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Reisebranche:"Das kommt zurück"

Bevor sie ihren "Showroom" eröffnet haben, berieten Petra Decker und Andreas Hotter ihre Kunden in ihren Wohnungen, am Telefon oder per E-Mai.

(Foto: Claus Schunk)

Obwohl der Markt in der Corona-Krise völlig zusammengebrochen ist, eröffnen Andreas Hotter und Petra Decker in Kirchheim ein Reisebüro. Sie setzen darauf, dass die Kunden bald wieder Fernweh haben und Beratung wollen.

Da steht ein Rollwagen, aus dem Flugbegleiter normalerweise Tomatensaft servieren. Da liegen Flipflops. Und da hängt ein Strohhut von der Decke. Im neuen Reisebüro, das Andreas Hotter und Petra Decker diesen Mittwoch in Kirchheim an der Hauptstraße 4 eröffnen, sieht alles nach Urlaub aus. Nur dass gerade kaum jemanden einen Urlaub buchen möchte. Zwei Drittel der Reisebüros und Veranstalter stünden vor der Insolvenz, 1,2 Millionen Beschäftigte in der Branche seien von Arbeitslosigkeit bedroht, warnte der Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft im Mai. Sind Hotter und Decker also besonders mutig oder besonders naiv, in diesen Zeiten ein neues Reisebüro aufzumachen?

Vorweg muss man vielleicht schicken: Sowohl Hotter als auch Decker sind keine Neulinge in der Branche. Er arbeitete nach seinem BWL-Studium bei der Lufthansa und machte sich vor fünf Jahren selbständig. Sie fing Anfang der Neunziger in einem Reisebüro an und zog vor 23 Jahren ihr eigenes Geschäft auf. Beide hatten allerdings nie ein eigenes Büro, sondern berieten die Kunden in ihren Wohnungen in München und in Kirchheim, am Telefon oder per E-Mail. Vor gut einem Jahr entwickelten sie die Idee, dass sie das noch besser in einem gemeinsamen "Showroom" tun könnten, wo sie auf einem Bildschirm Fotos zeigen wollen. Doch dann kam Corona. Hotter und Decker hielten trotzdem an ihren Plänen fest. Mutig oder naiv, also?

Er glaube an eine "Renaissance des Reisebüros", antwortet Hotter. Denn Ende März, als die Pandemie ausbrach und Urlauber in ihre Heimat zurückkehren wollten, hätten diese - gefangen in Warteschleifen - gespürt wie wertvoll ein verlässlicher Ansprechpartner sein könne, glaubt er. Zu der Zeit, das erzählen Hotter und Decker beide, hätten sie an manchen Tagen zwölf Stunden gearbeitet, mit Airlines und Reiseveranstaltern telefoniert, um Menschen aus der Karibik und aus Afrika zurückzuholen. Geld verdienten sie in diesen Wochen keines. Denn ein Reisebüro erhält seine Provision erst, wenn der Gast seinen Urlaub auch antritt. Dafür habe jeder von ihnen an die 15 000 Euro an Storno- und Umbuchungsgebühren bezahlen müssen, sagen sie. All ihr Erspartes hätten sie in den vergangenen Monaten aufgebraucht, Soforthilfen beantragt und sich außerdem Geld bei ihren Eltern geliehen.

Gerade laufe das Geschäft wieder an - doch nur etwa ein Zehntel ihrer bisherigen Kunden buche momentan eine Reise - meist innerhalb Deutschlands oder Europas, sagt Hotter. Trotzdem sind er und seine Geschäftspartnerin zuversichtlich: "Die Reiselust wurde bei den Leuten die vergangenen Jahre immer stärker. Das kommt zurück", sagt sie. "Der Mensch will immer das, was er gerade nicht hat", sagt er. Trotzdem gehen beide nicht davon aus, dass sie 2021 das Niveau der Vorjahre erreichen können.

Denn bis Corona seien sie mit ihrem Geschäft erfolgreich gewesen - obwohl heutzutage jeder selbst eine Reise im Internet buchen kann. Viele seiner Kunden, erzählt Hotter, hätten Rucksackreisen hinter sich und seien es satt, stundenlang am Computer zu recherchieren, welches Hostel das günstigste sein könnte. Petra Decker hat sich zudem auf nachhaltigen Tourismus spezialisiert und kann ihre Kunden beraten, welches Hotel seine Mitarbeiter fair bezahlt und möglichst ökologisch wirtschaftet.

© SZ vom 30.06.2020/hilb

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