Wohnen in München Erschwingliche Wohnungen? So selten wie Oasen in der Wüste

Nicht einmal mit dem Bau großer Wohnsiedlungen wie hier in Neuperlach in den 1970er-Jahren konnte die Stadt den Wohnungsmangel beheben.

(Foto: Peter Hinrichs)

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich an dieser Situation in München nichts geändert - nicht einmal in Zeiten, in denen die Bevölkerung zurückgegangen ist.

Von Wolfgang Görl

Im August 1944, noch während des Krieges, notierte der Schriftsteller Wilhelm Hausenstein: "Nach Wochen zum ersten Mal wieder in München gewesen. Die Stadt ist zum größeren Teil zerstört: in ihren Wohnhäusern, in ihrer monumentalen Gestalt. Der Eindruck ist grausig. Ich kann mir nicht denken, wie München je wieder zur Repräsentation dessen, was es gewesen ist, wiederhergestellt werden soll ( . . . ) Wird man wesentliche Ruinen stehen lassen und anderwärts, außerhalb Neues bauen? Wird man? Und wann? Werden Generationen zwischen, neben Trümmern leben? Der Untergang der Stadt ist im großen ganzen so radikal, daß ich mir eine Erneuerung nicht vorstellen kann."

Was den Wiederaufbau betrifft, war Hausenstein, wie so viele in dieser finsteren Zeit, zu pessimistisch. München wurde erneuert, nach altem Muster, wenn auch nicht mehr ganz so glanzvoll. Aber daran zu glauben, fiel schwer, als Ende April 1945 die ersten US-amerikanischen Panzer in die Stadt rollten - in eine Stadt, die weitgehend ein Trümmerhaufen war, zerstört in einem Krieg, den die Deutschen selbst entfesselt hatten. Etwa die Hälfte des Baubestands war vernichtet, die Altstadt lag zu 60 Prozent in Schutt und Asche, Schwabing zu 70 Prozent. Circa 6000 Münchner waren bei den Luftangriffen ums Leben gekommen. Nicht zu Opfern des Krieges, sondern zu Opfern der NS-Vernichtungspolitik waren die mehr als 12 000 jüdischen Bürger geworden, die vor 1933 in München gewohnt hatten. Nur wenige haben den Nazi-Terror überlebt.

Miete Und wie teuer wohnen Sie?
Mietmarkt

Und wie teuer wohnen Sie?

In vielen Städten explodieren die Mieten. Wie belastend ist die Situation für Sie? Machen Sie mit beim großen SZ-Projekt #MeineMiete.

Im Jahr 1939, in dem das NS-Regime den Krieg entfachte, lebten etwa 820 000 Menschen in München. Als die Stadt ins Visier der alliierten Bombergeschwader geriet, suchten immer mehr Bürger Schutz auf dem Land. Von März 1943 an erfolgte die Evakuierung auch auf Betreiben von offizieller Seite. Am Ende des Krieges waren es rund 400 000 Münchner, die irgendwo anders untergekommen waren. Die meisten kehrten zurück, doch nur wenige hatten das Glück, ihre Wohnung unversehrt wiederzufinden. Für alle anderen begann ein Leben in Ruinen, unter notdürftig zusammengeflickten Dächern, eine improvisierte Existenz, genährt vom Schwarzhandel.

Zuzugsverbot nach München

Angesichts der desolaten Lage hatte die US-Militärregierung ein Zuzugsverbot erlassen, doch dieses wurde kaum beachtet. Und es kamen ja nicht nur die Münchner, die während des Krieges aufs Land geflüchtet waren. Es kamen auch andere Menschen: Ehemalige Zwangsarbeiter, Verschleppte, Kriegsgefangene und die Heimatvertriebenen. Dabei fehlte es an allem: an Nahrungsmitteln, Baumaterialien, Brenn- und Treibstoffen und selbstverständlich an Wohnungen. In den ersten drei Nachkriegsjahren verbesserte sich nur wenig. Immerhin, es gelang, die gewaltigen Mengen Schutt, etwa fünf Millionen Kubikmeter, beiseite zu räumen.

Im Februar 1946 zog Wiederaufbau-Referent Karl Sebastian Preis eine erste Bilanz: Danach waren 62 000 Wohnungen ganz zerstört, 32 000 schwer und 137 000 mittelschwer oder leicht beschädigt. "Wegen Baustoffmangel können im wesentlichen vorerst nur Ausbesserungsarbeiten durchgeführt werden. Um die gesamte Wohnbevölkerung auf der Grundlage von einst 850 000 Einwohnern unterzubringen, sind 102 000 Neubauwohnungen notwendig." Es dauerte rund acht Jahre, bis die Zahl der Wohnungen wieder den Vorkriegsstand erreicht hatte.

In den 1950er-Jahren wuchs München noch schneller, als die Experten gedacht hatten. Bereits 1958, als die Stadt ihren 800. Gründungstag feierte, überschritt die Einwohnerzahl die Millionengrenze. Der Wohnungsbau hielt mit dieser Entwicklung nicht mit, obwohl größere Projekte wie die Siemens-Siedlung in Obersendling oder die Parkstadt Bogenhausen verwirklicht wurden. Als Hans-Jochen Vogel (SPD) im Jahr 1960 als Oberbürgermeister seinem Parteifreund Thomas Wimmer nachfolgte, gehörte die Wohnungsnot zu den drückendsten Problemen. "Zur Zeit meiner Amtsübernahme", schreibt Vogel rückblickend, "fehlten 71 000 Wohnungen für die schon vorhandenen Wohnungssuchenden." Aber es kamen ja täglich neue hinzu.

Unter Vogels Ägide entstanden die sogenannten Entlastungsstädte oder -wohngebiete Neuperlach, die Blumenau oder das Hasenbergl, dessen Planung noch in die Ära Wimmer zurückreichte. Als die Stadt 1966 den Zuschlag erhielt, die Olympischen Sommerspiele 1972 zu veranstalten, verstärkte sich ihre Magnetwirkung. Im Olympiajahr 1972 erreichte die Einwohnzahl mit 1,34 Millionen einen vorläufigen Höhepunkt, in der Folgezeit sank sie bis auf 1,27 Millionen (1984).

War nach den Spielen eine leichte Entspannung auf dem Wohnungsmarkt zu verzeichnen, so zog er bald wieder an. Im Bericht zur Wohnungssituation 1980 schrieb das Sozialamt ein Vorwort, das wie eine Bestandsaufnahme der Gegenwart klingt: "30 Jahre nach der schlimmen Wohnungsnot in der Nachkriegszeit ist in München der Wohnungsmarkt erneut zusammengebrochen. Junge Menschen können nicht heiraten, Ehepaare verzichten auf Kinder, und Familienväter leben getrennt von ihren Angehörigen. Der Grund ist in vielen Fällen die Wohnungsnot in München. Preiswerte Behausungen für die Bezieher kleinerer Einkommen fehlen in München heute weitgehend."