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Spaziergänge im Landkreis München:Warum in die Ferne schweifen

Sollte die Bewegungsfreiheit auf 15 Kilometer eingeschränkt werden, könnten Garchinger immerhin noch zum Spaziergang an die Amper und Unterhachinger an den Deininger Weiher. Wer im Isartal wohnt, bleibt ohnehin da

Von Irmengard Gnau, Iris Hilberth, Bernhard Lohr und Michael Morosow

Das vergangene Wochenende könnte vorerst das letzte gewesen sein, an dem man an den Spitzingsee oder zum Jochberg fahren konnte. Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz demnächst wieder über 200 steigen und die Bewegungsfreiheit auf einen Radius von 15 Kilometer um den Wohnort reduziert werden, heißt es - egal ob man in Garching, Haar, Unterhaching oder im Isartal wohnt - in der näheren Umgebung bleiben. In den Landkreisen Ebersberg und Miesbach ist das schon der Fall. Doch was würde die Einschränkung konkret bedeuten, wenn man eben doch mal Luftschnappen gehen will? Und: Würden sich die Menschen dann nicht umso mehr an bestimmten Orten ballen? Die SZ-Redaktion hat das für vier Kommunen im Landkreis durchgespielt.

Garching

Von der Garchinger Stadtgrenze aus reicht der 15-Kilometer-Radius bis in den südlichen Landkreis hinein. Wer allerdings Abstand halten will, sollte sich nicht Richtung Süden oder gar Münchner Innenstadt orientieren, sondern eher nach Nordwesten oder Nordosten. Nahe Dachau lässt es sich beispielsweise sehr schön entlang der Amper spazieren. Je nach Bewegungsdrang startet man zum Beispiel im Osten der Kreisstadt und folgt etwa von Haimhausen aus der Amper. Dort bieten sich verschiedene Routen an, sei es zum Heiglweiher oder rund um das Haimhauser Schloss. Wenig empfehlenswert ist hingegen ein Spaziergang zum Dachauer Schloss - dort flanieren erfahrungsgemäß die Bewohner der Kreisstadt selbst gern am Amperufer. Wer auch im Winter gern Tiere beobachtet, kann bei der Spazierrunde rund um den Ismaninger Speichersee, östlich von Garching, sicherlich den ein oder anderen Vogel erspähen: Das etwa zehn Quadratkilometer große Areal mit dem Speichersee und dem angrenzenden Teichgut Birkenhof mit einer Kette von 30 großen und 65 kleineren Teichen wird als bedeutendes Vogelschutzgebiet in Europa geführt. Zumindest theoretisch ließe sich sogar in die Ferne schweifen: Auch der Münchner Flughafen liegt schließlich nur knapp 15 Kilometer Luftlinie von Garching entfernt.

Haar

Mancher Haarer im dicht besiedelten Jagdfeld-Viertel dürfte in diesen Tagen besonders schmerzhaft wahrnehmen, wie wichtig der Spazierweg raus nach Keferloh für ihn ist. Die Strecke zu der romanischen Kirche und dem Gasthof Keferloh ist bei den Bewohnern in dem Ortsteil beliebt, entsprechend kritisch sehen viele Haarer, dass die Nachbarn aus Grasbrunn ihnen in das auch kulturhistorisch bedeutsame Keferloh mit seiner romanischen Kirche und dem schönen Gasthof ein Gewerbegebiet reinsetzen wollen. Alternativ zum Spaziergang am Ort dürften die Haarer im Umkreis von 15 Kilometern noch ins Isartal bei Pullach fahren und könnten Richtung Aying raus in die Natur. Die Haarer könnten sich ins Auto setzen und am Autobahnkreuz Ost aussuchen, ob sie Richtung Süden, Osten oder Norden fahren. Nach ein paar Kilometern hieße es aber: auf die Bremse steigen. Immerhin stünden ihnen dann weite Teile des Ebersberger Forsts sowie des Hofoldinger Forsts zum Spaziergang offen und auch der Speichersee und alles drumherum. Doch dort laufen sie natürlich Gefahr, an den schönen Ecken vielen anderen Ausflüglern aus dem Ballungsraum zu begegnen. Das kennen sie auch so. Die Naturräume in unmittelbarer Nachbarschaft sind knapp, auch wenn Frischluftschneisen zwischen Salmdorf, Gronsdorf und Ottendichl liegen. Es bliebe der Riemer Park, der ein begehrtes Ziel für Spaziergänger werden dürfte, sollte die Inzidenz im Landkreis die 200er-Marke überspringen. Wenn dann noch die Münchner reindrängen, weil dort auch die Corona-Ampel auf Dunkelrot steht, könnte es richtig eng werden.

Unterhaching

Perlacher Forst, Landschaftspark, Rodelberg. An diesen Dreiklang zur Freizeitgestaltung denken die meisten Unterhachinger im Lockdown vermutlich, wenn sie sich Ziele für eine Naherholung überlegen, die diesen Namen verdient hat, weil sie keine Anreise per Auto erfordert. Kein Wunder also, dass an diesen Orten seit einem Jahr mehr los ist als man das selbst bei der Jogging-Runde oder dem Spaziergang noch akzeptabel findet. Wenn nun die Bewegungseinschränkung von 15 Kilometern demnächst vielleicht auch eine Zeit lang im Landkreis München gelten sollte, würden auch diejenigen, die sonst die Ortspark-Walker und Perlacher Mugl-Besteiger mitleidig ansehen und mit den Tagestouristen-Strömen in die Berge aufbrechen, sich mit den nahem Zielen begnügen müssen. In Richtung Süden käme man von Unterhaching aus noch nicht mal bis Holzkirchen. Kurz vor Otterfing wäre Schluss. Alpen gibt es dann nur noch aus der Ferne zum Anschauen. Vom Perlacher Mugl aus etwa.

Aber ganz so kurz greift diese 15-Kilometer-Regeln dann doch nicht. Die gute Nachricht für die Unterhachinger: An die Isar dürften sie dann noch. Die Pupplinger Au bei Wolfratshausen wäre zwar tabu, aber bis Schäftlarn geht schon was. Und auch das beliebte Ausflugsziel Deininger Weiher liegt von der Unterhachinger Ortsgrenze aus gemessen noch im grünen Bereich. Wer nun die Pullacher beneidet, für die noch der nördliche Zipfel des Starnberger Sees erreichbar bleibt, kann sich vielleicht damit trösten: Dafür dürften die nicht nach Aying.

Pullach

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Zum Beispiel das herrliche Isartal. Den Pullachern liegt es geradewegs zu Füßen, sodass sie es leicht verkraften könnten, dass der Großteil des Starnberger Sees für sie tabu wäre, weil er außerhalb des 15-Kilometerradius liegt, und sie auch nicht in Aying oder Haar zum Freizeitvertreib aufschlagen dürften. Dafür könnten sie ihren Tag in München verbringen, Pullachs Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) hat per Zirkel festgestellt, dass der Radius von der Gemeindegrenze bis nach Schwabing reicht. Was umgekehrt bedeutet, dass die Münchner bis Pullach und gar bis Baierbrunn laufen und fahren dürften und auch der Deininger Weiher für sie ein erlaubtes Ausflugsziel darstellte. An diesem Wochenende bereits war das zugefrorene Gewässer übervölkert mit Schlittschuhläufern nicht nur aus Dingharting.

© SZ vom 11.01.2021/van
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