Internationale Handwerksmesse Von der Walz bis zum Weltall

Martin Schlimbach baut E-Bikes aus entwurzelten Bäumen.

(Foto: Catherina Hess)

Mehr als 1000 Aussteller aus verschiedenen Handwerksberufen präsentieren sich auf dem Messegelände in Riem. Im Mittelpunkt stehen die Zukunftstechniken.

Von Karl Forster

Ups! Das wäre beinahe schief gegangen. Im Ernstfall hätte der Hobbyastronaut jetzt mindestens das Sonnensegel der Raumstation ISS demoliert, im schlimmsten Fall wäre die Verbindung zur Station abgerissen und man flöge wie einst George Clooney im Film "Gravity" losgelöst durchs All. So aber steht der Astronaut wieder in der Halle C2 des Münchner Messegeländes und gibt nach dem Ausstieg aus der ISS in 400 Kilometer Höhe die Virtual-Reality-Brille dem freundlichen Mitarbeiter der Astro- und Feinwerktechnik Adlershof aus Berlin zurück.

Über deren Stand hängt ein Plakat mit dem Schriftzug: "Ist das noch Handwerk?" Hat also, so die rhetorische Frage, diese Firma auf der Internationalen Handwerksmesse (IHM) überhaupt was zu suchen? Sie hat. Denn Handwerk ist längst auch im Weltall zu Hause. Sonst hätte die Firma nicht 2012 schon den Space Spin-Off Award der Raumfahrtbehörde Esa gewonnen.

Handwerk

Ein E-Bike aus einem entwurzelten Nussbaum

Vor dem Messeeingang gibt man sich allerdings noch bodenständiger. "Das Handwerk, die Wirtschaftsmacht von nebenan" steht auf einem mächtigen blauen Bullen geschrieben, der Bulle als solcher ist schließlich das Börsensymbol für positives Denken und steigende Kurse. Und so soll Optimismus die Messehallen durchwehen und die gut tausend Handwerksvertreter von AA Gold (ein "Zero Waste Fashion Lab") aus München bis zur SW Umwelttechnik aus Klagenfurt positiv inspirieren und Optimismus auf die Besucher übertragen.

Denn der Kunde, also der, der auf den Handwerker angewiesen ist, hat ja manchmal durchaus Grund, übers Handwerk als solches die Nase zu rümpfen. Nur ein Beispiel: Heizkörper tropft. Anruf beim Installateur. Termin in drei Wochen. Installateur kommt. "Da tropft nix." Ist aber Wasser im Eimer. "Ja. Aber da tropft nix." Muss aber. "Schaumermal." Beide schauen mal. "Ah! Da tropft's! Die Schraube da unten." Wird ausgewechselt. Die Rechnung entspricht einem Abendessen im Sternerestaurant. Heizkörper tropft wieder.

So was kommt auf der IHM nicht vor. Da wird in acht Hallen - "Garten München" inklusive - coram publico gehämmert, gesägt, genäht und geschraubt, dass es eine Freude ist. Und es vereint sich Vergangenheit mit Zukunft, zum Beispiel die gute alte Seidenraupe, hier in Halle B1 in Monstergröße gestaltet von einem Computer als "Cyber-physisches System". Überhaupt die Halle B1: dem Kunsthandwerk gewidmet und doch mit so viel mehr bestückt als nur mit Schnitzerhandwerk aus Oberammergau und Garmisch samt ihren Kreuzen in hundert Variationen oder aus Südtirol mit kleinen, gar grausig kitschigen Moriskentänzern. Das Schachspiel "in Gold und Silber" zum Beispiel unter der Rubrik "Gestaltung im Metallhandwerk" ist ein echtes Schmuckstück, entworfen von dem Metalldesigner Sascha Kusenberg, der damit einen Bundesdesignpreis einheimsen konnte - fast zu schön, um damit zu spielen.

Oder der Teppichwebstuhl von Katja Stelz aus Palingen in Mecklenburg-Vorpommern. Die "Handweberin aus Leidenschaft" entwirft mit dieser uralten Kunst moderne, lineare Strukturen für ihre Teppiche, Decken und Tücher von dezenter Zeitlosigkeit und aus Materialien, wie sie seit jeher verwendet werden: Wolle, Kammgarn, Ziegenhaar.

Ein paar Meter weiter sitzt Sandro Dühnforth auf dem Tisch und nestelt an der Naht einer Anzugsweste. Der Herrenschneidermeister aus Hamburg repräsentiert nicht nur eine ständig wachsende Vereinigung seines Berufsstandes in der Hansestadt, sondern schwärmt auch von den Aussichten für seine Azubis, weil zwar an Nachwuchs kein Mangel herrsche, sich aber kaum noch Gesellen fänden. Jeder will da Meister werden. "Ich schalte seit zwei Jahren keine Werbung, weil meine Auftragsbücher voll sind", sagt er fröhlich und gibt kund, ein Anzug bei ihm sei schon von 3000 Euro an aufwärts zu haben. Das sei immerhin nur knapp die Hälfte der Preise von der Konkurrenz in der Londoner Savile Row, wie er, so die Auskunft, unlängst in der SZ gelesen habe.