SPD-Kandidat für München:Cool bleiben ist Reiters Wahlkampfmotto

Dieter Reiter im Rathaus in München, 2019

Dieter Reiter will eine weitere Amtszeit die Geschicke der Stadt leiten.

(Foto: Catherina Hess)

Die Umfragen sprechen für ihn und der Oberbürgermeister profitiert von seinem Amtsbonus. In den vergangenen Jahren hat sich Dieter Reiters Auftreten spürbar verändert - und trotzdem ist er authentisch geblieben.

Von Dominik Hutter

Die Atmosphäre, nun ja. An der Decke des bierzeltähnlichen Truderinger Festring-Stadls hängen Girlanden und weiß-blaue Banderolen. Die Leute sitzen an aufgereihten Biertischen unter Neonlicht, draußen wütet eine Art Mini-Schneesturm. Es riecht intensiv nach Steckerlfisch. Dieter Reiter ist angekündigt, der Oberbürgermeister und Oberbürgermeisterkandidat der SPD. Als er gemeinsam mit seiner Frau Petra den Saal betritt, fällt dies zunächst nicht weiter auf. Der Politiker schüttelt Hände und ratscht ein bisschen. Kurz darauf bemerkt ihn die Kapelle und stimmt einen Marsch an - in Bayern normalerweise das Zeichen zum triumphalen Durchstarten gen Bühne.

Reiter aber bleibt völlig ungerührt, geht erst einmal an die Bar und begrüßt die Leute vom Ausschank. Anschließend schlendert er ausgiebig durch die Biertischreihen, spricht mit diesem und jenem, lacht, trinkt einen Schluck Bier. Unnahbarkeit kann man ihm nicht vorwerfen, der leutselige Kontakt mit den Münchnern zählt zu Reiters großen Stärken. Hier aber mimt er schon fast den coolen Hund, als wolle er demonstrativ mitteilen: Defilieren überlasse ich den anderen, denen von der CSU. Ich plaudere lieber ein bisschen.

Die anschließende Rede zählt zu Reiters schwächeren: Es ist eine Aschermittwochsansprache am Ascherdonnerstag, und irgendwie springt trotz des typischen Reiter-Humors der Funke nicht recht über. Er lästert über das Erscheinungsbild der Bundes-SPD, über die alten CDU-Schlachtschiffe, die nach dem Vorsitz streben ("bei Merz müsste man eher Jacht sagen") und über den quietschbunten Wohlfühl-Wahlkampf der Münchner Grünen, in dem er konkrete Inhalte vermisst. Das Ganze wird garniert mit Reiter-typischen Stilmitteln: vielen Über- oder Untertreibungen, doppelten Verneinungen, ironischen Umschreibungen und immer mit bayerischem Unterton. Das wirkt unterhaltend. Meistens. Diesmal ist es fürs Publikum wohl zu mühsam, neben dem Zerlegen des Fischs noch ausdauernd zu klatschen.

Eigentlich wollte der 61-Jährige gar keinen klassischen Wahlkampf machen. Einfach weiter die Dienstpflichten als Rathaus-Chef erfüllen, lautete die selbstgestrickte Vorgabe. Keine Auftritte von großer Bühne herab, eine bestenfalls handverlesene Auswahl an Podiumsdiskussionen. So richtig geklappt hat das natürlich nicht. Auch ein Amtsinhaber kann sich nicht vom Wahlkampfgeschehen abschotten, und man hat ohnehin nicht den Eindruck, dass Reiter mit den Mechanismen politischer Werbung fremdelt. Er hat nun doch mehrere Redetrielle mit seinen beiden aussichtsreichsten Herausforderinnen im Kalender stehen, Veranstaltungen wie in Trudering laufen in Wahlkampfzeiten zwangsläufig unter der Rubrik Wahlkampf.

Seine Taktik ist deutlich erkennbar: Anders als 2014, damals war Reiter der Neuling auf großer politischer Bühne, kann der SPD-Mann nun mit seinem Amtsbonus wuchern. Mit Erfahrung und mit dem, was er aus sechs Jahren Rathaus vorzuweisen hat. Ein Münchner OB führt den Vorsitz im Stadtrat und ist darüber hinaus der Oberboss der Stadtverwaltung, also oberster Dienstherr von rund 35 000 Mitarbeitern. Da gewinnt man Erfahrung und Format. Reiter ist längst nicht mehr der gleiche wie vor sechs Jahren. Damals litt er unter dem Ruf, ein etwas blasser Verwaltungsmann zu sein, der erst noch Kante zeigen muss. Aus heutiger Sicht ist das kaum mehr vorstellbar. Reiter tritt stets souverän auf, und ein solches Selbstbewusstsein hilft dabei, humorvoll rüberzukommen. Und den Leuten nichts vorzumachen.

Beispiel Bürgersprechstunde: Reiter hat 2014 versprochen, ein Format der Nachkriegs-OB-Legende Thomas Wimmer wieder aufzunehmen. Seitdem tourt der gelernte Diplom-Verwaltungswirt durch die Turnhallen der Stadtviertel. Das Gespräch mit den Leuten - Reiter betont immer wieder, dass exakt dies für ihn Politik ausmache. Dass man mit den Leuten reden müsse. Und ihnen auch klarmachen, welche verschiedenen Interessenslagen auf einen Oberbürgermeister einprasseln. Reiter hat es schon oft erlebt, dass selbst anfangs recht feindselig gestimmte Bürger, die weiterhin von ihrem Balkon aus auf eine freie Hundewiese schauen können, Verständnis entwickeln für die Familie, die dringend eine Wohnung sucht.

