Energiewende:Ein Speicher mit Strahlkraft

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Energiewende: Unter der Kiesgrube an der Ortsgrenze zwischen Martinsried und Gräfelfing könnte ein Erdbeckenwärmespeicher mit gewaltigem Potenzial entstehen.

Unter der Kiesgrube an der Ortsgrenze zwischen Martinsried und Gräfelfing könnte ein Erdbeckenwärmespeicher mit gewaltigem Potenzial entstehen.

(Foto: Robert Haas)

Unter der riesigen Kiesgrube an der Grenze der Gemeinde Planegg zu Gräfelfing könnte ein gewaltiges Erdwärmebecken entstehen, das die Kommunen mit Energie versorgt. Voraussetzung für ein Gelingen ist eine erfolgreiche, interkommunale Zusammenarbeit.

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Es könnte ein Projekt mit Strahlkraft weit über Gemeindegrenzen hinaus werden: Auf einen Schlag wären an die 4000 Haushalte im nördlichen Würmtal - in Gräfelfing und Planegg - C02-neutral zu beheizen. Dieses Potenzial bescheinigen Wissenschaftler der Universität Stuttgart dem Erdbeckenwärmespeicher, der in einer riesigen Kiesgrube an der Ortsgrenze zwischen Martinsried und Gräfelfing entstehen könnte. Das Projekt wäre ein innovativer Beitrag zur Energiewende, das allerdings nur funktioniert, wenn die Gemeinden interkommunal zusammenarbeiten. Dieses Fazit liefern die Zwischenergebnisse der Machbarkeitsstudie, die die Gemeinde Gräfelfing beauftragt hat. Am Mittwoch wurden sie von Wissenschaftlern der Universität Stuttgart im Bürgerhaus in Gräfelfing vorgestellt.

Die Idee, eine ausgekieste Grube der Firma Glück an der Ortsgrenze zwischen Gräfelfing und Planegg zu einem saisonalen Energiespeicher - einem Erdbeckenwärmespeicher - umzufunktionieren, geht aus den Reihen der "Grüne Gruppe 21" im Planegger Gemeinderat und den Grünen/Unabhängige Liste in Gräfelfing hervor. Sie brachten das Thema erstmals im Jahr 2020 in die Gemeinderäte ein. Um den Wärmespeicher zu realisieren, würde die riesige Kiesgrube mit Wasser und Bauschutt verfüllt werden. Das Füllmaterial würde primär durch Energie, die aus Tiefengeothermie und durch Sonnenkollektoren gewonnen wird, erwärmt. Über ein Fernwärmenetz erreicht die Energie die Haushalte. Besonders attraktiv ist, dass die Gemeinden Planegg und Gräfelfing einige Parameter mitbringen, die für eine Realisierung essentiell sind: Die Grube ist bereits vorhanden, im Planegger Flächennutzungsplan ist ein Solarfeld in der Nähe vorgesehen und die Gräfelfinger sind bereits auf gutem Weg, die Tiefengeothermie zu verwirklichen.

Je größer das Gebiet, desto relevanter der Speicher

In der Machbarkeitsstudie soll vor allem erarbeitet werden, welches Potenzial die Kiesgrube als Wärmespeicher hat und wie wirtschaftlich ein solches Projekt wäre. Die Wissenschaftler des Instituts für Gebäudeenergetik, Thermotechnik und Energiespeicherung (IGTE) der Uni Stuttgart haben einerseits den Wärmebedarf in den Gemeinden modellhaft ermittelt und Szenarien aufgemacht, mit welchen Energieträgern das Speicherbecken erwärmt werden könnte. Dabei wurde deutlich, dass sich das Projekt allein für die Gemeinde Gräfelfing nicht lohnen würde. Die Energie, die aus der Geothermie gewonnen werden könnte, würde ausreichen, um den Wärmebedarf im berechneten Modell ganzjährig zu decken, ein Speichermedium wäre nicht nötig.

Anders verhält es sich, wenn man den Wärmebedarf eines größeren Gebiets in Gräfelfing und zusätzlich den Bedarf des Planegger Ortsteils Martinsried gemeinsam betrachtet. Dann wird der Speicher sehr wohl relevant. Das Fazit: Je größer das Gebiet ist, das mit Wärme versorgt wird, desto interessanter wird das Erdwärmebecken als saisonaler Energiespeicher. Die C02-Emmissonen, die sich einsparen ließen, würden sich je nach Ausbauvariante auf etwa 10 000 Tonnen pro Jahr oder sogar mehr belaufen. Das sind schon "gigantische Werte", sagte Harald Drück vom IGTE.

Die Wirtschaftlichkeitsberechnung haben die Wissenschaftler noch nicht beendet, die fertige Studie wird Ende Juni erwartet. Schon jetzt ist klar, dass der Kostenfaktor die Geothermie ist. Die Bohrung in 3000 Meter Tiefe ist die Voraussetzung für das Projekt und kostet an die 48 Millionen Euro. Die Kosten für den Wärmespeicher seien im Verhältnis dazu vernachlässigbar, meinte Drück. Er betonte, wie bedeutsam die vorhandene Grube für das Projekt ist. "Sie werden kein anderes Gebiet finden, das sich eignet". Die Grube liege strategisch günstig.

Im Publikum am Mittwoch waren viele Gemeinderäte aus Planegg und Gräfelfing vertreten. Martin Feldner, Gemeinderat der Grünen/Unabhängigen Liste in Gräfelfing und Dritter Bürgermeister, zeigte sich begeistert vom Potenzial der Grube: "Wenn Gräfelfing die Geothermie liefert und die Planegger den Strom, können viele Haushalte C02-neutral heizen." Angelika Lawo von der Grünen Gruppe 21 in Planegg sieht darin ein "attraktives Angebot für die Bürger". Auch die Neurieder wollen mitmischen: Dieter Maier, Gemeinderat der Grünen in Neuried und Dritter Bürgermeister, kündigte Interesse der Kommune an der Geothermie-Wärme an. Kritischer trat Jürgen Peters auf, Gemeinderat der Grünen in Planegg. Er wies darauf hin, dass die eingeplanten Kollektorenflächen auf Planegger Flur liegen würden. Er forderte, die "Souveränität der Gemeinde" zu beachten. In einer interkommunalen Zusammenarbeit konnte er an dem Abend keinen Sinn erkennen.

Die Planegger haben dem Projekt bisher eine Absage erteilt und sich nicht an der Machbarkeitsstudie beteiligt, vor allem aus Kostengründen. Angelika Lawo kündigte auf SZ-Anfrage an, das Thema erneut in den Planegger Gemeinderat bringen zu wollen. Tatsächlich drängt die Zeit: Die Firma Glück, Inhaberin der Kiesgrube, ist vertraglich verpflichtet, die Grube zeitnah zu verfüllen. Nur der Planegger Gemeinderat kann beschließen, das vorerst zu unterlassen, um dem alternativen Energieprojekt eine Chance zu geben.

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