bedeckt München
vgwortpixel

Coronavirus:Die Auszeit sehen viele als Freizeit

Warten, was kommt: die fast menschenleere Ortsmitte in Ottobrunn am Mittwochmittag.

(Foto: Claus Schunk)

Während das Leben im ganzen Landkreis zum Erliegen kommt, genießen viele Menschen im Freien einen Tag, wie es ihn so noch nie gegeben hat. Unterdessen steigt die Zahl der infizierten Einwohner auf 134.

Vielen ist offenbar auch am Mittwoch noch nicht der Ernst der Lage bewusst: Bei strahlendem Sonnenschein sitzen vor allem Senioren in Grüppchen in Cafés und vor Altenheimen, sind mit dem Rad unterwegs oder gehen zum Walken, während die Zahl der mit Sars-Cov-2 Infizierten im Landkreis München bis zum Nachmittag auf 115 steigt. Auch in Apotheken, Bäckereien und Postfilialen sind es gerade ältere Menschen, die sich schwer tun, Sicherheitsabstand einzuhalten. Dabei sind sie es, für die das Coronavirus besonders gefährlich ist. Aber auch Jüngere geben wenig auf die Warnungen von Gesundheitsexperten: In Unterföhring sitzen ein paar Mütter mit ihren Kleinen auf einer Picknickdecke vor einem gesperrten Spielplatz und in Unterhaching, wo der Landschaftspark voller Menschen ist, hockt eine Gruppe von einem Dutzend Jugendlicher zusammen. Leichtsinn? Gleichgültigkeit? Oder ein letzter Wunsch nach Freiheit, bevor das ganze öffentliche Leben stillsteht und es zu der verordneten Schließung von Läden, öffentlichen Einrichtungen und Behörden kommt und am Ende womöglich auch noch Ausgangssperren drohen wie in Nachbarländern?

Ganz andere Szenen in Unterhachings Ortsmitte. Die Frau hinter der Glasscheibe ruft: "Nein, nein, ich komme nicht raus." Auch das Schild neben der Tür ist nicht einladend: "Bitte erst läuten, damit wir mit Ihnen sprechen können." Etwa zehn Minuten später ist Alexandra Dattilo vom Copyshop "Repro Ruppert" dann doch draußen. Sie wollte sich nur nicht fotografieren lassen. Auch der Chef, sein Sohn und ein Azubi stehen schließlich vor dem Laden und erzählen, wie die Lage ist. "Ich habe Soforthilfe beantragt", sagt Peter Ruppert und zeigt das Antragsformular. Er hat drei Geschäfte: in Unterhaching, in Giesing und in Harlaching. Die beiden letzteren sind ganz geschlossen. Im Shop in Unterhaching bietet er jetzt einen besonderen Service an: Kunden können ihre Aufträge vor der Tür in eine graue Box werfen, sie werden dann im Laden vom Team erledigt. Aus einer zweiten kann man die fertigen Kopien herausholen, den Geldbetrag auf der Rechnung anschließend in den Briefkasten werfen.

Es gibt Speisen zum Mitnehmen und einen Lieferservice

Wie ausgestorben ist auch die Ottobrunner Ortsmitte, wo Antonio Persichella seit 22 Jahren sein Bistro hat. Das ist vollkommen leer, alle Geschäfte außer dem Schreibwarenladen und dem Friseur sind geschlossen. Sonst hat Antonio viele Stammgäste, die bei ihm ihre Mittagspause verbringen. Heute kommt nur eine junge Frau, die eine Pizza bestellt. Sie arbeitet beim Friseur nebenan. "In solchen Zeiten sieht man, wie unempathisch die Menschen sind", sagt sie zwischen zwei Bissen. Aber sie hat auch Verständnis. "Abstand kann ich von den Kunden kaum halten." In der Früh ist beim Ottobrunner Wochenmarkt dagegen noch viel los gewesen. "Doppelt so viele Kunden wie gewöhnlich" hatte der Betreiber des Metzgerstands. Alle hätten ordentlich Abstand gehalten.

Auch der Gemüse- und der Eiermann sprechen von "deutlich mehr Betrieb". Restaurants und Gaststätten in Unterföhring und Ismaning reagieren unterdessen auf die verordnete Kürzung ihrer Öffnungszeiten: Über Facebook bieten sie Speisen zum Mitnehmen an, manche richten auch einen Lieferservice an. Derweil sind nicht nur Atemmasken und Desinfektionsmittel kaum noch zu erhalten, sondern auch Fieberthermometer und das Schmerzmittel Paracetamol. In Apotheken herrscht Mangelware. Pro Kunde gibt etwa die Apotheke in Neukeferloh nur noch eine Packung mit zehn Tabletten aus.

Die Menschen drängen sich im Landschaftspark.

