Luftfilter in Schulen:Söders Musterschüler

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Luftfilter in Schulen: Brummt, stört aber sonst nicht weiter: mobiles Luftreinigungsgerät in einem Klassenzimmer der Grundschule Neubiberg.

Brummt, stört aber sonst nicht weiter: mobiles Luftreinigungsgerät in einem Klassenzimmer der Grundschule Neubiberg.

(Foto: Claus Schunk)

Andernorts wird noch über Sinn und Kosten von Luftfiltern in Klassenzimmern diskutiert, in den Grundschulen von Neubiberg laufen die Geräte bereits fast das ganze Schuljahr. Lehrer, Schüler und Eltern sind sehr zufrieden, hätten aber noch ein paar Wünsche.

Von Daniela Bode, Neubiberg

Während an anderen Schulen die Sorge groß ist, wie man bis zum Herbst noch Luftfilteranlagen anschaffen soll, können sich Neubibergs Grundschulen glücklich schätzen. Dort ist bereits seit Ende vorigen Jahres jedes Klassenzimmer mit einem Raumluftreiniger mit hochwirksamen Filtern ausgestattet. Wenn Unterricht ist, brummen die Geräte Tag für Tag vor sich hin. "Man hört es, aber es ist wesentlich leiser als ein Föhn", beschreibt es Christiane Bussert, die Rektorin der Grundschule Unterbiberg.

Hört man sich bei Schulleitern, Schülern und Eltern um, wie ihre Erfahrungen mit den Geräten sind, ist die Antwort eindeutig: nur positiv. "Die Frage ist, warum nicht alle Schulen bereits solche Geräte haben", sagt Susanne Sieben, die Rektorin der Grundschule Neubiberg. Nach dem Wunsch von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) soll das bis zum Beginn des neuen Schuljahres so sein. Er kündigte zuletzt an, dass jedes Klassenzimmer spätestens bis Herbst mit einem Gerät ausgestattet werde. Der Freistaat übernimmt 50 Prozent der Anschaffungskosten. Die andere Hälfte müssen die Kommunen tragen - und genau das ist das Problem.

Neubiberg hatte als erste Gemeinde im Landkreis München bereits im Oktober 2020 beschlossen, mobile Raumluftreiniger für beide Grundschulen anzuschaffen. Man griff auf ein Konzept des Physikprofessors Christian Kähler von der Universität der Bundeswehr in Neubiberg zurück. Dessen Studien ergaben, dass Raumluftreiniger mit hochwirksamen Filtern die Gefahr einer indirekten Ansteckung durch infektiöse Aerosole im Raum stark verringern können. Kähler empfiehlt zusätzlich Trennwände zum Schutz gegen die direkte Infektion sowie Masken. In der Grundschule Neubiberg sind auch Trennwände angebracht, an der Schule in Unterbiberg nicht, da die Klassen dort sehr wenige Schüler haben und so genug Abstand gewahrt werden kann.

Die Neubiberger Schulleiterinnen schätzen nicht nur das Gefühl von Sicherheit, das die Geräte vermitteln, sie sind auch überzeugt davon, dass sie wirklich etwas nützen. "Wir waren alle sehr glücklich, die Luftfilteranlagen zu haben", sagt Bussert. Besonders, da an der Unterbiberger Schule nur über eine Balkontür und Oberlichter gelüftet werden könne. "Wir Lehrer haben ein viel besseres Gefühl, dass die Luft ständig gereinigt wird", sagt die Rektorin.

Wegen der Geräusche seien von den Schülern nie Klagen gekommen. Sieben sieht das ähnlich. Sie verweist auf Professor Kähler, wonach sich Aerosole in einem geschlossenen Raum ohne Reinigungsgerät so verbreiten, dass die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung hoch ist, wenn sich eine infizierte Person im Zimmer befindet. "Als die Geräte im November da waren, war das ein gutes Gefühl", sagt sie. Gelüftet werde aber natürlich trotzdem.

Die Geräusche, die so ein Gerät macht, hält die Lehrerin für "marginal". Beide Rektorinnen sehen zudem den großen Nutzen der Geräte. "Wir hatten an der Schule keinen einzigen Corona-Fall", sagt Sieben. Die zwei positiven Fälle nach den Pfingstferien seien auf die Rückkehr von einer Reise zurückzuführen gewesen. Bussert berichtet Ähnliches. "Als Unterricht wieder möglich war, hatten wir jeden Tag Präsenzunterricht und so gut wie keine Krankheiten", sagt sie. Ihr gefällt zudem, dass die Geräte nach Bedarf einstellbar und leicht zu bedienen sind. "Man kann sie programmieren und die Reinigungsstufen individuell einstellen", sagt sie. Je niedriger die Stufe, desto geringer die Luftfilterung pro Stunde und desto leiser das Brummen.

Die Bedenken, die wegen der Geräusche der Anlagen in der öffentlichen Diskussion immer wieder laut werden, sind offensichtlich unnötig. Denn auch die Grundschüler berichten, dass der Unterricht mit den Geräten gut machbar ist. "Die ersten drei Tage hat das Geräusch gestört, da man es gehört hat. Aber danach hat man sich daran gewöhnt und jetzt stört es nicht mehr", sagt etwa Dana, Drittklässlerin an der Grundschule Neubiberg. Das bestätigt auch die Drittklässlerin Clara von der Grundschule Unterbiberg: "Es stört überhaupt nicht, es läuft einfach." Auch Constantin, Viertklässler an der Grundschule Neubiberg, nimmt "das Geräusch gar nicht mehr wahr". Auch die Trennscheiben zum direkten Sitznachbarn seien kein Problem. "Da ist es viel anstrengender, sieben Stunden im Unterricht eine Maske zu tragen", sagt er und hofft, dass das Gymnasium Neubiberg, auf das er bald geht, auch solche Geräte und Trennscheiben bekommt.