Perspektivenwechsel einleiten, Interessenskonflikt darstellen - das ist Reiters Gesprächsphilosophie. Er scheut sich aber auch nicht, Fordernde abblitzen zu lassen, wenn ihm das Geforderte nicht passt. "Da kommen wir leider nicht zusammen", sagt er blitzfreundlich zu einer Dame, die bei einer Bürgersprechstunde im Neuhauser Adolf-Weber-Gymnasium mehr Rücksichtnahme auf Stadttauben und ein Verbot verglaster Hochhausfassaden anmahnt. Dem Herrn, der Parklizenzen für seine Mitarbeiter auf dem Rechtsweg erzwingen will, erklärt er lapidar, dass er mit dieser Forderung vermutlich recht alleine dasteht im Saal. Kurz zuvor hatten Anwohner das Zuparken ihrer Straßen durch Auswärtige beklagt. Reiter verfällt bei Bürgergesprächen gerne in einen kumpelhaften Ton, kann aber auch - bei offiziellen Anlässen - staatsmännisch auftreten oder ziemlich knatschig sein. Wenn ihm im Stadtrat oder in seiner Verwaltung etwas nicht passt oder zu lange dauert, bekommen die Verantwortlichen das deutlich zu spüren.

Dass Reiter einmal Politiker und dann sogar Oberbürgermeister wird, war keineswegs absehbar. Der mittlere dreier Brüder, in einfache Verhältnisse in Rain am Lech geboren, zog im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern nach München und fühlt sich seitdem in Sendling verwurzelt. Er schlug eine klassische Beamtenlaufbahn ein und leitete schließlich als Stellvertreter von Kämmerer Ernst Wolowicz das Kassen- und Steueramt der Stadt. 2009 wurde er Wirtschaftsreferent und nutzte geschickt seine damit verbundene Rolle als oberster Chef des Oktoberfests für öffentlichkeitswirksame Auftritte. Irgendwann dann war der damalige Oberbürgermeister Christian Ude am Telefon und fragte Reiter, ob er Interesse an seiner Nachfolge habe. Reiter setzte sich ziemlich deutlich durch. Zunächst gegen ein verwirrend unübersichtliches Kandidatenfeld. Dann noch auf einer Ochsentour durch die SPD-Ortsvereine gegen seine letzten Mitbewerber, den damaligen Fraktionschef Alexander Reissl und die damalige Sozialreferentin Brigitte Meier. Ein klassisches Parteigewächs war Reiter nie, eher ein politischer Quereinsteiger mit Senkrechtstart.

Das Verhältnis zu seinem Mentor Ude trübte sich später ein. Dem Vorgänger missfielen wohl die durchaus kritischen Anmerkungen Reiters zur Stadtpolitik. Reiter wiederum musste sich kurz nach seiner Wahl im Deutschen Theater von Ude vorwerfen lassen, er komme bei den Koalitionsverhandlungen nicht zu Potte. Die waren in der Tat langwierig, die politische Zersplitterung des Stadtrats macht die Partnersuche nicht einfacher. Und Reiter traute sich in seiner neuen Rolle noch nicht zu, das Spielchen mit den wechselnden Mehrheiten, also eine Minderheitsregierung, anzugehen. Heute wäre das anders, das sagt der OB ganz offen. Nach sechs Jahren traut er sich zu, bedarfsweise Unterstützer zu organisieren.

Hans-Sachs-Straße, ein Samstag: Reiter ist auf München-Tour, von SPD-Infostand zu SPD-Infostand. Er hat Rosen dabei und verteilt sie an Frauen, Kinder oder Männer, "ich bin voll für Gleichberechtigung". Die Rose dient als Eisbrecher und als kleines Souvenir auch für die, die gleich weitereilen wollen. Direkter Kontakt sei das beste Mittel gegen Politikverdrossenheit, sagt Reiter. Und findet, dass ein solches Vorgehen auch den Bundespolitikern in Berlin nicht schaden würde. Es geht um Probleme mit der Erbschaftssteuer, um Wohnungen, Verkehr oder einfach ums Grüß-Gott-Sagen. Dann schaut Reiter im nahen "Sax" vorbei, in dem gerade auf zwei Leinwänden Fußball läuft. Einmal kurz durch die Reihen, winken, am Tisch mit einem Löwen-Fan plaudern (Reiter ist für den FC Bayern). Der SPD-Politiker weiß um seine Favoritenrolle, alle Umfragen sprechen für ihn. Das hilft beim Coolbleiben.

© SZ vom 07.03.2020
Zur SZ-Startseite
Kommunalwahl 2020

Kommunalwahl 2020
:Die Münchner OB-Kandidaten im Überblick

Wer wird Chef oder Chefin im Rathaus der bayerischen Landeshauptstadt? Diese Anwärterinnen und Anwärter gehen ins Rennen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB