Armut:"Es funktioniert hinten und vorne nicht mehr"

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Armut: Die Kleidung der Kinder ist ein Gradmesser für die Armut von Familien, wie Erzieher Florian Dietrich bestätigt.

Die Kleidung der Kinder ist ein Gradmesser für die Armut von Familien, wie Erzieher Florian Dietrich bestätigt.

(Foto: Ute Grabowsky/imago images/photothek)

Energie-Krise und Inflation treffen sozial Benachteiligte besonders hart, aber auch immer mehr Menschen in der Mitte der Gesellschaft. Ein Diskussionsabend der Grünen in Unterhaching vermittelt einen Einblick.

Von Claudia Wessel, Unterhaching

Vor ein paar Tagen lautete die Schlagzeile einer Boulevardzeitung, dass die erste Wohnungsgenossenschaft einer Mieterin das Warmwasser abgestellt habe. Sofort meldeten sich bei Stefan Wallner panische Klienten, die Angst vor der Zukunft haben. Davon berichtet der Leiter der Wohnungsnotfallhilfe der Arbeiterwohlfahrt im Landkreis München am Donnerstagabend im Unterhachinger Rathaus. Dorthin haben die Grünen zu einer "Feierabend-Gesprächsrunde" mit dem Titel "Armut grenzt aus - was können wir gemeinsam tun?" eingeladen. Auf dem Podium sitzen neben Wallner der Kinderpfleger und Sozialpädagoge Florian Dietrich, Claudia Mammach von den Sozialen Diensten der Caritas und Eva Belm, die Konrektorin der Unterhachinger Grund- und Mittelschule. Im Publikum, aber für Fragen ansprechbar sind die Gemeinde- und Kreisrätin Evi Karbaumer und die Landtagsabgeordnete Claudia Köhler.

"Die Armutsgrenze liegt für eine Einzelperson bei 1126 Euro netto im Monat, für ein Paar mit zwei Kindern bei 2364 Euro netto", umreißt Moderatorin Johanna Zapf, zweite Bürgermeisterin in Unterhaching und frisch gewählte Vorsitzende des Grünen-Ortsverbands, zu Beginn den Rahmen. In Bayern sei jedes fünfte Kind von Armut betroffen, ergänzt Claudia Köhler. Dass auf Twitter der Hashtag #ichbinarmutsbetroffen trendet, überrascht den Leiter der Wohnungsnotfallhilfe daher nicht. "Viele Menschen sind unter Druck", berichtete Wallner. Nicht nur jene, die vor dem Verlust ihrer Wohnung stehen oder bereits wohnungslos sind, sondern auch viele, die ein Zuhause haben. "Wie soll ich denn im Winter heizen?", fragten sich viele Menschen. "Viele müssen das Schlafzimmer heizen, da sich sonst Schimmel bildet."

Armut: Stefan Wallner von der Wohnungsnotfallhilfe der Arbeiterwohlfahrt erlebt Frust und Panik unter seinen Klienten.

Stefan Wallner von der Wohnungsnotfallhilfe der Arbeiterwohlfahrt erlebt Frust und Panik unter seinen Klienten.

(Foto: Claus Schunk)
Armut: Unterhachings zweite Bürgermeisterin Johanna Zapf moderiert den Abend.

Unterhachings zweite Bürgermeisterin Johanna Zapf moderiert den Abend.

(Foto: Claus Schunk)

Wohnungsprobleme seien ohnehin nur die Spitze des Eisbergs, erklärte Wallner. Seinen Klienten eine Wohnung zur Verfügung zu stellen, würde in vielen Fällen - selbst wenn sich eine fände - keinesfalls reichen. Viele brächten eine lange, komplizierte Lebensgeschichte mit und hätten die aktuellen Probleme nicht ohne Grund. Solche Menschen versetzten Energiekrise und Preissteigerungen bei Lebensmittel zusätzlich in Angst und Schrecken. "Die Menschen befähigen, für sich selbst zu sorgen" - dieses Ziel der Wohnungsnotfallhilfe sei immer schwerer zu erreichen. "Wir haben viele Leute mit Frust", so Wallner.

"Arbeit schützt nicht mehr vor Armut", so die Erkenntnis bei der Caritas

Die Klienten der Beratungsstellen sind jedoch nicht mehr nur Menschen, die Sozialleistungen beziehen. "Seit Beginn der Corona-Krise vor zwei Jahren kommen neue Personen in unsere Beratung", schildert Claudia Mammach, Fachbereichsleiterin der Sozialen Dienste der Caritas in Haar. Diese Menschen hätten Arbeit, verdienten aber zu wenig. In den vergangenen zwei Jahren sei ihr Anteil unter den Ratsuchenden bei der Caritas von 4,8 auf zehn Prozent gestiegen. "Arbeit schützt nicht mehr vor Armut", beklagt Mammach. Auch sei der Beratungsbedarf insgesamt stark gestiegen, jüngst vor allem wegen der Inflation und Gas-Krise. "Das ist eine ganz dramatische Entwicklung."

