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Schulen:Luftnummer im Kreistag

Coronavirus - Luftfilter in Schulen

Als "Placebo-Gerät" bezeichnet der CSU-Kreisrat Stefan Kern Luftreinigungsgeräte wie dieses in einer Neubiberger Schule.

(Foto: Sven Hoppe, dpa)

Zuerst sollten für alle Klassenzimmer Raumluftfilter angeschafft werden, doch jetzt bläst die Politik das Vorhaben wieder ab. Man wolle keine "falsche Sicherheit" vorgaukeln, heißt es zur Begründung.

Von Martin Mühlfenzl

Der Landkreis wird vorerst darauf verzichten, alle Klassen- und Fachräume der kreiseigenen Schulen mit mobilen Luftreinigungsgeräten auszustatten; auch eine entsprechende Empfehlung an die Schulzweckverbände, in deren Trägerschaft sich die Gymnasien und Realschulen befinden, wird zunächst nicht ausgesprochen. Vielmehr hat der Ausschuss für Bauen und Schulen des Kreistags am Donnerstagnachmittag entschieden, ein Planungsbüro damit zu beauftragen, alle Klassenzimmer der kreiseigenen Schulen, die nur manuell belüftet werden können und noch nicht mit sogenannten RLG-Anlagen ausgestattet sind, in Augenschein zu nehmen und individuelle Lösungen zu suchen, um die Gefahr von Infektionen mit dem Coronavirus für Schüler und Lehrer möglichst gering zu halten. Zudem sollen alle bestehenden Luftreinigungsgeräte optimiert werden. Auch die Zweckverbände werden aufgerufen, diese Maßnahmen einzuleiten.

Die Verwaltung von Landrat Christoph Göbel (CSU) hatte eigentlich angeregt, alle Klassen- und Fachräume, die nur über eine manuelle Lüftungsmöglichkeit verfügen, mit mobilen Luftreinigungsgeräten auszustatten und sogar jene Räume aufzurüsten, in denen sich bereits eine stationäre raumlufttechnische Anlage befindet. Hintergrund des neuen Vorstoßes ist eine neue Richtlinie des Freistaats zur Förderung von Investitionskosten für technische Maßnahmen in Schulen, die am Donnerstag in Kraft getreten ist.

In dieser wird geregelt, dass nicht mehr nur mobile Luftreinigungsgeräte mit bis zu 50 Prozent der Investitionskosten gefördert werden, sondern etwa auch sogenannte Ionisations- und Plasmatechnologie zur Verringerung der Aerosolkonzentration, die nun auch in Klassenzimmern im Landkreis zum Einsatz kommen könnte. Insbesondere nach der teils heftigen Kritik am Vorschlag der Verwaltung zur pauschalen Ausstattung der Räume mit Luftreinigern.

Diese eröffnete Ottobrunns Bürgermeister Thomas Loderer (CSU), der sagte, es gebe überhaupt keinen Nachweis, dass in Räumen, die "lüftbar" sind, Luftreinigungsgeräte irgendeinen Mehrwert hätten. Zudem monierte er den vom Landratsamt angegeben Preis von 3500 Euro je Luftreiniger. In der Gemeinde Ottobrunn hätten die Schulen gute Erfahrungen mit Reinigern gemacht, diese hätten aber jeweils mehr als 4000 Euro gekostet. "Die sinnvolle Schlussfolgerung ist also: Wir schauen uns alle Räume an und wo es wirklich erforderlich ist, kaufen wir die wirklich leistungsfähigen", sagte Loderer und fügte hinzu: "Ich lehne die Beschaffung in der Fläche ab."

Unterstützung erhielt er von Brunnthals Bürgermeister Stefan Kern (CSU), der sagte, es bringe nichts, "pauschal" in jedes Klassenzimmer ein "Placebo-Gerät" zu stellen. "Der Schutz wird nicht wirksam, wenn wir das blindlings ohne Fachkenntnis machen." Wie Loderer betonte auch Kern, er sei allerdings dazu bereit, Mittel bereitzustellen für Fälle, in denen eine manuelle Lüftung nicht gewährleistet sei. Dies müsse aber mit der Expertise eines "Raumplaners" geschehen, ansonsten würde sowohl Schülern und Eltern als auch Lehrern das Gefühl einer "falschen Sicherheit" vorgegaukelt. Dies könne sich die Politik nicht leisten.

Ismanings Bürgermeister Alexander Greulich (SPD) appellierte an die Kreisräte, unbedingt die Erfahrungen der Kommunen in die Diskussion und den Entscheidungsprozess einfließen zu lassen. "Wenn wir etwas anschaffen, muss es einen signifikanten und messbaren Mehrwert haben", sagte Greulich. Er bezweifle aber, dass dieser herbeigeführt werde, wenn einfach jeder Raum mit einem mobilen Luftreinigungsgerät ausgestattet wird. "Wir müssen dabei höllisch aufpassen, welche Signale wir setzen. Wir dürfen dabei nicht ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln nach dem Motto an Schüler und Lehrer: Ihr seid save und könnt auf die Maskenpflicht und die AHA-Regeln verzichten."

Unterstützung für den Vorschlag der Verwaltung kam lediglich von der Grünen. Kreisrätin Gudrun Hackl-Stoll sagte: "Sinn und Zweck der Geschichte muss unbedingt sein, dass wird die Schüler wieder in die Schulen bekommen." Aber auch Hackl-Stoll räumte ein, dass die Geräte letztlich nicht zwingend flächendeckend angeschafft werden müssten, "aber da wo es unbedingt notwendig ist".

Manfred Riederle (FDP) kritisierte die fehlende Linie von Bund und Freistaat, wenn es um die Sicherheit in den Klassenzimmern geht. "Es gibt keine Grundsatzentscheidung, weder vom Land noch vom Bund, welchen bestmöglichen Weg wir gehen sollen, um unsere Kinder und Jugendlichen zu schützen", sagte er.

© SZ vom 16.07.2021/hilb
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