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Islamhasser Michael Stürzenberger:Die Fragen nach den Nazis mag er nicht

Das ist einer der Widersprüche des Michael Stürzenberger. Der andere, wesentlich bedeutendere, ist sein Umgang mit Rechtsextremen. Auch beim zweiten Bagida-Treff sind Dutzende Neonazis dabei, das Who is Who der ganz rechten Szene. Und Stürzenberger? Er mag die Fragen nach den Nazis gar nicht. Als diverse rechtsextreme Gruppen zur ersten Bagida-Demo mobilisierten, erklärte er, davon nichts zu wissen.

Als die Polizei dann 200 Rechtsextreme zählte, beteuerte er, keine gesehen zu haben. Diesen Montag sprach er von "sieben, acht" Nazis, deren Bedeutung von der "Lügenpresse" aufgebauscht worden sei. Stürzenbergers Wahrheit geht so: "Wir sind ausländerfreundlich." Als er dies sagt, stehen wieder Dutzende polizeibekannte Nazis vor ihm in der Menge.

"Allen extremen Kräften erteilen wir eine Absage", sagt Stürzenberger ins Mikrofon, egal ob links oder rechts oder religiös. "Die haben bei uns nichts verloren und sind auch nicht willkommen." Was eindeutig klingt, wirkt sich bislang nicht auf die Bagida-Praxis aus: Die Nazis bleiben stehen, die Nazis marschieren mit zum Stachus, die Nazis brüllen Stürzenberger nach. Nazis fühlen sich wohl in Stürzenbergers "Volk".

Der Verfassungsschutz stuft ihn als Extremisten ein

"Hinter Bagida steht kein einziger Nazi", betont Stürzenberger tags darauf. "Die laufen mit, das ist aber auch alles. Ich kenne diese sogenannten Nazis gar nicht." Weiß er wirklich nicht, wer ihm hinterherläuft? Dass etwa ein Mitglied des bayerischen NPD-Vorstands das große Transparent des Islamhasser-Blogs "Politically Incorrect" trug, jenes Blogs, für den Stürzenberger so fleißig schreibt? Entspricht die Ahnungslosigkeit der Wahrheit, sie wäre ein Armutszeugnis für den Politiker Stürzenberger. Ist die Ahnungslosigkeit nur gespielt, es wäre ein Spiel mit dem Feuer, an dem sich "das Volk" schnell verbrennen kann.

Wenn Stürzenberger sagt, er wolle keine Extremisten bei Bagida, erklärt er sich, gemäß offizieller Lesart, selbst zur unerwünschten Person. Der bayerische Verfassungsschutz stuft ihn als Extremisten ein und hat gar eine eigene Kategorie für ihn und den engsten Kreis seiner Mitläufer aufgemacht: islamfeindliche Extremisten. Dagegen kämpft Stürzenberger vor Gericht, und betont zugleich immer wieder, dass er, ganz offiziell, ja kein Rechtsextremist sei.

Ein Rechtsextremer aber ist es, der im Stadtrat die Fahne der Islamhasser hochhält. Karl Richter von der Bürgerinitiative Ausländerstopp, der sich 2008 mit dem Hitlergruß im Stadtrat einführte, redet im Rathaus über den Islam, wie es Stürzenberger nicht abfälliger könnte. Stürzenberger dankt mit Lob: "Der letzte aufrechte Mohikaner im Saal" sei Richter. Grenzt man sich so nach ganz rechts ab?

Mit einem Kleinbus zur "Hogesa"-Kundgebung

Und als neulich "Hogesa", die sehr rechten und gewaltbereiten "Hooligans gegen Salafisten", für eine Kundgebung in Hannover mobilisierten, reiste Stürzenberger in einem Kleinbus voller Gleichgesinnter an und sprach von der Bühne aus zu diesem Teil des Bürgertums - kurz nach den Hogesa-Gewaltausbrüchen in Köln.

