Schauspielerin Julia Koschitz im Portrait Im Kleinen groß

Sie brilliert in komplizierten Frauenrollen. Unvemittelt hat sich Julia Koschitz in der ersten Riege der deutschen Schauspielerinnen eingerichtet und ein ziemlich gutes Gespür dafür bewiesen, mit welchen Projekten sie das erreichen kann. Der ZDF-Film "Uns trennt das Leben" ist einer davon.

Von Katharina Riehl

Wenn man so will, hat Julia Koschitz das Café King in die Ewigkeit gerettet. Auf dem ehemaligen Gelände der hübsch schmucklosen Kneipe an der Müllerstraße im Glockenbachviertel, wo München schon immer Berlin näher sein wollte als anderswo, entsteht derzeit eine luxuriöse Wohnanlage. Als Ralf Westhoffs Film Der letzte schöne Herbsttag Ende 2010 in die Kinos kam und Julia Koschitz als Claire im King einen jungen Mann in die Flucht schlug - indem sie die Bestellung einer Latte Macchiato so wunderschön kompliziert machte - da existierte das Café schon nur noch auf der Leinwand.

Uns trennt das Leben ist ein besonderer Film, weil er eine komplizierte und emotionale Geschichte ganz unspektakulär erzählt.

(Foto: Erika Hauri)

Die Schauspielerin Julia Koschitz, 37, hat in den vergangenen Jahren sehr viele sehr komplizierte Frauen gespielt. In Franz Xaver Bogners BR-Serie München 7, die gerade im ARD-Vorabendprogramm fortgeführt wird, spielt sie eine ambitionierte Jungpolizistin, die ihrem weniger ambitionierten Freund auf die Nerven geht; im Kino ist sie gerade in der Daniel-Kehlmann-Verfilmung Ruhm als entnervte Lebensgefährtin eines Dichters zu sehen.

Eine ihrer Figuren war nicht nur kompliziert, sondern auch depressiv: In Der letzte schöne Tag (ARD) - dessen Titel nur zufällig an Ralf Westhoffs Beziehungskomödie erinnert - nimmt sich ihre Figur Sybille nach ein paar Minuten das Leben. Ihr bleiben wenige Rückblenden, um die Verzweiflung dieser Frau plausibel zu machen. Dass ihr das in der kleinen Rolle gelang, ist eine große Leistung im deutschen Fernsehen gewesen.

Es ist früher Abend, noch wird es in München um diese Zeit gerade dunkel, und Julia Koschitz hat den Treffpunkt im Westend nicht gleich gefunden. Als sie sich, wegen der wenigen Minuten Verspätung entschuldigend lächelnd, auf eines der hübschen, vor allem aber eher unbequemen Holzstühlchen fallen lässt, wirkt sie ein bisschen außer Atem. Sie bestellt Mineralwasser mit Zitronensaft, was nicht weiter erwähnenswert wäre, wenn sie sich nicht so darüber freuen würde, dass es das hier auch gibt. Für sie ist das ein bisschen Heimat in München. Aber dazu später.

Mehr als nur "Glücksfälle"

Julia Koschitz ist keine Newcomerin, 2004 drehte sie die ersten Episoden von München 7, Ralf Westhoff besetzte sie in seinem bezaubernden Speed-Dating-Film Shoppen, und in der RTL-Serie Doctor's Diary spielte sie eine Ärztin. Wenn sie nun aber derzeit im Kino und im Vorabendprogramm zu sehen ist, und vor wenigen Wochen im Tatort aus Konstanz, wenn die ARD jetzt das Drama Uns trennt das Leben zeigt, dann kommen einem zwei Gedanken: Julia Koschitz hat es sich unter den deutschen Schauspielerinnen in der allerersten Reihe eingerichtet. Und sie hat ein ziemlich gutes Gespür dafür, mit welchen Projekten sie das erreichen kann. Ein echter Fehlgriff war in den vergangenen Jahren jedenfalls keiner dabei.

Sie sagt, das seien auch "Glücksfälle" gewesen, und irgendwie passt das zu ihr, diese Art, sich den Erfolg nicht wirklich selber zuzuschreiben. Julia Koschitz, zierlich, dunkelhaarig und dunkel gekleidet, wirkt jünger als sie ist, weil sie zurückhaltend spricht, aber auch, weil sie - kurzhaarig und kaum geschminkt - sehr mädchenhaft aussieht. In Der letzte schöne Herbsttag spielte sie vor zwei Jahren eine Studentin, die gerade ihre Zwischenprüfung bestanden hatte; man hat ihr das problemlos abgenommen.

Nur Glück ist es wohl nicht, wenn ein Darsteller dadurch auffällt, dass er in vielen guten, besonderen Filmen mitspielt. Auch guter Geschmack, Erfahrung und ein Qualitätsempfinden helfen. Julia Koschitz sagt: "Ich versuche, mir jedes Drehbuch als fertigen Film vorzustellen". Wenn sie zwei Drehbücher vor sich habe, "eines mit einer spannenden und eines mit einer eher unspektakulären Rolle", sie allerdings das Gefühl habe, dass der zweite der bessere Film werden könne, "dann neige ich grundsätzlich eher dazu, mir Projekte auszusuchen, an die ich insgesamt glaube". Vielleicht ist es auch eine Frage der eigenen Offenheit: "Ich lese alles, was kommt, weil ich kaum etwas per se ausschließen würde, kein Genre, keinen Sender." So hat sie an vielen verschiedenen Stellen etwas für sich gefunden.