Barrierefreiheit:70 Mal vor verschlossenen Türen

Lesezeit: 4 min

Barrierefreiheit: Maximilian Dorner hat die Fotostrecke "Islands of Silence" gestartet.

Maximilian Dorner hat die Fotostrecke "Islands of Silence" gestartet.

Max Dorner sitzt im Rollstuhl - und immer wieder vor kaputten Aufzugtüren. Anstatt sich bloß darüber aufzuregen, hat er eine nachdenkliche und zugleich humorvolle Fotoserie gestartet.

Von Alex Rühle

Das Oktoberfest muss dieses Jahr leider ausfallen. Auf der Theresienwiese steht dann nämlich das Museum, das Max Dorner mit seiner Foto-Serie bespielt: "Ich hab' lang überlegt, wo ich die zeigen soll", sagt er und schaut auf den Aufzug, der direkt vor ihm gehalten hat, aber seine Tür nicht öffnet. Dorner schaut schweigend die Tür an, die Tür scheint stumm zurück zu starren. Dorner, fast bedauernd: "Wenn ich tatsächlich alle kaputten Münchner Aufzüge in all ihrer Schönheit in Originalgröße ausstellen will, brauch' ich leider das Wiesngelände. Wenn's überhaupt reicht."

"Islands of Silence" statt Oktoberfestlärm, Ausstellung statt Bierzelte. Eigentlich eine sehr reizvolle Idee. Leider wird natürlich nichts dergleichen passieren. Die Wiesn wird auch dieses Jahr stattfinden wie immer. Und Max Dorner wird mit seinem Rollstuhl auch im Oktober wieder regelmäßig vor kaputten Aufzügen stehen. So wie jetzt gerade: Rosenheimer Platz, Sperrengeschoss. Der Aufzug ist gekommen, aber die Tür geht nicht auf. "Rätselhafte Welt", sagt Dorner. "Gestern ging sie auf, aber dann nicht wieder zu. Heute geht sie nicht mal mehr auf. Ist das jetzt ein Fortschritt?" Er sagt so etwas mit beeindruckender Freundlichkeit, eher verwundert als empört. Dorner ist ohnehin mit einem wohltemperierten Wesen ausgestattet, stets wirkt er der Welt mit weichem Herzen zugetan. Insofern will es schon was heißen, wenn er sagt: "Es ist einfach demütigend. Jedes einzelne Mal."

Der Autor und Regisseur Max Dorner hat Multiple Sklerose, er sitzt seit acht Jahren im Rollstuhl. Er verantwortet im Kulturreferat den Bereich "Kunst und Inklusion" und kandidiert momentan für den Stadtrat. Nebenher hat er "Wheelchairs for Future" gegründet, "weil der Klimawandel die Schwachen am stärksten treffen wird", wie er sagt. Eigentlich braucht er für all das jede freie Minute. "Das Leben ist doch schwer genug. Da will ich mich nicht jeden Tag auch noch eine Stunde mit so einem frustrierenden Zeug rumschlagen und jedes Mal riesige Umwege fahren müssen."

So wie jetzt: Statt einfach zum Marienplatz zu fahren, muss Dorner in seinem Rollstuhl zurück, wieder runter zur S-Bahn, dann in die Gegenrichtung, zum Ostbahnhof raus, dort mit zwei Aufzügen zum anderen Gleis rüber - und dann kann er tatsächlich zum Marienplatz. Auf der Fahrt sagt er auf die Frage, was das frustrierendste Aufzugserlebnis für ihn war: "Oh, Qual der Wahl, da gibt's so viele ..."

70 solche Momente hat Dorner im vergangenen Jahr festgehalten. 70 Mal stand er in der wohlhabendsten Stadt Deutschlands in irgendwelchen Sperrengeschossen oder auf zugigen Bahnsteigen und war gefangen, weil der Aufzug kaputt war. Alle um ihn herum eilen zur Treppe oder lassen sich mit der Rolltreppe fahren, Dorner steht da und kommt nicht weiter. 70 Fotos hat er gemacht von diesen Sackgassenmomenten. Man kann die Zahl ruhig ein viertes Mal schreiben, vielleicht liest ja jemand von der MVG oder von der Bahn diesen Artikel. 70 Mal in einem Jahr. "Und das waren nur die Momente, wo ich genug Gelassenheit hatte, die Kamera rauszuholen."

"Kaputte Lifte verbinden unser Streben nach dem Höheren mit der Realität des Faktischen"

Der so intelligente wie souveräne Witz ist nun, dass Dorner in einer Art Notwehrreflex diese immer neue Demütigung auf seinen Fotos umgedeutet hat in Momente der gestalteten Ruhe. Islands of Silence eben, Inseln der Stille. All die Leute, die dringend angewiesen wären auf funktionierende Aufzüge und eigentlich frustriert, hilflos und wütend vor verschlossenen Türen implodieren, sind auf seinen Fotos "vereint in stiller Bewunderung: Mütter mit Kinderwagen, ältere Menschen mit Rollatoren, Rollstuhlfahrer aus aller Herren Länder - Monumental, beeindruckend. Wie eine Dame in Rot" - so steht es auf Dorners Webseite.