Stürzenberger fährt Hogesa hinterher, ihm wiederum laufen Neonazis nach - und zugleich ist in seinen Reden der Nationalsozialismus Maßstab für das Böse. Er stellt den Islam auf eine Stufe mit dem Nationalsozialismus, beide hätte die "gleichen ideologischen Gesetzmäßigkeiten", Islam sei "Faschismus in religiösem Gewand". Daraus leitet er das Recht ab, den Islam zu bekämpfen. "Wollt ihr Faschismus in Deutschland?" ruft er am Stachus. "Nein!", ist die Antwort. "Islam bedeutet Unterwerfung. Wollt ihr unterworfen werden?" - "Nein!" Die neuen Nationalsozialisten brüllen mit.

Stürzenberger verkauft sich gerne als Widerstandskämpfer. Deshalb, sagt er, habe er die "Weiße Rose" wiederbegründet. Ist das provokant? Ist das peinlich? Dem Agitator ist das egal.

Stürzenberger am Stachus, berauscht von sich selbst: "Wir sind das Volk!" Die Bagida-Masse: "Wir sind das Volk!" Das Volk soll wiederkommen, Montag für Montag, "bis wir 30 000 sind", bis die Presse die Wahrheit schreibe. "Danke, München!"

Über den Humor und die Symbolik der Bagida

"Wenn ihr das Volk seid, bin ich der Volker", hat einer auf sein Plakat geschrieben, das er den Bagida-Sympathisanten entgegenreckt. Auf deren Seite der Absperrung ist dieser Humor nicht so oft anzutreffen - das hat der Aufmarsch am Montagabend gezeigt. Obwohl: Wenn der Michael Mittermeier oder der Willy Astor drüben reden - gegen Bagida -, dann rückt so mancher Bagida-Mitstreiter näher an die rot-weiße Absperrung, um besser zu hören. Das ist ziemlich kreativ, was die Kreativen auf der anderen Seite da abliefern.

Gut, Humor und Kreativität wird den 150 Neonazis auf der Bagida-Seite in der Regel eh' nicht nachgesagt. Aber die anderen 950? Die seien phantasievoll, das findet Bagida-Initiatorin Birgit Weißmann. Man müsse doch nur mal die tollen Sprüche auf den kreativen Plakaten lesen. Die freilich sind kurz zuvor zentral ausgegeben worden. Noch kreativer sind die Plakate, die einzelne Bagida-Demonstranten selbst gemalt haben. Darauf steht dann zum Beispiel: "Koran lesen", "Islam = Friedhof", "Putin, hilf uns und rette uns" oder "Muslime jetzt taufen lassen, das ist das Bekenntnis, was ihr zeigen solltet statt Showveranstaltungen". Man weiß eben, was man will.

Bemerkenswert ist auch, was bei Bagida an Fahnen zu sehen ist: etwa die Stauffenberg-Flagge, die schon in der Vorwoche über den Köpfen der Bagida-Sympathisanten wehte. Schaut aus wie die norwegische, ist aber schwarz und rot und gelb. Islamgegner und andere Rechte mögen sie neuerdings, weil sie irgendwie nordisch und christlich aussieht. Und weil die Bagida-Anhänger schon vergangene Woche via Facebook ermahnt worden sind, schwarzweißrote Flaggen zu Hause zu lassen. Zu sehen sind ansonsten die Flaggen von Deutschland, Israel (der Träger ist kein Jude, kein Israeli - vielleicht würde er sonst nicht neben einem Menschen marschieren, der Putin zu Hilfe ruft gegen die israelische Regierung), irgendetwas, was niemand kennt ("Costa Rica?", fragt jemand), noch mal Israel, allerdings mit rotem Streifen, Brasilien, außerdem ein Symbol, das entfernt an das Raumschiff Enterprise erinnert. Bagida ist weltläufig. Und natürlich haben die "Bayern gegen die Islamisierung des Abendlandes" auch bayerische Fahnen dabei. Eigentlich vielversprechend für den Schluss der Demo, bei dem ein Lied erklingt: "Gott mit dir, du Land der Bayern . . ." Die Bayernhymne. Doch hier, bei Bagida, singt niemand mit. Martin Bernstein

© SZ vom 21.01.2015/sekr

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