Auch von den Eltern kommen angesichts der Raumluftreiniger in den Schulen nur positive Rückmeldungen. "Wir Eltern waren sehr froh, dass sie so früh angeschafft wurden", sagt Verena Lekebusch, die Elternbeiratsvorsitzende an der Grundschule Unterbiberg. Auch im Hinblick auf die Lüftungssituation an der Schule. "Es war eine enorme Erleichterung, weil wir uns sicher fühlten", sagt auch Kathrin Tauber, Elternbeiratsvorsitzende an der Grundschule Neubiberg. Mit den Trennwänden sei das ein stimmiges Konzept. Ein weiterer Vorteil: Die Kinder müssten im Winter nicht bei ständig geöffneten Fenstern frieren. Dass die Gemeinde so schnell aktiv wurde, begrüßt Tauber. "Wir waren auf der Insel der Glückseligen."

Kritisch sieht Tauber jedoch, dass der Einsatz der Luftfiltergeräte keine Auswirkungen auf die Hygieneregeln hatte. "Wir hatten keinen Tag mehr Präsenzunterricht", sagt sie und wünscht sich daher einen Plan, wie man mit den Geräten auch bei höheren Fallzahlen Präsenzunterricht ermöglichen kann. Sie denkt an eine Art "Krisenstab Schule". Die Mutter von vier Kindern hofft, dass sich die Schulschließungen nicht wiederholten, "weil die Kinder irgendwann überstrapaziert sind". Sie kritisiert auch, dass trotz der Filteranlagen und der Trennwände keine Ausnahme gemacht wird, falls ein Mitschüler positiv getestet wird. Auch in Neubiberg und Unterbiberg müssten in so einem Fall alle Klassenkameraden in Quarantäne. Das kann auch Rektorin Sieben nicht nachvollziehen.

Ob es genügt, dass der Freistaat 50 Prozent der Anschaffungskosten für Raumluftreiniger übernimmt und wie viele Kommunen durch den Anreiz bereit sind, den Rest zu zahlen, wird sich zeigen. Obwohl auch die Neubiberger Gemeinderäte aufs Geld schauen müssen, hatten sich vorigen Herbst für die Investition entschieden. 40 Geräte kaufte die Gemeinde, 26 zu einem Gesamtpreis von 67 449, die vom Freistaat gefördert wurden, und weitere 14 für 49 000 Euro, die die Gemeinde komplett übernahm. Bürgermeister Thomas Pardeller (CSU) steht auch heute noch dazu. "Wenn es um den Gesundheitsschutz geht, ist das Geld gut angelegt", sagt er. Er ist froh, schon für das nächste Schuljahr versorgt zu sein: "Mit dieser Ausstattung sind wir auch für den Herbst und eine mögliche vierte Wellte optimal gerüstet."

Neubiberg ist längst nicht mehr die einzige Gemeinde im Landkreis, die in Sachen Luftfilter tätig geworden ist. So haben beispielsweise auch die Gemeinden Grünwald, Grasbrunn und Unterföhring Grundschulen und Kitas ausgestattet. Andere Kommunen, aber auch der Kreis und Zweckverbände der weiterführenden Schulen zögern noch. Ihnen ist die Wirksamkeit der Anlagen zu ungewiss und die hälftige Kostenübernahme zu wenig.

Ob die Filteranlagen im Herbst an den Hygieneregeln etwas ändern werden, wird sich zeigen. Zu Quarantäneanordnungen könne man keine pauschale Antwort geben, heißt es aus dem Landratsamt. Bestimmte Geräte könnten die Aerosolkonzentration wohl entscheidend reduzieren, unabhängig davon bestehe aber auch der Ansteckungsweg über größere Tröpfchen beim Sprechen.

Offen ist auch die Frage, ob im Herbst mit Hilfe von Filteranlagen durchgehend Präsenzunterricht stattfinden kann oder nicht. Ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums verweist darauf, dass dies die bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung regele. Diese sieht derzeit eine Einschränkung des Präsenzunterrichts vor, wenn in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt die Sieben-Tage-Inzidenz von 100 Neuinfektionen je 100 000 Einwohnern überschritten wird und im Klassenzimmer der Mindestabstand von 1,5 Meter nicht durchgehend und zuverlässig eingehalten werden kann. "Inwieweit diese Vorgaben auch im Herbst noch gelten, kann derzeit nicht vorhergesagt werden", so die Auskunft aus dem Ministerium. Die Beurteilung erfolge anhand der aktuellen Gefährdungslage.

Der flächendeckende Einsatz von Raumluftreinigern werde aber sicher entsprechend zu würdigen sein, so das Kultusministerium weiter. "Ein höheres Schutzniveau, das gerade durch Raumluftfilter erreicht werden kann, erhöht die Wahrscheinlichkeit, im Herbst den Präsenzunterricht in den Schulen fortzuführen." Lehrer, Eltern und Kinder in Neubiberg wird es freuen.

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