Uli Henkel AfD-Wahlkämpfer in Giesing: Von gutbürgerlich zu wutbürgerlich

Uli Henkel ist in die AfD nach dem Sturz von deren wirtschaftsliberalen Gründern eingetreten. Da habe ein Wechsel stattgefunden, sagt er: "die stärkere Betonung der Inländerfreundlichkeit".

(Foto: Catherina Hess)

Die Partei werde als "rechtes Ausgleichsgewicht" gebraucht, glaubt Uli Henkel.

Von Johann Osel

Wenn Uli Henkel durch seinen Stimmkreis spaziert, fuchtelt er durch die Luft und ärgert sich. Man könnte meinen, der Münchner AfD-Mann habe eine Burkaträgerin erspäht oder eine afrikanische Großfamilie, aber es geht um anderes: um Gebäude hier in Obersendling, in der Machtlfinger- und in der Boschetsrieder Straße. Leere oder teilgenutzte Bürobauten. "Wir brauchen bezahlbare Wohnungen, wir müssen bauen, da führt kein Weg dran vorbei. Aber die Politik schläft", sagt er und fordert einfachere Standards, weniger Auflagen und Steueranreize für private Wohnbau-Investoren. Falls er in den Landtag kommt, will Henkel auch einen bayernweiten, bindenden Volksentscheid zur dritten Startbahn am Flughafen. "Trauen wir dem Bürger doch bitte mehr Verantwortung zu!" Über Zuwanderung und Islam, die Kernagenda seiner Partei, sagt der 63-Jährige ungefragt erst mal nichts. Erst mal.

München ist ein hartes Pflaster für die AfD, bei der Landtagswahl erst recht - wegen des Wahlrechts. Bei der Bundestagswahl voriges Jahr bekam die Partei in der Stadt 8,4 Prozent. Über die Liste sitzen dennoch einige Münchner (teils mit Wahlkreis anderswo) im Bundestag; die Erststimme spielte keine Rolle. Beim Landtag ist es anders: Erst- und Zweitstimmen werden addiert, dann wird verteilt. Die neun AfD-Stimmkreiskandidaten - Henkel tritt in Giesing an, wozu auch Sendling und Teile von Thalkirchen und Solln zählen - dürften einstellig, bei Überraschungen knapp zweistellig abschneiden.

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Im Vergleich mit dem oberbayerischen Land, wo die AfD mitunter die 20er-Marke anvisiert, fallen die Münchner ab. Es müssen Stimmen über die Liste her; darauf hat nur Henkel mit Platz zwei eine gute Position. Auf Platz eins steht mit Franz Bergmüller ein Gastwirt aus dem Kreis Rosenheim. Urbane AfD-Wähler könnten womöglich eine Stelle weiter ankreuzen. Andere AfDler aus München stehen quasi im Listenniemandsland. Wenn die Partei ein Ergebnis einfährt, wie es Umfragen verheißen, wird das kein Erfolg der Münchner sein. Henkel wird im Landtag vermutlich einziger AfD-Abgeordneter der Landeshauptstadt sein.

Wer ist dieser Mann? Ein seriöser älterer Herr mit Krawatte. Blaue Turnschuhe, Jurist und selbständiger Unternehmensberater. Seit 61 Jahren lebt er in München, kam als Bub, geboren in Dortmund. Bayerische Momente zieren sein Hochdeutsch, er spricht druckreif und gestikuliert auch im Sitzen - wie ein Italiener, sagt er über sich und blickt in einem Café in Obersendling verschmitzt auf venezianische Wandmalereien. 50:50 sagt Henkel über seine Schwerpunkte - halb Kommunales, halb klassische AfD, inklusive Migration, klar.

"Integration ist eine Bringschuld", Kroaten, Russen oder Südamerikaner in seiner Nachbarschaft oder sein internationaler Freundeskreis hätten "nie den Anspruch gestellt, die Bedingungen, unter denen wir leben, zu verhandeln". Die jüngsten Zuwanderer, Muslime vor allem, forderten das sehr wohl. Deutschland dürfe sich nicht "auflösen in einem multi-ethnischen, multikulturellen Staat". Dass er auch richtig pathetisch reden kann, pauschalisierend und populistisch, hat er im Mai bei der Listenwahl in Hallbergmoos gezeigt. Von "Flutung" durch Migranten sprach er da, so werde das Land "zum größten Sozialamt der gesamten restlichen maladen Welt". Die Regierung Merkel habe "mit Hilfe der CSU dieses liebenswerte Land zur Schlachtbank geführt"; im Landtag werde er "mit Furor gegen jeden zu Felde ziehen", der "unsere gewachsene Ordnung gefährdet" und "der uns neue Götter bringen will".

