Kino:Verlässlich eigenwillig

Die 55. Hofer Filmtage finden zum zweiten Mal hybrid statt - an Ort und Stelle und im Netz. Auch wenn die Auswahl in diesem Jahr nicht ganz einfach war, lockt ein überraschendes Programm.

Von Josef Grübl, Hof

Kino: "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm" ist Teil der Retrospektive mit der Joachim Król geehrt wird.

"Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm" ist Teil der Retrospektive mit der Joachim Król geehrt wird.

(Foto: Stephan Pick / Hofer Filmtage)

Schön, dass es in ungewissen Zeiten noch Gewissheiten gibt. So kann man sich auch im zweiten Pandemiejahr auf die Hofer Filmtage verlassen, die als Präsenzveranstaltung in den Kinos der Frankenmetropole stattfinden. Darüber hinaus wird eine digitale Variante angeboten, bei der man einen Teil der Filme ortsunabhängig streamen kann - und das sogar sieben Tage über das eigentliche Festivalende hinaus. Dieses duale Modell hat sich bereits im Vorjahr bewährt, in dem ebenfalls gestreamt wurde, in dem sich die Filmgemeinde Ende Oktober aber auch live in Hof traf. Ein paar Tage später wurden die Kinos in Deutschland für eine sehr lange Zeit geschlossen, das war dann ziemlich perfektes Timing - zumindest für die Filmtage.

Auch das Timing von Thorsten Schaumann ist perfekt, pünktlich auf die Minute steht er vor einem Café im Münchner Glockenbachviertel. Optisch hat sich der künstlerische Leiter von Hof etwas verändert, sein halblanges Haar trägt er jetzt raspelkurz, der Festivalchef-Frisuren-Wiedererkennungswert ist damit also perdu. Damit unterscheidet er sich von seinem Vorgänger, dem Filmtagegründer und jahrzehntelangen Leiter Heinz Badewitz, der bis zu seinem Tod im Jahr 2016 die immergleiche Prinz-Eisenherz-Frisur trug. Auch sonst hat Schaumann, der lange im internationalen Filmvertrieb arbeitete und die Filmtage seit vier Jahren leitet, einiges verändert.

Während Badewitz auf den Reiz des Immergleichen setzte, auf Begegnungen, Bratwürste oder das alljährliche Fußballspiel etwa, probiert sein Nachfolger gerne neue Dinge aus, unter anderem Late-Night-Shows, Pitching-Sessions oder Kooperationen mit anderen Festivals. "Die Filme stehen aber im Mittelpunkt, daran wird sich nie etwas ändern." Das sagte Heinz Badewitz ein paar Jahre vor seinem Tod bei einem Treffen in München. Das sieht Thorsten Schaumann ähnlich, er hat die Veranstaltung modernisiert, an den Grundfesten will auch er nicht rütteln. An den sechs Präsenztagen in Hof werden Filme aus der ganzen Welt gezeigt, das hat dort Tradition: Dieses Jahr sind es 69 Langfilme und 51 Kurzfilme.

Die Herbstschau des deutschen Kinos

Bekannt geworden ist Hof aber als "Herbstschau des deutschen Kinos", nahezu alle bedeutenden Filmemacher der Republik waren schon hier, von Mare Ade über Detlev Buck, Doris Dörrie, Rainer Werner Fassbinder, Dominik Graf, Caroline Link, Christoph Schlingensief, Hans-Christian Schmid, Tom Tykwer bis hin zu Wim Wenders. Auch dieses Jahr wird mit einer deutschen Produktion eröffnet, Peter Meisters Debüt "Das schwarze Quadrat" ist eine Kunsträuberkomödie auf hoher See, die Hauptrollen spielen Bernhard Schütz, Jacob Matschenz und Sandra Hüller.

