr Gesicht: Julia Koschitz in "Die Wand".

(Foto: Gianmarco Bresadola)

Julia Koschitz spielt Marlen Haushofers Roman "Die Wand" am Kleinen Theater Landshut.

Von Egbert Tholl, Landshut

Die Frau muss schreiben. Schreiben, um zu überleben. Sie sitzt in einem Häuschen aus Metallgittern, ein enges Gefängnis mit einer großen Scheibe. Um sie herum liegen viele Blätter Papier, kopfüber gebeugt schreibt sie auf dem Boden, man hört das Schaben des Bleistifts, man sieht, was sie schreibt. Eine Kamera filmt die Frau, die keinen Namen hat, überträgt das, was sie einfängt, in einen mit Plastikfolie verpackten Fernseher und auf eine Leinwand hinter dem Haus. Manchmal sieht man auf dieser Leinwand auch Gräser, Wiesenblumen, fast ein tröstliches Idyll, vor das sich das Gesicht der Frau schiebt, groß und voller Pein.

Die Frau wird gespielt von Julia Koschitz. Jeder, der einen Fernseher hat oder seinen Computer als solchen benutzt, kennt ihr Gesicht. Während des Lockdowns hatte man wegen der vielen Wiederholungen in den Mediatheken manchmal den Eindruck, immer wenn man in einen Bildschirm hineinschaut, schaut Julia Koschitz heraus. Den Gedanken findet sie grässlich. Zu viel Präsenz.

Wenn man erfahren will, was die Präsenz von Julia Koschitz wirklich bedeutet, dann muss man nach Landshut zum dortigen Kleinen Theater fahren. 75 Minuten hat man dann Zeit mit ihr. Nur mit ihr. Koschitz spielt dort Marlen Haushofers Roman "Die Wand", Premiere ist diesen Freitag.

Warum ging diese Schauspielerin dem Theater fast verloren?

Erster Eindruck nach der Hauptprobe, die in ihrer Perfektion als vollgültige Aufführung gelten darf: Warum nur ging diese Schauspielerin dem Theater fast verloren, gäbe es nicht Sven Grunert und das von ihm seit bald 30 Jahren geleitete Kleine Theater? War ja nicht immer so. Auf der Schauspielschule träumte sie von den Münchner Kammerspielen oder dem Deutschen Theater in Berlin, die ersten Engagements waren dann in Coburg und Regensburg, einzelne Rollen spielte sie auch in München, am Metropol, am Teamtheater. Dann kam das Drehen. 2004 begann sie als Polizistin in der Serie "München 7", 2006 spielte sie in Ralf Westhoffs Kinoerfolg "Shoppen" mit. Danach rissen sich alle um sie, ihre Filmografie umfasst Seiten.

"Ich will mich nach wie vor nicht entscheiden müssen." Doch die Entscheidung zwischen Theater und Drehen wird ihr meist abgenommen. Für die Bühne bleibt nicht viel Zeit übrig, Drehpläne und ein Festengagement an einem Theater lassen sich schlecht miteinander vereinbaren. Doch da gibt es "einen Menschen, der mit Unmöglichkeiten unglaublich flexibel umgeht". Der Mensch ist Sven Grunert, der nun auch "Die Wand" inszeniert hat. Flexibilität ist indes nicht abendfüllend, als Grund für ihre Arbeit mit Grunert betrachtet Julia Koschitz diese auch nachrangig. Entscheidend sei die lange Zusammenarbeit, das Vertrauen, die künstlerische Neugier auf den jeweils anderen, das Abarbeiten an einem Stoff. Grunert: "Es gibt diese wunderbaren Kräfte des Suchens und Abwägens; Julia ist ungeheuer schnell im intuitiven Verstehen."

Seit bald 20 Jahre arbeiten sie schon zusammen. 2006 erhielt Koschitz für ihre Nora (Ibsen) in der Regie von Grunert den Darstellerpreis der Bayerischen Theatertage. Davor hatte sie schon die Antigone und anderes gespielt, danach "Wer hat Angst vor Virginia Woolf", "Gott des Gemetzels", vor drei Jahren "Bilder deiner großen Liebe". Immer waren Pausen zwischen den Produktionen, trafen sich Koschitz und Grunert wieder, brachten sie in die wieder neue Zusammenarbeit die Erfahrungen ein, die sie dazwischen gemacht hatten. Eben auch beim Drehen. Koschitz will drehen, weil man da "schnell an den Punkt kommt, mit interessanten Menschen interessante Projekte zu machen". Ja, sie habe erstaunlich viel gedreht, weniges davon sei "wirklich unnötig gewesen". Aber auch bei dem, was vollkommen nötig war: Etwas scheint sie doch zu vermissen. Und so bringt die Auseinandersetzung mit einem Stoff sie immer wieder zum Theater zurück. Und damit zu Sven Grunert.

Dem Kleinen Theater Landshut ging es wie allen ein Jahr lang auch dreckig, der letzte Eintrag im Gästebuch stammt vom 4. Oktober 2020: "Und es geht doch!" Bald ging dann nichts mehr. In Marlen Haushofers Roman, der 1963 erschien, aber erst seit etwa zehn Jahren die ihm gebührende Aufmerksamkeit erhält, gibt es durchaus Aspekte, die an die Lockdown-Zeit erinnern, in einer Art abermaligen Vergegenwärtigung, die der Roman selbst auch ist. "Die Wand" ist der Bericht einer namenlos bleibenden Frau. Auf einer Almhütte ist sie auf einmal durch eine unsichtbare Wand von der Außenwelt getrennt. Draußen scheint alles Leben erloschen, drinnen lernt die Frau das Überleben, mit Schlauheit und Liebe zu den Tieren, mit einer Katastrophe und Hoffnung. Julia Koschitz spielt das atemberaubend, hochgradig spannend, auch wenn man die Geschichte gut kennt. Sie staunt und liebt und verzweifelt, sie feiert im Überleben das Leben selbst, sie ist in der Unmittelbarkeit ihres Spielens und Erzählens grandioses Theater.

© SZ/arga/chj
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