(Foto: Claus Schunk)

"Stopp kein Zutritt" - an der Eingangstür zum Seniorenheim in Höhenkirchen-Siegertsbrunn prangt ein Schild. "Kantine geschlossen", heißt es wenige Meter weiter im Infokasten der Firma Arcone, wo neben Mitarbeitern und Mietern sonst auch andere essen dürfen; besonders Rentner nutzen das Angebot gerne. Jetzt sind sogar einige der wenigen Parkplätze vor dem Haus frei. Gähnende Leere herrscht auch auf dem Parkplatz von Ikea in Brunnthal. Kein Mensch ist zu sehen, nur zwei, drei Leute in Dienstkleidung, die rauchen. Das Möbelhaus ist "bis auf Weiteres geschlossen", wie ein Schild an der Tür verrät. Wenige Meter weiter allerdings scheint das Leben wie immer zu sein: Der Baumarkt hat geöffnet, der Parkplatz ist voll.

"Bussis sind jetzt out."

Auch in Grünwald ist noch reichlich Leben. Auf der Straße begegnet einem der Grünwalder Wiesn-Wirt Peter Pongratz. "Ich gehe gerade zum Arzt für meine Vitamin-Infusion", sagt er entspannt. "Es ist, wie es ist", beurteilt er die Lage und findet: "Das sind eben alles Vorsichtsmaßnahmen. Klar, Bussis sind jetzt out, und das ist verständlich." Ob wohl die Wiesn stattfindet? "Falls nicht, ist das wohl Schicksal", sagt er. Für ihn ist das nicht mehr ganz so entscheidend - nächstes Jahr hört er auf. "Dann bin ich Pensionär." In der Grünwalder Schlosspassage sind noch viele Läden offen, vor allem Speiselokale wie das "Cardia", die Metzgerei Bauch, der Fischladen. Beim Restaurant "Leoli" am Rathausplatz mit seiner Sonnenterrasse säubert Mitarbeiter Mango gerade die Tische. Sie stehen jetzt eigens eineinhalb Meter auseinander. "Aber keine Gäste", fasst der Kellner die vergangenen Tage zusammen.

Kellner Mango wartet in Grünwald auf Gäste.

(Foto: Claus Schunk)

Während die einen die Einschränkungen des Alltags befolgen, die anderen ihre durch Firmenschließungen gewonnene freie Zeit scheinbar sorglos genießen, sieht Stefan Schraut, der Leiter der Polizeiinspektion Unterhaching, sich und seine Leute gut vorbereitet, die Einhaltung der Einschränkungen zu kontrollieren und mit sanftem Druck durchzusetzen. "Wir werden das überwachen", sagt er zu den verhängten Ladenschließungen. Auch achte die Polizei darauf, dass abgesperrte Spielplätze nicht genutzt würden. Die Inspektion erreichten vereinzelt Anrufe von Bürgern, die auf geöffnete Einrichtungen, spielende Kinder im Freien oder Menschen hinweisen, die trotz positivem Corona-Test draußen herumliefen. In diesen Fällen werden laut dem Polizeichef Streifen losgeschickt. "Wir lösen das kann kommunikativ", sagt Schraut. In letzter Konsequenz könne aber eine Anzeige ergehen.

Unterschleißheim schaltet eine Hotline

Auch die Ordnungsämter sind dafür verantwortlich, dass die Einschränkungen umgesetzt und eingehalten werden. In Unterschleißheim haben am Mittwochmorgen Mitarbeiter Schilder an Spiel- und Sportplätzen angebracht, wie Steven Ahlrep, der Sprecher der Stadt, erklärt. Sollten die Verbote nicht eingehalten werden, müsse darüber nachgedacht werden, Bereiche mit Absperrbändern abzuriegeln. Daneben wird in Unterschleißheim am Donnerstagmorgen eine Hotline freigeschaltet, unter der Bürger und Gewerbetreibende Informationen erhalten. Firmen werden angeschrieben und informiert, dass Gewerbesteuervorauszahlungen gestundet werden können. Während in Feldkirchen neuerdings auch eine Allgemeinarztpraxis Corona-Tests anbietet, hat in Grasbrunn eine Praxis geschlossen: Dort hat sich ein Mitarbeiter selbst infiziert.

Haar, Corona-Krise, Spielplatz, bereits heute geschlossen, Foto: Angelika Bardehle

Haar riegelt Spielplätze ab.

(Foto: Angelika Bardehle)

Nach den Rathäusern hat am Mittwoch auch das Landratsamt den Publikumsverkehr massiv eingeschränkt. Es gibt von sofort an keine regulären Öffnungszeiten mehr am Mariahilfplatz und in allen Außenstellen, persönliche Vorsprachen sind nur noch nach individueller Terminvereinbarung möglich. Wer in Quarantäne sei, dürfe zudem keine Behördengänge vornehmen. Wer sich krank fühle, solle ebenfalls darauf verzichten, bittet das Amt. In Unterschleißheim hat die FOS/BOS die Anmeldung für das Schuljahr 2020/21 bis einschließlich 23. März digital ermöglicht. Nähere Hinweise unter www.fosbos-ush.de.

© SZ vom 19.03.2020
Gesundheit in Bayern Zahl der Erkrankten steigt sprunghaft an

Newsblog zum Coronavirus im Landkreis München

Zahl der Erkrankten steigt sprunghaft an

Die Zahl der Patienten, bei denen der Erreger Sars-CoV-2 nachgewiesen ist, liegt bei 539. Alle Entwicklungen zum Coronavirus im Landkreis München im Newsblog.   Von SZ-Autoren

Zur SZ-Startseite