"Das letzte Jahr war für uns alle anstrengend", sagt Schaumann beim Treffen in München, da wolle er, dass das Publikum wenigstens im Kino Spaß habe. "Quadratisch, schwarz, lustig", finde er den Eröffnungsfilm, das sei überhaupt kein Widerspruch. Insgesamt habe er festgestellt, dass Filmemacher heute extremere Geschichten erzählen, es seien sehr persönliche Innenansichten oder eigenwillige Dramen dabei, ebenso radikale Genrefilme. Begeistert spricht der künstlerische Leiter über alle seine Filme, aber da ist er ganz Festivaldirektor, das gehört zum Job dazu.

Kino: Abel Ferraras Film "Zeros and Ones" steht ab Mittwochnacht auch online zum Abruf bereit.

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(Foto: Hofer Filmtage)

Dieses Jahr werden unter anderem die neuen Regiearbeiten von Filmtagestammgästen wie Julia von Heinz, Kida Khodr Ramadan oder Rosa von Praunheim gezeigt, von Abel Ferrara, Hannes Starz oder Rachel Lang. Die meisten von ihnen werden in Hof erwartet, so wie auch der Schauspieler Joachim Król, dem die Retrospektive gewidmet ist. Die Filmauswahl war dieses Jahr etwas mühsam, gesteht Schaumann. Viele Festivals und Kinostarts wurden ein ums andere Mal verschoben, da wollten sich auch die Kreativen nicht frühzeitig festlegen. "Hinzu kam die Unsicherheit über die pandemische Entwicklung", sagt er, das habe ihm so manche schlaflose Nacht beschert.

In ungewissen Zeiten wie diesen gibt es eben kaum Planungssicherheit, das beklagten in den letzten Monaten auch seine Kollegen Diana Iljine vom Filmfest München oder Tom Bohn von Snowdance in Landsberg am Lech. "Im Grunde machen wir zwei Festivals", sagt Schaumann, eins in den Hofer Kinos Central und Scala, das andere im Internet. Vergangenes Jahr habe das ganz gut geklappt, trotz sehr strenger Hygieneregeln und einer maximalen Kinosaal-Auslastung von 25 Prozent wurden vor Ort 4700 Gäste gezählt, online gab es 17000 Zugriffe.

Wie man sich im Kino noch wohler fühlt als zuhause

Natürlich könne man immer noch etwas verbessern, sagt er, bei der Präsentation oder den Plattformen etwa. Die Live- und die Web-Variante der Filmtage würden natürlich in enger Verbindung stehen, beide hätten aber ihre eigenen Anforderungen. Online zeige man ja nicht nur Filme, sondern streame zusätzlich eigenen Content, Diskussionen mit Filmemacherinnen etwa, oder ein neues Format namens "Frühstücksclub - Der Breakfast Talk". Thorsten Schaumann ist ein begeisterungsfähiger Mensch, er geht auf die Menschen zu und erzählt in einer Stunde mehr als so mancher Filmemacher beim Interviewmarathon.

Er möchte neue Generationen erreichen, daher gebe es mehr Schul- und Fortbildungsveranstaltungen. Darüber hinaus will er das ganze Jahr über Ansprechpartner sein und hat deshalb 2017 das "Hof Filmtage Rendezvous" ins Leben gerufen: Bei dieser Reihe werden Festival-Highlights in Anwesenheit der Macher noch einmal gezeigt, im vergangenen Jahr waren es 35 Online-Veranstaltungen. Überhaupt halte er nicht viel vom Konkurrenzdenken zwischen Kino und Streaming-Plattformen, am Ende entscheide ja ohnehin das Publikum, was und wo es etwas sehen wolle.

Das Kino wurde schon oft totgesagt, es wird auch diesen Wandel in der Medienlandschaft überstehen, da ist sich Schaumann sicher. Er weiß auch wie: "Eigentlich ist es ganz einfach, man muss nur gut kuratieren, viel Präsenz zeigen und die Leute persönlich ansprechen. Sie sollen sich im Kino noch wohler fühlen als bei sich zuhause." Dieses Rezept lässt sich übrigens nicht nur bei Filmfestivals anwenden, sondern auch im heimischen Programmkino. Dann kommen auch die Leute wieder.

55. Internationale Hofer Filmtage, Di., 26., bis So., 31. Okt., www.hofer-filmtage.com

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