Armut: Claudia Mammach, die Leiterin der sozialen Dienste der Caritas in Haar, erzählt von immer mehr Beratungsbedarf von Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können.

Claudia Mammach, die Leiterin der sozialen Dienste der Caritas in Haar, erzählt von immer mehr Beratungsbedarf von Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können.

(Foto: Claus Schunk)

Durch die inzwischen rund 5000 Ukrainer, die im Landkreis leben, habe sich die Zahl der Bedarfsgemeinschaften verdoppelt. Diese seien nun auch berechtigt, zu kostenlosen Lebensmittelausgaben wie den Tafeln zu kommen. Die Taufkirchner Tafel etwa versorge rund 180 Bedürftige. "Kürzlich standen aber weitere 200 Personen vor der Tür und wollten einen Ausweis." Das sei nicht mehr zu bewältigen, auch gebe es nicht genügend Lebensmittel, weil Supermärkte Nahrungsmittel, die am Ablaufdatum seien, günstig verkauften. "Es funktioniert hinten und vorne nicht mehr", sagte Mammach.

Bei der Klassenfahrt fährt fast die Hälfte der Kinder nicht mehr mit, erzählt die Lehrerin

Die Sozialen Dienste planen nun, die "Energie-Armut" in den Fokus ihrer Beratungen zu stellen. Gemeinsam mit ihren Klienten wollen sie überlegen, ob diese vielleicht schon jetzt ihre Abschlagszahlungen erhöhen und etwa beim Stromanbieter Guthaben aufbauen. Auch das Thema Stromsparen nehme in den Beratungen mehr Platz ein. Zwei Kühlschränke müssten nicht sein. Allerdings verbrauchten Arbeitslose, die den ganzen Tag zu Hause sind, eben mehr Strom als Berufstätige.

Armut: Eva Belm, die Konrektorin der Unterhachinger Grund-und Mittelschule, hat in ihrer Schule eine versteckte Armut festgestellt.

Eva Belm, die Konrektorin der Unterhachinger Grund-und Mittelschule, hat in ihrer Schule eine versteckte Armut festgestellt.

(Foto: Claus Schunk)

Dass die Armut sich oft versteckt, berichtet Konrektorin Eva Belm von Grund- und Mittelschule in Unterhaching. "Wenn eine Klasse eine Klassenfahrt macht, fahren im Durchschnitt von 20 Kindern elf mit." Warum sie nicht mitfahren, würden die anderen neun Kinder aber nicht sagen. Sie seien von klein auf gewohnt, auf vieles verzichten zu müssen und ihre Armut geheim zu halten. Wissen über die Armut der Schüler basiere daher mehr oder weniger auf Vermutungen. Auch wenn Kinder von ihrem Wochenende oder vom Urlaub berichten, kann man sich als Lehrer einen Reim machen. "Wenn die einen zwei Wochen in Dubai waren, die anderen aber nur im Hort."

Armut: Kinderpfleger und Sozialpädagoge Florian Dietrich fragt sich auch selbst, wie er mit Frau und Kindern noch in München überleben könnte angesichts seines kleinen Gehalts.

Kinderpfleger und Sozialpädagoge Florian Dietrich fragt sich auch selbst, wie er mit Frau und Kindern noch in München überleben könnte angesichts seines kleinen Gehalts.

(Foto: Claus Schunk)

Florian Dietrich weiß aus Kindergarten und Kinderkrippe Ähnliches zu berichten. Man könne natürlich aus den Brotzeiten, die die Kinder für den Nachmittag mitbekommen, manche Rückschlüsse ziehen, sagt der Erzieher. "Bei manchen ist einfach nur ein Milchbrötchen drin, bei anderen sorgsam geschnittene Karotten- und Gurkenstückchen und ein Brot." Auch an der Kleidung und am körperlichen Zustand der Kinder könne man einiges erkennen. So könnten nicht alle Eltern ihren Kindern für den Winter eine dickere Matschhose mitzugeben. Sollte er eines Tages selbst Kinder haben, hätte er möglicherweise ähnliche Probleme. "Wenn ich mir vorstelle, dass ich eine größere Wohnung bräuchte für Frau und Kinder." Das sei in München mit seinem Gehalt als Sozialpädagoge nicht zu machen. "Dann müsste ich wegziehen."

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