Initiativen für Europa Viele machen bei mehr als einer Bewegung mit

Bevor sie über die Schengener Abkommen, mit dem die Grenzkontrollen abgeschafft wurden, diskutieren können, müssen die sechs Mitglieder aber erst einmal über die neuen Ersatzdelegierten abstimmen. In einer Woche ist bayerische Landesversammlung in Augsburg - am gleichen Wochenende hält die AfD dort ihren Parteitag ab. Stöhnen am Tisch. Auch, weil sie noch mehr Delegierte brauchen, um ihre vollen Stimmenrechte nutzen zu können.

Auf dem Papier sind sie 120 Leute in München, von denen machen nur noch um die 20 mit, also wird der Neue am Tisch gleich verpflichtet. Fünf Hände gehen in die Luft, es unterschreiben der Wahlleiter, der Schriftführer, der Vorsitzende. "Jetzt ist Volt noch progressiv, aber in ein bis zwei Jahren wird der klassische Verwaltungskram sie auch erreichen", sagt Stamou und sieht dabei so aus, als freute er sich auf diesen Tag ein bisschen.

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Er hat lange in Griechenland gelebt, arbeitet heute als Berater. Seine Vorstandskollegin Isabella Amann, 29, ist Projektmanagerin im IT-Bereich. Sie sagt: "Ich finde es besser, etwas zu machen als gleich zu sagen, ich kann nichts ausrichten." Die anderen am Tisch: ein Jurastudent, ein Berater aus der Stahlbranche, noch ein Berater, ein Doktorand der Geschichte. "Du findest in all den Bewegungen leider kaum jemanden, der einen Hauptschulabschluss oder eine Ausbildung gemacht hat", sagt Stamou. Und dass er damit vielleicht recht hat, merkt man daran, dass man im Münchner Europa immer wieder dieselben Leute trifft. Viele machen nicht nur bei einer Bewegung mit, sondern gleich bei zwei oder drei.

Thomas Ciarán Zschocke zum Beispiel verteilt an einem Abend Flyer für Volt, leitet aber gleichzeitig das Alliance Europa City Team. Die Sonne knallt, er klickt die dunklen Gläser auf seine Brille und sagt, mit dem Team wolle er die verschiedenen Bewegungen vernetzen. An diesem Samstag werden alle gemeinsam den "March for a new Europe" veranstalten - "und ich weiß nicht, ob Volt und Pulse of Europe vorher schon einmal zusammen an einem Tisch saßen".

Das ist das Verrückte. Da sind sehr viele Menschen, die sich für ein starkes, engeres Europa einsetzen. Aber sie tun es in verschiedenen Gruppen.

DiEM25, kurz für Democracy in Europe Movement 2025, grenzt sich vielleicht am stärksten von den anderen ab. Der frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis hat DiEM vor zwei Jahren gegründet, und als er jüngst in der Ludwig-Maximilians-Universität sprach, saß im Publikum Fabian Kors, 24. Er ist Mitglied bei den Jusos, aber auch bei DiEM und trifft sich gerade mit zwei Kolleginnen auf der Terrasse des Eine-Welt-Hauses.

"Wir sind radikaler als Volt, aber nicht so radikal wie die Linke, die uns vorwirft, dass wir den Kapitalismus unterstützen." Kors ist Wirtschaftsinformatiker, die eine Kollegin am Tisch arbeitet als Erzieherin, die andere bei einer Zeitarbeitsfirma. Es gibt in München also doch noch Treffen für Europa, bei denen Akademiker nicht unter sich bleiben.

Kors und die anderen wollen Europa "demokratisieren", mit mehr direkten Abstimmungen, mehr öffentlichen Sitzungen. Aber die Europäische Union sei doch, bei aller Kritik, demokratisch? "Nicht genug." Auf lange Sicht wolle man auch den Kapitalismus abschaffen, sagt Kors. DiEM will zur Europawahl antreten, in manchen Ländern kooperiert man mit bestehenden Parteien, in anderen gründen sich Wahlflügel, wie in Deutschland. Die meisten der 9000 deutschen Mitglieder leben in Berlin, in München sind sie bisher zehn. Aber da seien ja noch die anderen Bewegungen. Kors sagt: "Wir schauen eher auf die Gemeinsamkeiten als auf die Unterschiede."

Am Samstag wird er sich mit den anderen um 11.45 Uhr am Siegestor treffen, auch wenn manches sie trennt. An dem Tag, an dem Großbritannien vor zwei Jahren beschloss, die EU zu verlassen, werden Fabian Kors, Thomas Ciarán Zschocke, Isabella Amann, Nicolas Stamou und Belle Heiss die blauen Fahnen erst recht in den Himmel halten.

Noch nie war so klar, welche Kraft die europäische Idee entwickelt hat: Da ist jetzt eine neue Generation, die sich als Europäerin und als Europäer versteht und sich dafür einsetzt. Und damit ist sie im Kopf vielleicht viel weiter als die EU selbst.

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