Wohnungsbau Lidl baut Wohnungen über dem Discounter

Die Filiale in der Tübinger Straße 9 will Lidl abreißen - und dann einen neuen Supermarkt und mehr als 100 Wohnungen bauen.

(Foto: Robert Haas)
  • Lidl plant, seine Filiale an der Tübinger Straße 9 abzureißen und ein neues Haus zu bauen. Über dem neuen Supermarkt sind 10 000 Quadratmeter Wohnfläche geplant.
  • Das Projekt soll über die Bühne gehen, ohne dass vorher ein Bebauungsplan aufgestellt und letztlich vom Stadtrat beschlossen werden muss.
  • Wer die Wohnungen, die Lidl an der Tübinger Straße bauen will, betreiben soll, ist noch nicht entschieden.
Von Sebastian Krass

Lidl steigt in den Münchner Wohnungsmarkt ein: Der weltweit größte Lebensmitteldiscounter plant, seine Filiale an der Tübinger Straße 9 abzureißen und ein neues Haus zu bauen - mit einem neuen Supermarkt und darüber 10 000 Quadratmeter Wohnraum. Das bestätigt Marek Franz, Leiter des Lidl-Immobilienbüros München. Er wird am Donnerstag auf dem Branchentreffen "Immobilien-Forum München" einen Kurzvortrag halten zum Thema "Das Metropolkonzept von Lidl - wie moderner Lebensmitteleinzelhandel mit Wohnraum kombiniert werden kann". Das Projekt an der Tübinger Straße hat Pilotcharakter für München.

Zur Zahl der geplanten Wohnungen, die womöglich in Zusammenarbeit mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewofag entstehen, macht Franz keine Angaben. Aber wenn man die 10 000 Quadratmeter an geplanter Wohnfläche mit ähnlichen Bauprojekten vergleicht, dann könnten dort mehr als 100 Wohnungen gebaut werden. Das Grundstück liegt im Stadtteil Sendling-Westpark, nahe dem Heimeranplatz. Der neue Supermarkt soll 1700 Quadratmeter Verkaufsfläche haben, 110 Parkplätze sind auch vorgesehen.

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Das Projekt soll über die Bühne gehen, ohne dass vorher ein Bebauungsplan aufgestellt und letztlich vom Stadtrat beschlossen werden muss. Die Pläne seien "mittelfristig", sagt Franz, man habe eine Bauvoranfrage bei der Stadt eingereicht. Details zum Zeitplan nennt er nicht, auch eine Simulation des Gebäudes will das Unternehmen noch nicht veröffentlichen - es könne noch Änderungen an dem Konzept geben. Aber Franz erklärt auch: "Darüber hinaus haben wir in München weitere Standorte mit ergänzender Wohn- oder Bürobebauung in der Vorbereitung."

Wie man die Flächen von Supermärkten und vor allem ihrer Parkplätze daneben besser nutzen kann, auch für Mietwohnungen, ist in vielen Städten mit angespanntem Wohnungsmarkt ein Thema. Erst vor gut zwei Jahren hatte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) die Manager von sechs Supermarktketten umworben, Wohnungen zu bauen. Damals lud er sie in das Stelzenhaus am Dantebad: Dort entstanden binnen eines Jahres 100 Wohnungen über dem Parkplatz - bis heute aber ist dies ein Pilotprojekt geblieben.

Auch der Discounter Lidl beschäftigt sich mit dem Thema schon länger. Franz, der an dem Treffen mit Reiter teilgenommen hatte, sagt, sein Unternehmen habe "die speziellen Herausforderungen in sehr dicht besiedelten Metropolregionen schon vor vielen Jahren erkannt und begonnen, Immobilien für die kombinierte Nutzung aus Filiale und Wohnen zu bauen". Mehrere Projekte habe man bereits fertiggestellt, beispielsweise 2011 an der Bornholmer Straße und 2017 an der Prenzlauer Allee in Berlin.

Für München aber gab es bislang nur vage Überlegungen. Auch Aldi Süd erklärte im vergangenen Jahr, in mehreren Städten solche Projekte realisiert zu haben oder zu verfolgen, als ein Beispiel in München nannte der Konzern den Standort in der Schwanseestraße 61. Dort baute Aldi vor zehn Jahren 25 Wohnungen und verkaufte sie anschließend. Und man habe ein sehr großes Interesse daran, "in München weitere mehrgeschossige Immobilienprojekte mit Wohnbebauung zu realisieren".

Wer die Wohnungen, die Lidl an der Tübinger Straße bauen will, betreiben soll, ist offenbar noch nicht entschieden. Manager Franz erklärt: "Wir prüfen gemeinsam mit der Gewofag mehrere unserer Grundstücke in München auf die Eignung für eine Zusammenarbeit." Wegen der "laufenden Gespräche" könne man dazu aber keine näheren Angaben machen. Ein Sprecher der städtischen Wohnungsbaugesellschaft bestätigt, dass es bei den Gesprächen auch um die Tübinger Straße geht, will aber mit Verweis auf das "äußerst frühe Stadium" ebenfalls nichts weiter sagen.

Die Zusammenarbeit mit kommunalen Wohnungsbauunternehmen ist für Discounter nicht nur deshalb interessant, da sie als Handeltreibende eher wenig Erfahrung mit Wohnimmobilien und deren Vermietung haben. Sondern auch weil dadurch bezahlbarer Wohnraum entsteht. Das ist gut für das politische Klima und kann wiederum dabei helfen, zusätzliches Baurecht auf Grundstücken zu schaffen.

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