Konzertsaal-Debatte in München Klassik ist modern

Der Gasteig voller Kinder: Beim SZ-Familienkonzert mit Sprecher Rufus Beck und dem BR-Symphonieorchester war der Saal voll.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Immer mehr Menschen begeistern sich für klassische Musik. Die Umsätze der verkauften Tonträger steigen deutlich.
  • Klassische Konzerte und Opernaufführungen setzten im Jahr 2013 bundesweit mehr um als alle Pop-Konzerte.
  • Auch junge Leute begeistern sich für Klassik: Die intensive Nachwuchsarbeit vieler Orchester und Opernhäuser fällt in München offenbar auf fruchtbaren Boden.
Von Rita Argauer und Susanne Hermanski

Die Lage scheint eindeutig: Genügt es denn nicht, den Blick einmal über das Parkett in der Philharmonie, im Herkulessaal oder in der Oper schweifen zu lassen? Sitzen dort nicht all die weißhaarigen Herrschaften, die heimlich ihre Hörgeräte auf Empfang schalten, sobald der Maestro den Taktstock hebt? Und sehen die vielleicht aus wie "das Publikum von morgen"? Nein, es genügt selbst in diesem Fall nicht, sich auf den Schein zu verlassen. Auch wenn Horst Seehofer und Dieter Reiter als ein Hauptargument gegen den Bau eines zusätzlichen Konzertsaals für München anführen, dass das Publikum für klassische Konzerte in den nächsten Jahren "weniger" werde. Auch wenn die beiden Herren - selber grauhaarig - diese Art von biologischer Lösung ihres Planungsproblems zupass käme: Statistiken und Experten sprechen eine andere Sprache.

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Denn nach den Klassikfans und Politikern von heute kommt offenbar nicht die Sintflut, sondern vielmehr eine Flut neuer Veranstalter, neuer "Alter" und sogar jüngerer Musikfreunde. Das zumindest lässt sich den Zahlen der Musikindustrie entnehmen. Der Bundesverband der Musikindustrie schlüsselt zum Beispiel den Umsatz in den Teilmärkten seiner Branche fein säuberlich auf. Und während in den Bereichen der Popmusik die Umsätze von 2012 auf 2013 unisono geschrumpft sind, sind sie im Klassik-Segment in der selben Zeit gestiegen - von 85 Millionen auf 90 Millionen Euro an verkauften Tonträgern. Der Pop-Bereich nationaler und internationaler Interpreten zusammengerechnet erreicht nach Tonträgern immer noch das Zehnfache; doch in puncto Live-Konzerte sieht das Verhältnis ganz anders aus: Klassische Konzerte und Opernaufführungen setzten mit 712 Millionen Euro bundesweit im Jahr 2013 mehr um als alle Pop-Konzerte zusammen (675 Millionen).

Zahl der Klassik-Veranstaltungen ist rasant gestiegen

Zudem ist die Anzahl der Klassikveranstaltungen in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Maurice Lausberg, der mit seinem Institut zahlreiche deutschen Klassik-Institutionen wie die Bayerische Staatsoper oder die Semperoper in Dresden berät, gab jüngst in einem Branchenblatt zu Protokoll: "Alleine die Orchester spielen im Vergleich zu 2000 heute 47 Prozent mehr Konzerte." Die Anzahl der Besucher habe zwar nur wenig zugenommen. Aber immerhin "in den Jahren 2009 und 2010 um drei Prozent pro Jahr". Das in einer GfK-Studie beschriebene Umsatzplus von 16 Prozent pro Jahr von 2009 bis 2011 resultiere also "in erster Linie aus Preissteigerungen". Und wer diese Preise bezahlt, darauf gibt eine andere interessante Statistik Hinweise: Der Bundesverband Musikmarkt hat für das Jahr 2013 Zahlen veröffentlicht, denen zufolge die Umsatzverteilung von Musikfestivals nach Altersgruppen aufgeschlüsselt wird. Klassikfestivals werden demnach zwar zu 74 Prozent über die Einnahmen von Über-60-Jährigen finanziert. 21 Prozent aber fallen auf die Zehn- bis 19-Jährigen, die allerjüngsten Musikkonsumenten also. Im Pop sind dies zum Vergleich: 23 Prozent Zehn- bis 19-Jährige, im Segment Dance/Techno/House gar nur 13 Prozent.

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Der Schlüssel für diese Entwicklung mag in der intensiven Nachwuchsarbeit liegen, die viele Orchester und Opernhäuser in den vergangenen Jahren betrieben haben. In einer Stadt wie München mit ihrem wohlhabenden und in Teilen immer noch sehr bildungsbürgerlichem Publikum fällt diese wohl auf fruchtbaren Boden. Allein die Bayerische Staatsoper hat 2012 etwa 20 000 Schüler- und Studentenkarten verkauft. Sichtbar aber auch, wenn Musiker der Münchner Philharmoniker zusammen mit dem experimentellen Popmusiker Hauschka die Muffathalle komplett füllen.

Abonnements verkaufen sich prächtig

Die These, das Interesse an klassischen Konzerten sei rückläufig, bestätigt sich auch nicht in den Abonnement-Verkäufen: Schon als Mariss Jansons 2003 den Chefposten beim BR-Symphonieorchester übernahm, seien die Verkäufe leicht angestiegen, sagt Peter Meisel, der die Öffentlichkeitsarbeit der Münchner Philharmoniker von 1995 bis 2006 betreute und seit neun Jahren in gleicher Position beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist. Er hat bei beiden Orchestern die gleiche Beobachtung gemacht: In den vergangenen 20 Jahren stiegen die Abo-Verkäufe stetig an. 1995 hatten die Philharmoniker etwa 11 000 Abonnements verkauft, 2006 waren es schon 19 000. Die BR-Symphoniker konnten ihre Abonnenten-Zahl fast verdoppeln. Aus den 5000 zu Beginn der Jansons-Ära sind heute knapp 11 000 geworden. "Man muss dazu aber wissen, dass der Herkulessaal eine viel geringere Kapazität hat als die Philharmonie", sagt Meisel.

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Die Abo-Quote bei den Philharmonikern sei in den Neunzigerjahren zwar schon ähnlich gewesen wie heute, sagt Christian Beuke, der derzeit dort für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Doch sei eben nun das Angebot des Orchesters viel umfangreicher. Dass dieses erweiterte Angebot angenommen wird, spricht ebenfalls gegen den prophezeiten Publikumsrückgang. Eine ähnliche Beobachtung bezüglich der Abo-Nachfrage hat auch der private Veranstalter Andreas Schessl gemacht. Seine Agentur München Musik konnte in den vergangenen sechs Jahren sogar eine Verdreifachung der Abonnenten verzeichnen, derzeit sind es um die 7000 Menschen, die bei Schessl Konzertkarten über eine verpflichtende Zeitspanne hin kaufen. Für den Veranstalter hat dies nachvollziehbare Gründe: "München ist eine Zuzugsregion, da kann die Nachfrage sogar noch steigen."

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