Das ist schön:Die Rolle seines Lebens

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Das ist schön: Johnny Depp bei seinem Auftritt im englischen Gateshead am 2. Juni 2022.

Johnny Depp bei seinem Auftritt im englischen Gateshead am 2. Juni 2022.

(Foto: Lianne Templeman/Reuters)

Johnny Depp tritt in München auf. Eine Glosse über die Träume eines Musikers, der nur Schauspieler wurde.

Von Karl Forster, München

Es lebte in den Siebzigerjahren in Miramar, einem Vorort von Miami, ein junger Bub, der seinen Eltern viele Sorgen machte, weil er ein rechter Rotzlöffel war. Erst als er, da war er gerade zwölf geworden, eine Gitarre geschenkt bekam, begann für ihn ein Leben auch jenseits von Einbruchdiebstählen, Drogen und Straßenprügeleien. Statt dessen gründete er eine Band: The Flame, später umbenannt in The Kids. Und brachte es damit in Florida zu lokalem Ruhm, zum Beispiel als Vorband für immerhin Iggy Pop oder die Talking Heads. Das aber war dem Jungen aus Miramar zu wenig. Johnny Depp wollte ein Rockstar werden und zog nach Los Angeles. Er wurde aber nur Schauspieler.

Es war die Zeit, als sich in Hollywood eine wunderbare Symbiose zwischen Film und Musik zu entwickeln begann. Nicht mit Filmmusik, sondern mit Musik und Musikern als Hauptdarsteller. Ein Trend, der bis heute ungebrochen ist und von Musiker darstellenden Schauspielern ungeheures Können verlangt, man denke nur an "Rocketman", "Bohemian Rapsodie" oder Joaquin Phoenix in "Walk The Line", der sogar den leicht schiefen Mund von Johnny Cash von Anfang bis Ende durchzieht. Die extremste Leistung als einen Musiker spielenden Schauspieler lieferte vielleicht Philip Seymour Hoffman in "Saiten des Lebens". Er, der im echten Leben eigentlich Ringer werden wollte, gibt hier den zweiten Geiger eines berühmten Streichquartetts. Wenn man sieht, mit welcher Intensität Hoffman, der Geige nie gelernt, aber seinen Part in allen Lagen der Geige bei Beethovens cis-Moll-Quartett mit Klang und Gefühl erfüllt, weiß: Das ist der Gipfel der Schauspielkunst (und des Kameramanns).

Eine unerreichte Leistung. Bis Johnny Depp beschloss, sein Leben endlich abzurunden. Er hatte zwar zwischendurch immer wieder mal auf Musikbühnen gestanden, für den Oliver-Stone-Film "The Doors" war er gar als Jim Morrison im Gespräch, doch die Rolle bekam dann Val Kilmer. Johnny Depp, dem über Jahre hin bestbezahlten Actor Hollywoods, dem zigfach ausgezeichneten (allerdings Oscar-losen) Filmstar, fehlte die entscheidende Rolle des Lebens: nein, nicht die als Richard Burtons Nachfolger in "Wer hat Angst vor Virginia Wolf", was aus aktuellem Anlass auch nahe läge, sondern als Gitarre spielende und singende Rampensau. Weil's im Leben nicht so recht klappen wollte, spielt er nun sich selbst in seinem Lebenstraum Rockstar (als Sidekick dient ihm Gitarrenweltstar Jeff Beck). Das ist ungefähr so, als hätte Mozart lieber Schauspieler werden wollen und deswegen in "Amadeus" die Rolle von Tom Hulce übernommen. Und wer die ersten Videos aus Londons legendärer Royal Albert Hall anschaut, der sieht in der Tat: Johnny Depp spielt hier die Rolle seines Lebens.

Dass er in dieser Rolle nun am 13. Juli auch in München auf Tollwood auftritt, ist nicht nur schön, sondern außerordentlich schön.

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