Einmal rund um München Spurensuche im Hanf-Labyrinth

In unserer Serie "Hart an der Grenze" erkunden SZ-Autoren den Verlauf der Münchner Stadtgrenze. Folge 15 hält überraschende Begegnungen und Entdeckungen zwischen Karlsfeld und München bereit - vom Abenteuerland über das Allacher Schloss.

Von Anita Naujokat

Ich geh' jetzt mal die Eier holen - oder mach' du das, ich habe heute eigentlich schon genug getan", ruft Alex Grünwald seinem Sprössling zu. 160 weiße und braune Hühner scharren im Grenzgebiet zwischen München und Karlsfeld im Landkreis Dachau, liegen in sandigen Kuhlen, picken im Gras, hocken auf Nestern im Inneren des mobilen Hühnerstalls oder haben sich in den Schatten verzogen. "Hier, genau hier verläuft die Grenze", sagt Alex Grünwald, und deutet auf den Weg zwischen dem Vereinsgelände des TSV Allach 09 und einem mannshohen Hanf-Labyrinth. "Das ist Nutzhanf, alles ganz legal, der THC, also der rauschbewirkende Bestandteil, liegt unter 0,02 Prozent", erklärt er. Genau diesen Grenzverlauf hatte man die ganze Zeit vor Augen, hin kommt man aber nur über das Gelände von "Schwarzhubers Abenteuerland" an der Enterstraße/Ecke Schwarzhuberweg.

Versteckt hinter Bäumen liegen die Ateliers einer Künstlergruppe

Dort verkauft der 36-jährige Landwirt zusammen mit Kompagnon Thomas Zaun seit Juli Eier, Kartoffeln und Nudeln aus eigener Herstellung und andere regionale Produkte. Seinen Hof hat Grünwald in Allach. Nebenbei haben die beiden ein ungewöhnliches Stück Land geschaffen. Geschnitzte Skulpturen aus alten Baumstämmen, Heuballentürme und -rutschen laden Kinder auf dem Naturspielplatz zum Toben und Klettern ein, während es sich die Erwachsenen im Schatten unter Sonnensegeln oder auf Decken gemütlich machen. Küche und Imbiss bestehen aus einem ausrangierten Schiffscontainer, verkleidet mit Holz. Im Hanf-Labyrinth hat Grünwald neun Stationen zum Entdecken aufgebaut, darunter ein Landwirtschaftsmuseum. Und wer will, kann auf einer Neun-Loch-Anlage gleich neben den Hühnern Fußballgolf spielen. "Als Landwirt muss man sich heutzutage einiges einfallen lassen, um zu überleben", sagt Alex Grünwald.

Dabei beginnt die eigentliche Kunstmeile schon ein Stück früher beim Ausgangspunkt der Tour am Fuß der Autobahnbrücke an der Müllerstadelstraße/Ecke Lippweg. Oder setzt sich, bezieht man die Eisenkapelle jenseits der Brücke mit ein, weiter fort. Im Dreieck zum Hadinger Weg liegen versteckt hinter Bäumen die Ateliers der Künstlergruppe "Bermuda", die an jenem Tag allerdings fest verschlossen sind und verwaist wirken. In diesem Gebiet hat der Grenzgänger die Linie zumindest im Blick, die mal links des Lippwegs, mal rechts der Enterstraße über Felder und Äcker verläuft, auch wenn er nicht auf ihr wandeln kann. Am Schwarzhuberweg ist damit allerdings Schluss. Dort führt die Stadtgrenze querfeldein stur nach Osten und dann nach Norden, sodass man sich in Karlsfeld über den Lärchenweg und zwischen den Ein- und Zweifamilienhäusern der Birkenstraße zum Grenzverlauf an der Eisolzrieder Straße und Eversbuschstraße zum S-Bahnhof Karlsfeld durchschlägt.

Auf der anderen Seite der Bahnunterführung kann man das neue Wohngebiet "Prinzenpark" auf dem ehemaligen Bayernwerkgelände nur erahnen, das der Gemeinde auf einen Schlag mehr als 1000 neue Einwohner brachte, und den Allachern und der Gerberau noch mehr Verkehr auf den ohnehin begrenzten Straßen im Stadtrandbezirk. Dort wirkt Karlsfeld städtischer als das noch ländliche Allach. In fußläufiger Nähe zur S-Bahnstation werden in Karlsfeld der Landkreis und die Stadt in naher Zukunft ihre zweite gemeinsame Schule betreiben: Zur schon lange bestehenden Verbandsgrundschule ist ein kollektives Gymnasium geplant.

In der Straße "Zum Schwabenbächl" beeindrucken nach wie vor die schönen alten Villen, bevor man über die Allacher Straße auf den Weg entlang des nördlichen Ufers am historischen Würmkanal eintaucht. Mächtige Baumkronen alter Bäume überschatten den Spazierweg, während das Wasser fröhlich vor sich hin plätschert. Die Stadtgrenze verläuft genau am anderen unpassierbaren Ufer, wo glänzende rote, gelbe und blaue Karosserien und das Weiß großer Hallen durch das dichte Blattwerk blitzen. Nahtlos erstreckt sich dort das gesamte Südufer entlang bis weit über die Dachauer Straße hinaus das Werksgelände des Lastwagenbauers MAN. Und wer nicht aufpasst, läuft glatt an ihm vorbei: dem Gilmer-, Hauser- oder Allacher Schlösschen der MAN, das hinter dem satten Sommergrün kaum zu erkennen ist. Erbauen ließ es um 1900 der millionenschwere Neuhauser Bauer "Hauser Lenz", um sich einen herrschaftlichen Sitz zu schaffen.

