Schwimmunterricht in den Ferien:Damit niemand untergeht

Weil viele Kinder über den Lockdown schwimmen verlernt oder gar nicht erst gelernt haben, bieten Gemeinden zusammen mit Vereinen Crashkurse an. Doch es fehlt an Schwimmlehrern.

Von Bernhard Lohr und Tatjana Tiefenthal, Haar/Unterschleißheim

Hitze, Sommer, Badefreuden - doch viele Kinder können nach den Einschränkungen der Corona-Pandemie nicht schwimmen. Bäder waren gesperrt, Schwimmkurse fielen aus. Alleine in Haar können nach Auskunft des Rathauses etwa 30 Kinder aus den zweiten und dritten Klassen der Konradschule nicht schwimmen sowie 110 Kinder aus der Jagdfeldschule. Die Gemeinde bietet deshalb kurzfristig in Zusammenarbeit mit dem TSV eine Sonderaktion, damit Kinder in den Sommerferien schwimmen lernen. Bereis 160 Kinder sind angemeldet, in Unterschleißheim gibt es ein ähnliches Konzept. 150 Kinder bekommen dort bisher im Aquariush erste Schwimmzüge beigebracht. Schwimmvereine und Wasserwacht sprechen von einem großen Bedarf. Sie warnen vor einer Generation der Nichtschwimmer.

In Haar haben Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU), Bäderleiter Sante Ciavarelle und TSV-Geschäftsführer Ralf-Ulrich Machwirth innerhalb von drei Tagen einen Anfängerkurs im Freibad auf die Beine gestellt; die Anregung dazu kam von Petra Kienbacher, Lehrerin und Sportbeauftragte der Konrad-Grundschule, sowie Alexandra Pawleczak vom TSV. Die Personalkosten übernimmt die Gemeinde, der Förderverein der Grundschule St. Konrad rund um Elisabeth Andolschek finanziert die Schwimmhilfen.

Schwimmunterricht in den Ferien: Früh übt sich: Besser Kinder fangen zeitig an, schwimmen zu lernen, wie hier im Unterhachinger Freibad.

Früh übt sich: Besser Kinder fangen zeitig an, schwimmen zu lernen, wie hier im Unterhachinger Freibad.

(Foto: Claus Schunk)

Organisiert wird der Kurs vom TSV in den ersten beiden Augustwochen im Freibad. Die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG) und die Volkshochschule wurden von Bürgermeister Bukowski gebeten, das Angebot in den folgenden Wochen weiterzuführen. Nach einem Beschluss des Gemeinderats von dieser Woche sollen möglichst alle Grundschulkinder in den Ferien zum Zug kommen.

In Unterschleißheim organisiert der SV Lohof ebenfalls Kurse, wie die Stadt auf eine Anfrage der Grünen am Donnerstagabend im Stadtrat mitteilte. Das Ehepaar Christina und Roland Wolz versucht schon seit Jahren dem Trend, dass viele Kinder nicht mehr schwimmen können, etwas entgegenzusetzen. Sie gewannen Sponsoren und bauten zusammen mit dem SV Lohhof ein Kursprogramm für Oster- und Herbstferien auf. Es richtet sich an Grundschüler, die schon mit Schwimmbewegungen vertraut sind, aber noch nicht sicher schwimmen. Nun finden diese Schulungen auch in den Sommerferien statt, die Stadt überlässt dafür Schwimmzeiten im Bad. Darüberhinaus bieten Bademeister des Aquariush in den Ferien Anfängerkurse an.

Schwimmvereine und Schwimmlehrer begrüßen die Initiativen. "Wir sehen bei den Kindern, die zu uns kommen, eine Altersverschiebung von zwei Jahren", schildert Schwimmlehrer Martin Höger aus Ottobrunn die Auswirkungen des Lockdowns. "Auch die Kinder, die eigentlich in Folgekurse kommen, haben alles verlernt." Die Folge: "Die Masse an Anmeldungen kann nicht bedient werden", sagt Daniela Haupt von der Wasserwacht München. Die Wasserwacht bietet diesen Sommer zwar mehr Kurse an, doch diese sind "absolut und restlos voll". Es mangelt an Schwimmlehrern. Zwei Jahre fehlender Schwimmunterricht seien nicht in einer Sommersaison nachholbar, so Haupt, die von einem "Rattenschwanz" spricht. Die Anmeldungen der vergangenen zwei Jahre könnten nicht abgearbeitet werden, weil mit jedem Jahr Kinder nachkämen.

Schwimmunterricht in den Ferien: Daniela Haupt von der Wasserwacht München.

Daniela Haupt von der Wasserwacht München.

(Foto: Claus Schunk)

Ältere Kinder, warnt die Pressesprecherin der Wasserwacht, hätten zudem "keine Lust mehr, in die Gruppe mit den jüngeren Kindern zu gehen". Gefährlich werde es dann, wenn diese Kinder, die versäumt haben, schwimmen zu lernen, alt genug sind, um ohne elterliche Aufsicht baden zu gehen. Doch warum müssen Kinder überhaupt schwimmen lernen, wenn doch ab der dritten Klasse Schwimmen auf dem Stundenplan steht? Im Schulunterricht müssen sie es bereits können, denn Nichtschwimmer und Schwimmer dürfen nicht zusammen unterrichtet werden - das ist gesetzlich geregelt.

Wäre es nach der SPD in Haar gegangen, hätte die Gemeinde in den Sommerferien eines der beiden Hallenbäder in der Gemeinde ausschließlich für Schwimmkurse für Haarer Kinder geöffnet und für die Kurse TSV und DLRG ins Boot geholt. Laut SPD hatte eine Abfrage an den Grundschulen ergeben, dass viele Kinder Nichtschwimmer sind, weil Kurse wegen Corona abgesagt wurden.

Eine Sonderöffnung des Jagdfeldbads im Sommer würde die Gemeinde mit Kosten von 20 000 Euro allerdings sehr teuer kommen, beim Konradbad wäre es nur unwesentlich günstiger. Auch fehlt laut Gemeindeverwaltung Personal, um dort außer der Reihe aufzusperren. Stattdessen wird das Freibad in den ersten beiden Ferienwochen vor der regulären Öffnung für Schwimmkurse von 8 bis 10 Uhr geöffnet. 160 Kinder sind dort bereits angemeldet. In den beiden Hallenbädern sollen von Ende September oder Anfang Oktober an Schwimmkurse angeboten werden. Im Konradbad gibt es zudem noch mittwochs zwischen 13 und 15 Uhr freie Schwimmzeiten, im Jagdfeldbad zwischen 13 und 14 Uhr.

© SZ vom 31.07.2021/lb
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