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Ingolstadt:Deutsches Museum bangt nach Brand um wertvolle Exponate

Zwar haben die Museumsstücke wie durch ein Wunder überlebt. Doch der Schmierfilm aus Ruß, Löschwasser und Chemikalien frisst sich von Tag zu Tag tiefer in die Oberflächen, wie bei der Borgward-Limousine von 1960 zu sehen ist.

(Foto: Deutsches Museum)
  • Vor fünf Wochen hat es in einer Ingolstädter Lagerhalle gebrannt, die das Deutsche Museum als Depot nutzt.
  • Durch einen Schmutzfilm aus Ruß, Chemikalien und Kondenswasser nehmen die Exponate immer größeren Schaden.
  • Etwa 8000 von ihnen wurden durch den Brand beschädigt.

Der Anblick ist bedrückend. In der Lagerhalle klafft ein riesiges Loch. Wo Fenster waren, stecken nur noch Glassplitter in den Rahmen, Stahlträger ragen aus den Wänden, verkohlte Paletten liegen übereinander. Andreas Geiger, Leiter des Sammlungsmanagements des Deutschen Museums, nimmt die Taschenlampe und macht sich auf den Weg ins Innere. Beißender Rußgeruch steigt in die Nase. Überall Scherben, geplatzter Beton, Risse in Decken und Böden. Und mittendrin die Schätze des Museums: Autos, Webstühle, Modellflugzeuge. Wie durch ein Wunder haben sie die Brandkatastrophe im Oktober überstanden.

Doch der erste Eindruck täuscht. Ein Schmutzfilm aus Ruß, Chemikalien und Kondenswasser liegt über den Objekten und frisst sich mit jedem Tag tiefer hinein. "Wir können den Exponaten beim Rosten zusehen", sagt Geiger und schüttelt den Kopf. Auch fünf Wochen nach dem Brand im Ingolstädter Gewerbegebiet wirkt er bei diesem Anblick ergriffen. Rund 20 000 Objekte hat das Museum in diesem Depot gelagert.

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8000 von ihnen sind akut von dem Brand betroffen. Das Deutsche Museum erlebt derzeit die größte Sanierung in seiner Geschichte. In zwei Bauabschnitten wird das gesamte Sammlungsgebäude runderneuert, alle Ausstellungen werden überarbeitet. 2020 soll Abschnitt eins wieder eröffnet werden. Vorher mussten das Depot im Keller der Museumsinsel und die Hälfte der Ausstellungen ausgeräumt werden. Rund 100 000 Objekte gingen auf die Reise, vom Starfighter über das Hammerklavier bis zum Mikroskop von Joseph Fraunhofer oder einzelnen Reagenzgläsern von Justus von Liebig.

Einige Flugzeuge kamen in der Flugwerft Schleißheim unter, einige Lokomotiven in der Lokwelt Freilassing. Alles andere wurde in zehn gemieteten Depots gelagert, mit einer Gesamtfläche von 48 000 Quadratmetern. Eines davon befindet sich in Ingolstadt, in einer Halle, die vorher Nikoläuse und Osterhasen beherbergte. Nebenan stapelt sich Babynahrung, eine Halle weiter lagert militärisches Gerät.

"Das ist natürlich alles andere als ein geeigneter Ort für Kulturgut", sagt Andreas Geiger. Aber was sollten sie machen? Lagerflächen sind heiß begehrt und teuer. Geiger und die Restauratorin Anja Alt sind seit dem Brand alle paar Tage in Ingolstadt. Anfangs durften sie das Gebäude nicht betreten, akute Einsturzgefahr. Inzwischen gab der Statiker Entwarnung. Doch es gibt noch keinen Strom, kein Licht, erst seit wenigen Tagen bläst ein mobiles Heizgerät warme Luft in die am schlimmsten betroffene Halle - ein verzweifelter Versuch, die Feuchtigkeit zu reduzieren und den Verfall zu bremsen.

Im Mittelgang zwischen Schreibmaschinen und Schiffsmodellen, Traktoren und Telegrafen steht ein Handkulier-Webstuhl aus Zeulenroda, Baujahr 1880. Mit seinem geschnitzten Holzrahmen und Hunderten von Nadeln steht er als Zeuge für die Frühzeit der Textilindustrie, als die Strumpfmanufaktur Arbeit und Wohlstand nach Thüringen brachte. Solche Geräte erzählen ja nicht nur von der technischen Entwicklung, sondern auch von Menschen und Regionen. Jetzt rostet der Webstuhl bedrohlich vor sich hin. Ein paar Gänge weiter steht der frühere Zeiss-Projektor des Planetariums, ein Wunderwerk der Optik und Mechanik - von einer dicken Rußschicht überzogen. "Wie es in seinem Inneren aussieht, wissen wir nicht", sagt Geiger. Einige wenige Kostbarkeiten wie einen Original-Laser von Theodore Maiman haben die Experten schon aus dem Depot gerettet.

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Der gesamte Schaden lässt sich aber noch gar nicht ermessen. Es wird Monate dauern, bis alle Objekte begutachtet sind. Der Plan ist, sagt Geiger, in der weniger betroffenen Halle so bald wie möglich mit der Reinigung zu beginnen. Vor dem Umzug hat jedes Exponat einen Barcode erhalten. Deshalb können die Kuratoren der Fachabteilungen ihre Schätze leicht identifizieren. Manche sind einzigartig wie der Oldtimer aus dem Jahr 1925, der jetzt in der verkohlten Halle steht. Das Automobil der Schwäbischen Hüttenwerke war die Sensation auf dem Autosalon in Berlin. Es hatte Einzelrad-Aufhängung, Vierrad-Bremssystem und eine Karosserie aus Aluminium - die rostet zum Glück nicht. Auf den ersten Blick sieht es gut aus, "aber ich mag gar nicht unter die Kühlerhaube schauen", sagt Geiger und seufzt.