Eingetreten ist Henkel in die AfD nach dem Sturz der wirtschaftsliberalen Gründer um Bernd Lucke. Da habe, sagt er, ein Wechsel stattgefunden: "die stärkere Betonung der Inländerfreundlichkeit". Schon einmal war er politisch engagiert, in den Neunzigern in der Statt-Partei. Diese Anti-Etablierten-Truppe mit einer Prise Rechtspopulismus war in Hamburg in den Senat gelangt, konnte sich aber bundesweit nicht behaupten. Henkel hatte 1994 als deren Stadtratskandidat, notierte eine SZ-Reporterin, das Wohnthema besetzt, forderte mehr Hochhäuser. Danach machte er vor allem als Leserbriefschreiber Politik im Kleinen. "Frankreich geht es um die Demontage der D-Mark", teilte er etwa 1998 der SZ mit, gutbürgerlich-wutbürgerlich. Das Potenzial, aus dem anfangs die AfD erwuchs. Laut Zeitungsarchiv schrieb er häufig seine Meinung auf. Erstaunliches 2011 beim Handelsblatt über Angela Merkel. Sie knicke nicht gleich ein und kämpfe in der Euro-Krise für "unseren Fleiß und unser System". Daher sollten "wir Bürger" bei der Wahl den "Merkel-Hassern die rote Karte zeigen".

Merkels Aufstieg hat er lange Zeit "positiv verfolgt"

Henkel schaut verdutzt, wenn man ihm sein Merkel-Lob vorliest. Schließlich vertritt er jene Partei, die vom "Merkel muss weg"-Slogan zehrt und in der selbst Kandidaten die Kanzlerin "Hexe" nennen. Merkels Aufstieg, erklärt Henkel, habe er lange Zeit positiv verfolgt, "eine Wissenschaftlerin, eine, die keine Ochsentour durch die CDU und den Filz gemacht hat"; auch hatte er ein "Grundvertrauen in die konservative Kraft der CDU". Dann seien Themen aber aufgegeben worden, für ihn "ganz entscheidend" war "die Grenzöffnung". Das war ja tatsächlich eine Art Mastkur für die AfD - sich heimatlos nennende Konservative und ihre Drift nach rechts, manche mehr, manche weniger. Wenn auch nicht so weit wie jene, die schon immer nah an der NPD waren und in der AfD ein neues Vehikel erkannten.

"Ausrutscher" gebe es in jeder Partei, "aber man kann doch nur sehr eingeschränkt in Mithaftung genommen werden für Leute, auf die man keinen Einfluss hat", sagt Henkel über die Rechts-Außen-Grenze. Das muss man wohl sagen in München, wo für manchen Parteifreund der Weg zu Pegida kurz ist. Die Anerkennung des Holocaust und der Konsequenzen daraus seien für ihn "unumstößlich", so Henkel. Aber: Die AfD werde als "parlamentarisches rechtes Ausgleichsgewicht" gebraucht. Das will er den Wählern vermitteln. Am Info-Stand seien "die Leute, die stehen bleiben, interessiert und erfreulich informiert". Er setzt auch aufs Netz, dreht viele Videos. Einige Großveranstaltungen etwa am Stachus plant die München-AfD, unter anderem mit der Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel.

Henkels Stimmkreis ist umkämpft: Allein drei Abgeordnete treten hier an, Andreas Lorenz (CSU), Florian von Brunn (SPD) und Michael Piazolo (Freie Wähler); dazu die frühere FDP-Abgeordnete Julika Sandt und die grüne Stadträtin Gülseren Demirel. Aktuell wirbt Henkel aber auch in der Münchner und oberbayerischen AfD - um Zweitstimmenhilfe. Einige Zusagen habe er bereits. "Strippenziehen ist nicht sein Ding", sagt gleichwohl ein wichtiger Parteifreund über ihn. Sicher ist Henkels Mandat längst nicht. "Kein Münchner im Landtag wäre für meine Partei extrem suboptimal", führt er als Argument auf. "Es geht in Bayern ja nicht nur um die Milchquote."

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