Klaus Herbrichs Skulpturen stehen in Norwegen, den USA und Paraguay

Urzeitliches birgt das ehemalige Klärwerk des Flugmotorenentwicklers und -bauers MTU linker Hand kurz vor der Unterführung an der Dachauer Straße. Dort hat der Karlsfelder Bildhauer Klaus Herbrich seit 25 Jahren seine Werkstatt. Tonnenschwere Steine bis aus Persien und China lagern auf dem Gelände, eine Ansammlung mehrerer Millionen Jahre Erdgeschichte. Für den in Tschechien geborenen Künstler spielen Grenzen keine Rolle, er ist sowohl in Münchner als auch Karlsfelder und Dachauer Künstlergruppen aktiv und zu Arbeitsaufenthalten, Symposien und Steinbrüchen unterwegs in der ganzen Welt. In Norwegen steht seine "Himmelstreppe", in den USA seine "Life-line" und in Paraguay schlicht die "Steinskulptur".

Eine Skulptur ganz anderer Art, die ihre eigene Geschichte erzählt, steht an der Steinernen Brücke, wo die Stadtgrenze vom südlichen Ufer des Würmkanals auf die nördliche Seite wechselt. Dort findet sich ein mit frischen Blumen geschmücktes Feldkreuz, das einst Johann Evangelist (1888-1969) als Dank für seine Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg 1918 vor seinem Hof errichten ließ. Als dieser, erbaut 1802, fast zwei Jahrhunderte später abgerissen wurde, versetzte man das Kreuz an den Würmkanal. Die zwei gläsernen Rundlingsbauten gegenüber sollten einst das Entree Karlsfelds werden, gehen in ihrer Unscheinbarkeit aber fast unter.

Grenznah betrachtet

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Der nördliche Uferweg ist bis auf ein paar wenige Ausnahmen das einzige Stück, auf dem man direkt auf der Stadtgrenze wandeln kann. Linker Hand erstreckt sich inmitten eines Wohngebiets ein Teich mit einer schönen Weide. Dem schließt sich das Karlsfelder Gewerbegebiet an, in so viel Grün eingebettet, dass es kaum als solches wahrnehmbar ist. Der Würmkanal ist dort allerdings auch Barriere für die Münchner jenseits und die Karlsfelder diesseits. Seit Jahr und Tag debattierten Gemeinde und Stadt über eine gemeinsame Fuß- und Radwegbrücke an der Berthold-Litzmann-Straße, die bis heute nicht zustandegekommen ist.

Das ist umso kurioser, weil die Splittersiedlung am Ende des Burgfriedens - kleine Häuschen auf wunderbaren Grundstücken - noch bis 1998 zur Stadt gehörte, aber komplett von ihr abgeschnitten war. Erst zum 1. Januar 1999 wurden die damals dort wohnenden 46 Münchner zu Landkreiseinwohnern, Münchner waren sie eh nur noch auf dem Papier. Ihren Lebensmittelpunkt hatten sie schon längst in Karlsfeld. Ihre Häuser hingen schon seit den 1970er-Jahre am Wassernetz der Gemeinde, und die eigenen Behörden waren für sie telefonisch nur mit der Vorwahl 089 zu erreichen. Heute machen sich Anlieger ein Vergnügen daraus, mit dem Schlauchboot auf dem Kanal herumzupaddeln.

Gestrüpp verhindert das, Weiterkommen und erzwingt einen Umweg

Eigentlich hatte man die Hoffnung, dem Grenzverlauf folgend am östlichen Rand der Siedlung und des Gewerbegebiets zum Naturschutzgebiet Schwarzhölzl zu kommen. Doch weit gefehlt. Also latscht man durch den Burgfrieden und das immer noch recht ruhig wirkende Gewerbegebiet gen Norden. Erst an der Dieselstraße eröffnet sich ein Feldweg entlang einer anderen Wohnsiedlung, der einen schnurstracks durchs Karlsfelder Wasserwerk zum Schwarzhölzl führt. Pure Einsamkeit.

Die Stadtgrenze am westlichen und nördlichen Saum des Niedermoorwalds vor Augen, wähnt man sich schon am Ende der Etappe. Doch an der Südwestecke versperrt Gestrüpp ein Weiterkommen und zwingt einen auf einen Trampelpfad weg von der Stadtgrenze nach Westen zur Schwarzhölzlsiedlung in Karlsfeld, von der aus man sich über den Josef-Koller-Weg wieder dem Gebiet und dem Bade-Idyll Mückenweiher nähern kann. Der Weg erinnert an den 2010 gestorbenen Karlsfelder Naturschützer Josef Koller, der sich den Erhalt des Naturschutzgebiets zur Lebensaufgabe gemacht hatte. Doch von hier aus scheitern alle Versuche, sich an den Grenzverlauf zu halten: Alle eingeschlagenen Wege und Pfade enden im Nichts vor Feldern oder Wiesen, bis man schließlich entnervt aufgibt und direkt durch den Mooskiefernwald zur Nahtstelle Am Bachrain geht. Ist sowieso der schönere Weg.

Alle weiteren Folgen der Serie "Hart an der Grenze" finden Sie hier.

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