Die Bilder, die er regelmäßig auf Facebook hochlädt, sind mit ihren Kommentaren so witzig, dass schon manche Freunde schrieben, wann denn endlich wieder ein Aufzug kaputt sei, sie wollen mehr Bilder. Bilder, auf denen einfach ein weiterer dunkler Aufzugsschacht zu sehen ist und dazu dann Sätze wie: "Vor einem kaputten Lift zu stehen vermittelt einem das Gefühl, sich vor dem Allerheiligsten aufzuhalten. Es ist unerreichbar, und doch so nah, es ist die Verbindung von Diesseitigkeit und der Schwere der Erde." Oder: "Kaputte Lifte verbinden unser Streben nach dem Höheren mit der Realität des Faktischen."

Barrierefreiheit: Max Dorner sitzt seit acht Jahren im Rollstuhl.

Max Dorner sitzt seit acht Jahren im Rollstuhl.

(Foto: Schneider Photography)

Als Dorner an diesem Tag auf seiner kleinen Odyssee schließlich am Marienplatz ankommt, ist auch hier einer der Aufzüge kaputt. Oh, Landeshauptstadt München, Du peinliche Wurst. Und oh Bundesbahn, fahr zur Hölle. Am besten in einem Deiner kaputten Aufzüge, wo die Fahrt quälend lang dauert und Du Dir mal im beißenden Urindunst Gedanken machen kannst über Dinge wie Fairness, Inklusion, Verantwortung. "Ach", sagt Dorner, "weil wir gerade von der Bundesbahn sprechen. Da fällt mir doch der frustrierendste Moment ein." Letztes Jahr, am Ostbahnhof. Im Januar. Der Lift war kaputt. Am Marienplatz ebenfalls. Rosenheimer Platz dito. Am Isartor gibt's ja sowieso keinen. Leuchtenbergring ebenfalls nicht. "Es waren also fünf S-Bahn-Stationen in Folge nicht mit dem Rollstuhl erreichbar. Ich steh da im Schneetreiben, ruf die Störstelle an und der Mann am anderen Ende der Leitung sagt seelenruhig: ,Mei, steings halt am Stachus zu.' Das war schon so eine Art Tiefpunkt."

Am 15. März ist Kommunalwahl. Dorner kandidiert für die Grünen. Im Grunde will er im Stadtrat seine jetzige Inklusions-Arbeit inhaltlich fortführen. "In der Arbeit für das Kulturreferat erleb ich das ja immer und immer wieder, dass mir andere erklären, wie man's machen muss. Ob Obdachlose, geistig behindert, Rollstuhlfahrer, wir wissen alle überhaupt nicht, was wir brauchen und was uns gut täte, das wissen prinzipiell nur die, die nicht davon betroffen sind."

Und? Was will er tun, wenn er es tatsächlich in den Stadtrat schafft? "Ich will in den Aufsichtsrat der MVG. Ich freu mich so auf den Moment, wenn die Tür aufgeht, ich roll da rein und sie wissen alle, dass sie mir ab sofort nicht mehr mit ihren schmarrigen Vandalismusausreden kommen können. Kaputte Türen haben in den allerseltensten Fällen was mit Vandalismus zu tun und in den allermeisten Fällen mit Inkompetenz, schlechter Technik, Schlendrian. Na ja, und dann bin ich im Aufsichtsrat, alles wird rundum gut, sämtliche Aufzüge fahren geschmeidig rauf und runter und München ist die schönste Stadt der Welt."

Max Dorner lächelt sein sanftes Lächeln und rollt davon. Bisher sind seine Bilder nur auf seiner Facebookseite zu sehen. Aber er plant fest, eines Tages eine Ausstellung daraus zu machen. Oktoberfest, nimm dich in Acht!

Zur SZ-Startseite
Paul Bickelbacher sitzt im Rollstuhl und testet gemeinsam mit einer weiteren Rollstuhlfahrerin, wie barrierefrei München ist. Die beiden versuchen, im Rollstuhl über einen Bordstein zu fahren.

Barrierefreiheit
:Zwölf Forderungen für mehr Inklusion

Wie kann die Situation für Menschen mit Behinderung verbessert werden? Der Behindertenbeirat macht konkrete Vorschläge und übt Kritik. Dass zum Beispiel Aufzüge an U-Bahn-Stationen monatelang ausfallen, sei nicht hinnehmbar.

Lesen Sie mehr zum Thema